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Vor dem Wirtschaftsgipfel : Was deutsche Banker von Kenia lernen können

Nachholbedarf bei Bankgeschäften

Die rasante Entwicklung ist aber die Folge eines großen Nachholbedarfs: Im überwiegend armen Afrika südlich der Sahara führen mobile Bankgeschäfte dazu, dass viele Bürger, die sonst gar keine Transaktionen tätigen könnten, überhaupt erst an das Finanzwesen angeschlossen werden. Nach Daten der Weltbank hatte in dieser Region im Jahr 2014 nur jeder dritte Erwachsene ein Bankkonto. Drei Jahre zuvor lag der Anteil aber nur bei einem Viertel. In Kenia immerhin stieg der Anteil in dieser Zeit von 42 auf 75 Prozent. Doch so wenige Kontobesitzer wie in Afrika gibt es sonst nirgends auf der Welt - außer im Nahen Osten. Dafür gibt es in Afrika mehr Mobiltelefon-Konten, etwa jeder Achte in Subsahara-Afrika hat eines. Gering ist die Sparfähigkeit. Nur jeder sechste Afrikaner legt überhaupt regelmäßig Geld zurück.

Dennoch sind Marktbeobachter optimistisch: „Das mobile Bankgeschäft in Kenia wird in anderen Ländern kopiert“, sagt Templeton-Fondsmanager Hardenberg. Die Start-up-Kultur der kenianischen Metropolen sei mit der Berlins vergleichbar. „Der Vorteil von Kenia ist, dass es nie von Rohstoffen abhängig war, was die Menschen gezwungen hat, über Wettbewerb nachzudenken.“ Über die ostafrikanische Zollunion entstehe ein Markt mit 300 Millionen Konsumenten.

Kenia als Vorbild auf dem afrikanischen Kontinent

Andere ostafrikanische Länder profitierten zunehmend von der wachsenden Kompetenz kenianischer Institutionen. „Die kleineren Länder müssen sich an den größeren orientieren. Dazu ist die Bereitschaft in den vergangenen Jahren stark gewachsen“, sagt Peter Wolff vom DIE. Ob in Tansania oder in Ruanda - man sei inzwischen bereit, kenianische Fachleute zum Beispiel in die Zentralbank zu holen. Aus Wolffs Sicht funktioniert es nur über die Kooperation. „Viele kleine Länder bekommen nicht genügend Masse für einen vernünftigen Kapitalmarkt zustande.“

Und selbst die von den Fachleuten gelobte Börse in Kenia kommt bislang nur auf eine Kapitalisierung von 1,9 Billionen Kenia-Schillingen (etwa 18 Milliarden Euro). Das entspricht etwa dem Wert des deutschen Unternehmens Heidelbergcement, eines kleineren der 30 Mitglieder des Börsenindex Dax. Etwas gewichtiger ist die nigerianische Börse mit einer Marktkapitalisierung von 9,1 Billionen Naira (knapp 28 Milliarden Euro), was ungefähr der Größe des Dax-Konzerns Munich Re entspricht.

Große Probleme in Nigeria

In Westafrika kommt allerdings erschwerend hinzu, dass Nigeria als Leuchtturm in den vergangenen Jahren ausgefallen ist. Die Wirtschaft des Landes mit 180 Millionen Einwohnern ist zu wenig diversifiziert und stark abhängig vom Ölpreis. Der bis 2015 regierende Staatspräsident Goodluck Jonathan hat das anfängliche Vertrauen zunehmend eingebüßt, unter seinem Nachfolger, dem ehemaligen General Muhammadu Buhari, ist das Land weiter zurückgefallen. Kapitalverkehrskontrollen machen ausländischen Anlegern das Leben schwer. „Wenn ich eine Aktie verkaufe, will ich schnell Naira in Euro oder Dollar konvertieren, doch die Notenbank ermöglicht das nicht“, beklagt Kahlfeld von der Deutschen Bank.

Theoretisch sei Nigeria ein Land mit Chancen, 180 Millionen Menschen sind potentielle Konsumenten. Nigeria könnte auf Augenhöhe mit Südafrika, Ägypten, Marokko und Kenia stehen. „Aber wenn ich die Währung nicht aus dem Land bekomme, ist das für einen Treuhänder von Geld nicht hilfreich“, sagt Kahlfeld. Deshalb hielten sich Investoren zurück. So leide der gesamte westafrikanische Raum. „Ghana zum Beispiel wird als die Schweiz von Westafrika bezeichnet. Aber wirtschaftlich ist es mit 20 Millionen Einwohnern nur ein kleines Land“, sagt Hardenberg von Franklin Templeton.

„Die regionale Integration steht auf der Tagesordnung. Aus ökonomischer Sicht ist sie sehr wichtig“, sagt Entwicklungswissenschaftler Wolff. „Viele Länder sind zu klein, um Institutionen in ausreichender Qualität zu schaffen.“ Vergleichsweise stabile Länder wie Benin oder Togo verfügen nur über rudimentäre Finanzmärkte. In vielen Ländern der Subsahara-Region ist das Grundwissen zu Finanzthemen rudimentär. Doch mit der Agenda 2063 hat sich die Afrikanische Union solche Kooperationen zum Ziel gesetzt. Eine gemeinsame Zentralbank ist erklärtes Ziel.

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