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Getreidepreise : Weizen wird immer billiger – und Afrika hungert weiter

  • -Aktualisiert am

Frauen in einer Getreidemühle von Zala Ambessa Bild: Wolfgang Eilmes

Die Getreidelager auf der Welt sind so voll wie selten. Der Preis sinkt, doch den Ärmsten der Welt nützt das kaum. Ostafrika braucht Geld und Regen.

          Wen interessieren Getreidepreise? Weder die Reichsten noch die Ärmsten der Welt. Die Reichsten bemerken nicht einmal eine Preisverdoppelung, weil der Preis eines europäischen Brötchens sich nur zum geringsten Teil vom Preis des Getreides ableitet. Die Ärmsten können es sich hingegen überhaupt nicht leisten, Getreide zu kaufen. Sie leben nur von dem, was sie selbst anbauen.

          Es ist also eine dritte Gruppe, die Anstieg und Fall der Getreidepreise finanziell spüren und die Auswirkungen auf dem Teller bemerken: die Menschen der unteren Einkommensschichten in Schwellen- und Entwicklungsländern. Daher war es 2008 und 2011 zu Protesten gegen Preissprünge in Mexiko oder Nordafrika gekommen.

          Eine für diese Armen erfreuliche Nachricht vom Donnerstag lautet: Die Getreidelager der Welt sind so gut gefüllt wie seit vielen Jahren nicht mehr. Das geht aus den neuesten Erhebungen der Agrarorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Rom hervor.

          Schwerste Dürre seit 50 Jahren

          247,6 Millionen Tonnen Weizen liegen in den übervollen Lagern. Bis zum kommenden Jahr sollen die Bestände nochmals leicht steigen, prognostiziert die FAO. Der Preis für Getreide auf der Welt sinkt weiter. Es war im April nochmals 2,5 Prozent günstiger als im Vorjahr und kostet sogar weniger als vor zehn Jahren. Die Rekordernte vom Vorjahr von rund 2,6 Milliarden Tonnen Getreide dürften die Farmer mit minimalen Abstrichen abermals einfahren.

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          Doch was nützt es den Millionen Menschen, die in Ostafrika seit Monaten an Dürre oder bürgerkriegsbedingtem Mangel leiden? Allein in Somalia sind dies laut neuester Prognose des UN-Kinderhilfswerks Unicef bis zum Jahresende 1,4 Millionen Kinder. Das wären 50 Prozent mehr als Ende 2016.

          Seitdem sind laut Unicef mehr als 615.000 Somalier vor der schwersten Dürre seit 50 Jahren geflohen. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) war erst zu Wochenbeginn in Somalia und hatte gefordert, die internationale Gemeinschaft müsse „den Kampf gegen die Hungerkatastrophe aufnehmen, die hier in vollem Gange ist“. In der kommenden Woche treffen sich Regierungsvertreter mehrerer Staaten in London zur Geberkonferenz.

          Staatskassen profitieren vom billigen Weizen

          Gabriel kündigte an, Deutschland werde seine Leistungen in Höhe von 70 Millionen Euro mindestens verdoppeln. Zuvor hatte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) angesichts der Dürre 300 Millionen Euro und damit mindestens 100 Millionen Euro Finanzhilfe mehr als bisher vorgesehen in Aussicht gestellt. Rund 5,6 Millionen Menschen leiden dort an Hunger. Millionen weitere sind es in Südsudan, Somalia, Niger, Kamerun und Kenia.

          In den Dürreregionen nutzt es den Betroffenen wenig, dass die Weltmarktpreise für Getreide derzeit etwa rund ein Viertel unter dem Niveau von 2014 liegen. Viele Millionen Afrikaner leben von dem, was sie vor Ort ernten. In Kongo etwa, einem der industriell am wenigsten entwickelten Staaten, versorgt sich fast die gesamte Bevölkerung als Subsistenzlandwirte selbst. In vielen anderen afrikanischen Staaten sind mehr als zwei Drittel der Bevölkerung von der Agrarwirtschaft abhängig. Den Großteil ihrer Ernten verbrauchen sie selbst.

          Laut Weltbank liegen von den 15 Ländern der Welt mit dem höchsten Landwirtschaftsanteil am Bruttoinlandsprodukt 14 in Afrika. Kleinbauern tragen laut Welthungerhilfe rund 70 Prozent zu der Welternte bei. Bestenfalls indirekt nützt der globale Preisverfall für Getreide den ärmsten Kleinbauern und Nomaden. Private oder staatliche Entwicklungshilfeorganisationen können von ihren Budgets mehr Nahrungsmittel kaufen. Die Überweisungen von Devisen aus reichen Staaten durch Verwandte kommt eher in der Mittelschicht als bei Kleinbauern an.

          Die EU wird laut der FAO auch in der Erntesaison 2017/2018 der weltgrößte Exporteur von Weizen bleiben. 29,7 Millionen Tonnen und damit 1 Million Tonnen mehr als Russland exportieren Händler wie die amerikanische Archer Daniels Midland (Toepfer), Cargill oder Baywa aus der EU. Die Preise bilden sich an der Börse CME in Chicago. Globale Banken wie Crédit Agricole oder die Commerzbank finanzieren den Handel. Der indirekt durch die EU-Agrarsubventionen verbilligte Weizen aus der EU nährt vor allem die an Devisen reichen Länder wie Iran und Saudi-Arabien. Deren Staatskassen profitieren vom billigen Weizen.

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