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Afrika : Hunger in Somalia

20 Jahre nach der letzten großen Hungersnot: Millionen Menschen sind von Unterernährung und Tod bedroht Bild: dapd

20 Jahre nach der letzten großen Hungersnot sind in Somalia Millionen von Unterernährung und Tod bedroht. Regionen wie die afrikanische Ostküste sind stärker vom Klimawandel betroffen als andere Gebiete auf der Welt. Der Westen kommt an stärkerem politischen Engagement nicht mehr vorbei.

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          An den Norden des afrikanischen Somalia grenzt ein Staat, der so ähnlich klingt, aber doch ganz anders ist als sein missratener Bruder im Süden: Somaliland. Die international nicht anerkannte Republik hat sich nach Ausbruch des Bürgerkriegs Anfang der neunziger Jahre von Somalia abgespalten. Bis heute hat Somaliland halbwegs funktionierende Institutionen gebaut und so etwas Ähnliches wie eine Demokratie etabliert. Der Süden ist derweil im Krieg der Familienclans versunken, die Somalia zu einem der menschenfeindlichsten Plätze der Welt gemacht haben.

          Im Norden wie im Süden leiden seit Monaten die Ackerbauern unter der extremen Dürre, die Brunnen trockenlegt und Rinder ausmergelt. In Teilen des südlichen Somalias sterben in diesen Tagen laut Schätzungen der Vereinten Nationen jede Stunde 14 Kinder an Unterernährung. Auch im Norden, in Somaliland, ist der Mangel groß. Doch die Lage ist weit weniger dramatisch als in Somalia, wo sich am Freitag wieder radikalislamische Gotteskrieger Gefechte um die Lebensmittelpakete aus dem Westen lieferten.

          Die Situation beider Länder zeigt in der Praxis, was einst der indische Armutsforscher und Nobelpreisträger Amartya Sen herausgefunden hat: dass Hungersnöte nicht nur dadurch entstehen, dass es zu wenig Nahrung für zu viele Menschen gibt, sondern dass Nahrungsmittelknappheit häufig das Resultat eines politisch motivierten Verteilungsproblems ist. Sen veröffentlichte seine Theorie in den achtziger Jahren. Wider Erwarten ist sie nun wieder brandaktuell. Dass im 21. Jahrhundert, 20 Jahre nach der letzten großen Hungersnot, wieder Millionen Menschen von Unterernährung und Tod bedroht sind, ist nicht zuletzt für die westlichen Gesellschaften ein Schock. Die Fernsehbilder von sterbenden Kinder haben einen neuen leidenschaftlichen Streit über die Frage nach den Ursachen für die Katastrophe ausgelöst, die je nach ideologischem Standort beantwortet wird.

          Mittelfristig kommt der Westen an stärkerem Engagement nicht vorbei

          Dabei muss man gar nicht leugnen, dass der Klimawandel Regionen wie die afrikanische Ostküste viel härter trifft als andere Gebiete auf der Welt. Doch man muss auch kein Zyniker sein, um zu konstatieren: Nicht jede Dürre führt zum Massentod. In keiner einzigen funktionierenden Demokratie, stellte Ökonom Sen Mitte der achtziger Jahre fest, habe es jemals Hungersnöte gegeben. Denn in einem demokratischen System wären auch die Herrschenden zumindest insoweit davon betroffen, dass sie mit ihrer Abwahl rechnen müssten, während Tyrannen ihr Versagen bei der Bekämpfung der Armut meist nicht kümmert.

          Dass Somalia schon oft von Dürren heimgesucht wurde, ändert nichts daran, dass Trockenheit, Fluten und Erdbeben eher kurzfristige Schocks sind, die Nahrungsmittelknappheit in den Ländern verstärken. Die langfristigen Ursachen liegen jedoch im System selbst: Wenn vom ständigen Terror bedrohte Bauern keine Kornkammern anlegen können und sie außer Vieh nichts ihr Eigen nennen, ist die Verwundbarkeit bei Naturkatastrophen groß. Funktionierende Volkswirtschaften wie Japan verfügen in der Not über Ausweichstrategien. Die gibt es nicht, wenn pausenloser Bürgerkrieg ausländische Investoren davon abhält, florierende Unternehmen ins Land zu pflanzen.

          Mittelfristig kommt der Westen also an stärkerem politischen Engagement in Somalia nicht vorbei, der Konflikt muss zumindest minimal befriedet werden. Das ist anstrengend. Seit einem Jahr trainiert die EU somalische Regierungssoldaten – die sich danach oft gut ausgebildet den Terrorfürsten anschließen. Diplomatie ist kompliziert in einem Land, in dem der Mob in den neunziger Jahren die nackte Leiche eines amerikanischen GI durch die Straßen Mogadischus schleifte.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

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