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Afghanistan : Rosen gegen die internationale Drogenmafia

Rosen statt Mohn Bild: picture-alliance/ dpa

Fast 90 Prozent des Opiums auf dem Weltmarkt stammen aus Afghanistan. Jetzt erproben die Bauern eine Alternative: Rosen statt Mohn. Die große Lösung für Afghanistans Drogenproblem ist das sicher nicht. Doch die gibt es wohl auch nicht.

          Anfangs ist Mundiq von seinen Nachbarn belächelt worden. „Diese neuen Dinge sind nicht gut für dich“, sagten sie. Doch als sie dann seine erste Ernte sahen, wurden sie neugierig. In nur zwei Jahren sind die Pflanzen zwei Meter in die Höhe geschossen und haben unzählige Blüten getrieben. Mundiq hat sein Feld mit Rosen bestellt, obwohl der Ältestenrat seines Distrikts entschieden hatte, daß die Bauern in diesem Jahr wieder kollektiv Schlafmohn anbauen sollten. Die ostafghanische Provinz Nangarhar im Grenzgebiet zu Pakistan gehört seit Jahren zu den wichtigsten Anbaugebieten für den Mohn, aus dem Opium und Heroin hergestellt werden.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          „Die Mullahs sagten uns, es sei verboten, Mohn anzubauen, doch wir hatten keine Alternative“, sagt Mundiq. Dann kam die Deutsche Welthungerhilfe und bot ihm an, anstelle von Mohn Rosen anzubauen. Insgesamt 120 ehemalige Opiumbauern in der Provinz Nangarhar haben sich auf das Experiment eingelassen. Sie bringen die geernteten Blüten zu nahe gelegenen Destillen, wo Rosenwasser und -öl aus ihnen gewonnen wird. Die duftende Flüssigkeit ist in der islamischen Welt ein beliebter Zusatz in Kosmetika, Seife, Speisen und Medizin und wird bei Beerdigungen versprüht. Es heißt, die Rose sei aus den Tränen des Propheten Mohammed entstanden.

          Rosenöl bringt bis zu 4500 Euro das Kilo

          Lukrativer noch ist Rosenöl, das mit bis zu 4500 Euro je Kilo auf dem Weltmarkt gehandelt wird - vorausgesetzt, es stammt aus organischem Anbau. Daraus werden Naturkosmetika hergestellt, die sich in Europa, Asien und den Vereinigten Staaten zunehmender Beliebtheit erfreuen. Projektleiter Norbert Burger warnt jedoch vor voreiligem Enthusiasmus: „Es gibt keine legale Pflanze, die mit Opium konkurrieren kann“, sagt er. Zwar können die Bauern mit dem Rosenanbau etwa dreimal soviel verdienen wie mit anderen legalen Früchten, zum Beispiel Weizen, doch Opium bringt im Durchschnitt noch immer mehr als doppelt soviel ein. „Aber Opium ist eben illegal“, betont Burger. Deshalb ist er überzeugt, daß das Projekt nur Erfolg haben wird, wenn die Regierung es ernst meint mit dem Kampf gegen die Drogen: „Wenn die Regierung die Opiumfelder nicht zerstört, dann haben wir keine Chance.“

          Das freilich ist nicht so einfach in einem Staat, in dem das Gewaltmonopol der Regierung kaum über die Hauptstadt hinausreicht. Vor wenigen Wochen sollte eine Spezialeinheit der Polizei Opiumfelder in Nangarhar zerstören. 1500 Mann rückten an. Doch die Bauern organisierten sich und setzten sich mit ihren noch immer reichlich vorhandenen Waffen zur Wehr. Die Sache wurde afghanisch gelöst. Der Ältestenrat einigte sich mit den Behörden auf ein bestimmtes Feld, das zur Zerstörung freigegeben wurde. Das Fernsehen durfte drehen, Fotos wurden gemacht, die Spezialeinheit schrieb einen geschönten Report. Und der Besitzer des zerstörten Feldes wurde von allen anderen Bauern kollektiv entschädigt. In Nangarhar lacht man über solche Anekdoten. „Sie sind nicht stark genug“, sagt einer der Bauern grinsend. „Wo ist denn die Regierung?“ fragt ein anderer.

          „In diesem Jahr war die Rose besser als das Opium“

          Mumtaz Kutawal versucht es deshalb auch mit moralischem Druck: „Du weißt doch, daß der Koran den Drogenanbau verbietet“, schalt der Distriktkoordinator der Deutschen Welthungerhilfe den Bauern. Der Mann wirkt tatsächlich etwas kleinlaut, schiebt sich den Turban in den Nacken und wedelt sich eine Fliegen aus dem Gesicht. Seine fünf Brüder blicken wortlos zu Boden. Wenn es um den Islam geht, gibt es in Afghanistan keine Widerrede.

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