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Prominente Spender : Erste Unternehmer nähern sich der AfD

  • -Aktualisiert am

Hat gut lachen: Der Wirtschaftsprofessor und Parteigründer Bernd Lucke zieht mit seiner Eurokritik nun auch mittelständische Unternehmer an. Bild: dpa

Die eurokritische AfD erhält Zuspruch aus der Wirtschaft. Zwei namhafte Mittelständler bekennen sich offen zu ihr – zum Verdruss der CDU.

          Mit Heinrich Weiss hat sich erstmals ein bekannter Unternehmer hinter die AfD gestellt. Nach diversen Kontakten mit Spitzenvertretern der Partei – darunter im September einen Besuch der Fraktion im Europaparlament um Parteichef Bernd Lucke – zeigt Weiss sich vom ökonomischen Sachverstand in dieser Partei sehr angetan. Er wolle zwar nicht Mitglied werden, sagte er der F.A.Z., aber die Partei mit Worten und finanziell unterstützen. Für die CDU-Führung ist es unangenehm, dass sich nun erstmals ein prominenter Wirtschaftsvertreter offen für die umstrittene Eurokritiker-Partei ausspricht. Die Union versucht die AfD als „Chaotenpartei“ abzutun. Zugleich spürt sie auch die Unzufriedenheit wirtschaftsnaher und konservativer Wähler mit der Politik der großen Koalition.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Der 72 Jahre alte Weiss war Chef der SMS-Gruppe und ist nun ihr Aufsichtsratsvorsitzender. Weiss formte aus einem mittelgroßen Maschinenbaubetrieb eines der global führenden Hüttentechnikunternehmen mit fast 10.000 Arbeitsplätzen und einem Milliardenumsatz. Doch Weiss steht auch für eine politische Karriere: Nach der Wiedervereinigung war er Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und Bundesvorsitzender des CDU-Wirtschaftsrates. Wenige Jahre später trat er wegen wachsender Zweifel an der wirtschaftlichen Kompetenz aus der Union aus. Schon vor Jahren, als es noch keine AfD gab, hat Weiss das Gerangel um die Staatsschulden- und Eurokrise als Insolvenzverschleppung bezeichnet.

          Weiss sieht drei Gruppen, aus denen die Mitglieder und Wähler der AfD kommen wirtschaftlich interessierte Bürger, die mit der sogenannten Euro-Rettungspolitik unzufrieden sind; ferner konservative Familien, die früher zum Teil von der CSU vertreten wurden; und drittens auch Rechtsradikale. „Wenn es der AfD nicht gelingt, diese Rechtsradikalen auszuschwitzen, wird es die Partei schwer haben“, sagte Weiss

          Heinrich Weiss

          Aber der Unternehmer ist zuversichtlich, dass die neue Partei mit ihrer Wirtschafts- und Finanzkompetenz und der konservativen familienpolitischen Agenda in der Bevölkerung noch erhebliches Wählerpotential besitzt. Schon seit langem hält er sich mit seiner Kritik an permanenten Vertragsverstößen der Euroländer nicht zurück. Daher unterstützt er die Position der AfD, die den Ausschluss der vertragsbrüchigen Staaten aus der Euro-Gruppe fordert. „Wenn Italien oder Frankreich die gemeinsame Währung aufgeben müssten, würde das erst einmal durch den damit verbundenen enormen Aufwertungsdruck für die hiesige Exportwirtschaft sehr schwierig“, sagt Weiss: „Aber langfristig ist das die bessere Alternative zu einer endlosen Schwächeperiode, wie wir sie in Japan sehen.“

          Mit Hans Wall, dem Gründer des Berliner Außenwerbers Wall AG, hat die noch junge Partei einen weiteren Wirtschaftsvertreter gewonnen. Er ist dort Mitglied geworden und habe der Partei einmalig 10.000 Euro gespendet, sagte Wall im Gespräch mit der F.A.Z. Die AfD sei die einzige Partei, die sich traue, die Fehler in der Euro-Rettung zu benennen, sagte der 72-Jährige. Und weiter: „Wenn der Euro ein Unternehmen wäre, stünde schon längst der Staatsanwalt vor der Tür.“ Eine Wiedereinführung der D-Mark wünscht sich Wall zwar nicht, wohl aber den Ausschluss von Griechenland, Zypern und anderen Krisenstaaten aus der Währungsgemeinschaft. Die Vorwürfe, die AfD sei rechtspopulistisch, wischt Wall weg – er erlebe sie vor allem als Treffpunkt enttäuschter Mittelständler. Seiner Meinung nach müsste Deutschland in Europa viel fordernder auftreten: „Wir sollten uns da Großbritannien als Vorbild nehmen.“

          Hans Wall

          In seinem früheren Unternehmen kommen Walls politische Positionen nicht gut an, es distanzierte sich am Mittwoch ausdrücklich von seinem Gründer und langjährigen Vorstandschef. „Die Wall AG hat aktuell oder in der Vergangenheit nicht an die AfD gespendet und wird dies auch nicht in Zukunft tun“, teilte die Firma mit.

          Nach Angaben der Partei sind die neuen Mitstreiter nur die Spitze des Eisbergs. Hans-Olaf Henkel, AfD-Abgeordneter in Brüssel und einst Chef von IBM Deutschland sowie BDI-Präsident, erklärte auf Anfrage: „Mehrere Dax-Vorstände und zahlreiche Chefs von Familienunternehmen unterstützen die AfD.“ Darunter seien sowohl amtierende wie frühere Vorstandsmitglieder. „Diese Leute wollen noch nicht ihre Nähe zur AfD öffentlich machen, aber sie sympathisieren mit der Partei.“ Großspenden verzeichnen die Eurokritiker bislang kaum. Zum Renner entwickele sich derweil der Goldhandel, den die Partei aufgezogen hat: Innerhalb einer Woche seien Bestellungen über fast eine Million Euro eingegangen. Der Nebeneffekt: Nach dem Parteiengesetz steigt dadurch auch der Anspruch auf Wahlkampfkostenerstattung.

          Parteichef Lucke attackierte unterdessen die Wirtschaftspolitik der großen Koalition. Er forderte, dass „wirtschaftsfeindliche Maßnahmen der Bundesregierung unverzüglich aufgehoben werden“. Dazu zählt der Volkswirt nicht nur den Mindestlohn und hohe Lohnnebenkosten, sondern auch die im Koalitionsvertrag vereinbarte Frauenquote.

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