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Umstrittener Bestsellerautor : Der Provokateur

  • -Aktualisiert am

Thorsten Schulte ist Vorsitzender des Vereins „Pro Bargeld“, Ex-CDU-Mitglied, AfD-Sympathisant, Vermögensberater, gefeuerter Deutsch-Banker, Bestsellerautor Bild: Frank Röth

Der ehemalige Banker Thorsten Schulte hat sich die Wut auf Angela Merkel und Mario Draghi von der Seele geschrieben. Das Buch des AfD-Sympathisanten ist ein Bestseller – obwohl der Handel es boykottiert. Oder gerade deswegen?

          6 Min.

          Thorsten Schulte darf sich als Geächteter fühlen. Das passiert Bestseller-Autoren selten. Normalerweise werden solche Leute hofiert, ihr Werk erhält den prominentesten Platz im Buchladen, auf dass die Kassen klingeln. Im Fall von Schulte ist alles anders. "Kontrollverlust", so heißt sein Buch, fehlt in der Auslage der meisten Buchhändler. Erst auf hartnäckige Nachfrage wird es für den Kunden bestellt, gerade so, als handle es sich um heiße Ware. "Diesen Artikel präsentieren wir nicht", hat ein Thalia-Händler in Hamburg auf ein Blatt Papier geschrieben, das statt des Buches im Regal mit den Bestsellern steht.

          Warum dieser Boykott? Was hat der Autor verbrochen? Steht sein Buch etwa auf einem Index? Nein, nichts dergleichen. Der Verfassungsschutz wird nichts juristisch Verwertbares auf den 288 Seiten finden. Das Buch ist nicht verboten, allenfalls politisch provokant (das glauben die Fans) oder inhaltlich missraten, das sagt der Rest. Dem Handel genügt der Verdacht, Schulte sei irgendwie rechts, sein Verlag dubios, um das Buch zu sabotieren.

          Tatsächlich schreibt er, was AfD-Anhänger gerne lesen, aber auch was CDU/CSU-Leute so schon formuliert haben. In Flüchtlings- wie Euro-Krise sei geltendes Recht gebrochen worden, lautet Schultes These. Der Maastricht-Vertrag sieht vor, dass kein Pleiteland von anderen Staaten rausgepaukt wird. Dublin steht dafür, dass Flüchtlinge in demjenigen EU-Staat aufgenommen werden, wo sie europäischen Boden betreten. Beide Male wurde gegen die Paragraphen verstoßen, sagt Schulte. "Staatsversagen" ist der Kampfbegriff aller Merkel-Gegner in- und außerhalb der Union, Schulte spricht von Organversagen: "Und das Organ heißt Angela Merkel."

          „Fassungslose“ Wut

          Der Mann, von Haus aus Finanzexperte, steigert sich in eine "fassungslose" Wut über die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, empört sich über die Nullzinspolitik von EZB-Präsident Mario Draghi. Außerdem kämpft er gegen die Abschaffung des Bargelds, für mehr direkte Demokratie und für die Freiheit, auch in Deutschland Waffen tragen zu dürfen. Aufrufe zur Gewalt finden sich nirgendwo, so wenig wie völkisches, rechtsextremes Gedankengut.

          Wie auch? Thorsten Schulte, ein gelernter Banker, entstammt der Mitte der Gesellschaft. In seinem früheren Leben war der Mann braves CDU-Mitglied. 26 Jahre verbringt er im Schoß der Partei, angelt sich Ämter in der Kommunalpolitik, stellt sich in seiner Heimatstadt Hamm mit Lautsprecher in die Fußgängerzone, macht vor Ort Wahlkampf für Laurenz Meyer, seinen Förderer, den damaligen CDU-Generalsekretär, den er bisweilen in die Hauptstadt begleitet: "Ich ging in der CDU-Zentrale ein und aus", behauptet Schulte, heute Mitte 40 und noch immer ein jugendlicher Typ: Jeans, Sakko, weißes Hemd, das kurze Haar stichelig hochgegelt.

          Mit 14 Jahren ist er in die Junge Union eingetreten, Helmut Kohl regiert damals in Bonn. Als der Bundeskanzler den europäischen Binnenmarkt vollendet, fährt Schulte mit seinen JU-Kumpels nach Brüssel, Silvester 1992/93 war das, um das historische Ereignis zu feiern. Er erzählt die Anekdote, um ein für alle Mal klarzustellen: "Seht her, ich bin ein guter Europäer, weit weg vom Nationalismus."

          Nicht er hat sich radikalisiert, so sieht Thorsten Schulte das, sondern die Union hat ihre Werte verraten. Seine Liebe zur Partei wich einem Hass auf die Kanzlerin. "Merkel muss weg" ist die Melodie hinter all seinem Reden, die Kanzlerin wird darin zur Karikatur eines ehemaligen FDJ-Mädchens, das die CDU gekapert hat, um auf dem Boden der Bundesrepublik eine "DDR 2.0" zu errichten. Diese These hat Schulte nicht exklusiv. Er greift auf die einschlägige Schmäh-Literatur zurück, stützt sich auf die Frustrierten und Verfemten in der CDU. Würde die Kanzlerin "morgen in die Wüste geschickt", prophezeit er, "würden viele Enttäuschte zur Union zurückkehren". Er wohl nicht, dafür ist zu viel passiert in der Zwischenzeit.

          Wohlwollendes Interesse für die AfD

          Als sich die AfD formiert, anfangs als Professoren-Club, schaut Schulte bereits mit wohlwollendem Interesse zu. 2016 gründet er schließlich mit Bernd Lucke - dem ersten AfD-Anführer, inzwischen im Europarlament an den Rand gedrückt - und anderen die Initiative "Pro Bargeld - Pro Freiheit e.V.". Rege scheint das Vereinsleben nicht, eine einzige Kundgebung vermerkt der Internetauftritt, und die ist auch schon ein Jahr her: Schulte stieg in Frankfurt auf eine Bühne mit Eurokritiker Joachim Starbatty, dem Tübinger Professor, der auf AfD-Ticket nach Brüssel reiste (und hinterher an Luckes Seite im politischen Abseits strandete). Ein weiterer Mitstreiter war an dem Tag Max Otte, der ehemalige Wormser BWL-Professor mit mittelmäßigen Geldanlagetipps und einer politischen Agenda: Im vergangenen Wahlkampf warb er, obschon ewig CDU-Mitglied, für die AfD. Thorsten Schulte wiederum unterstützt im Sommer AfD-Frontfrau Alice Weidel mit einem Youtube-Werbevideo, hilft dem Vorsitzenden Jörg Meuthen mit gemeinsamen Auftritten, um erfreut festzustellen, dass er von den beiden der schwungvollere Redner ist. Mitglied der Partei ist der ehemalige Banker nicht, noch nicht, er sondiert die Lage, so sind wohl die Andeutungen zu verstehen, die er in diese Richtung fallenlässt.

          Tatsache ist: Thorsten Schulte, dieser im Privaten so lockere Typ, hat für öffentliche Auftritte den humorlosen AfD-Sound übernommen, vielleicht hält ihn dieser Sound nun auch gefangen, da er einmal bemerkt hat, wie gut es sich anfühlt, vom Volk gemocht zu werden für die Tiraden gegen die Eliten, für die pathetischen "Weckrufe" gegen ein angebliches Meinungsdiktat im Land: "Wer nicht spurt, wie die Bundeskanzlerin will, wird mundtot gemacht." Solchen Nonsens verzapft der Mann allen Ernstes. Die Wahrheit werde von den Herrschenden in Berlin "vertuscht und verheimlicht". Dagegen einzutreten ist offenbar ein einträgliches Geschäft, jedenfalls wenn es gelingt, dies mit schmalem Budget durchzuziehen. "Youtube und Facebook haben mir ermöglicht, das Schweigekartell zu durchbrechen", tönt Schulte, der es mit seinem Ein-Mann-Betrieb zum Star in den sozialen Netzwerken gebracht hat, was beweist: Man braucht keine Schmollmund-Teenies mit Schminktipps, um auf diesem Feld zu reüssieren, das Geschäft funktioniert auch mit Politik und Wirtschaft, sofern der Stoff süffig genug dargereicht wird. Oder hinreichend polemisch.

          "Merkels Rechtsbruch", so heißt Schultes bislang größter Hit, Ende 2016 ins Netz gestellt, hatte bisher 1,3 Millionen Aufrufe auf Youtube: "Das Video schlug ein wie eine Bombe." Derart von sich berauscht, beschließt er im Februar: "Ich schreibe ein Buch"; eine "Leuchtfackel für die Freiheit", wie es im Klappentext dröhnt. Untertitel: "Wer uns bedroht und wie wir uns schützen". Ende Juli kam das Werk auf den Markt, inzwischen wird die siebte Auflage ausgeliefert, was zumindest sechsstellige Verkaufszahlen bedeutet, die boykottierenden Buchhändler sind schlauer geworden. "Ohne unsere übereifrige, reflexhafte Reaktion hätte dieses Buch wahrscheinlich nie diese Wirkung erzielt", bedauert eine Verkäuferin. "Wir haben die Begehrlichkeit erst geweckt, weil wir so taten, als wäre es etwas schlimm Verwerfliches", meint ein anderer Händler.

          Gefühltes Opfer

          Wenn immer gleich die Nazi-Keule geschwungen wird, trifft es selten die Richtigen. Das hätte man vorher wissen können. Erst der Verdacht, Schulte unterdrücken zu wollen, ließ ihn so hell leuchten als heldenhaften Kämpfer für die Meinungsfreiheit, inbrünstig verehrt von seinen Fans, die böse Briefe an die Buchhändler schreiben, ihnen Zensur und Schlimmeres vorwerfen.

          Marktführer Thalia sah sich daraufhin genötigt, den Umgang mit politisch anstößigen Büchern neu zu regeln: Verkauft wird alles, was nicht verboten ist, so lässt sich diese Linie grob zusammenfassen. Der Handel soll sich nicht als Oberzensor aufspielen oder gar als moralische Instanz, hat sich als Erkenntnis durchgesetzt, während Schulte ganz in seiner Rolle als Geächteter des Mainstreams aufgeht: "Mir war klar: Mit diesem Buch beginnt ein Spießrutenlaufen." Freunde hätten ihm auf Facebook die Freundschaft aufgekündigt, sagt er. Er fühle sich als Opfer einer Hetzjagd, bedroht und verfolgt.

          Dabei hat er in seinem Buch keine Staatsgeheimnisse ausgeplaudert, nicht mal einen klitzekleinen Sex-Skandal enthüllt. Flüchtlinge sowie die Geldschwemme der Europäischen Zentralbank wurden in der Republik schon vorher rauf und runter debattiert. Leidenschaftlich wurde darüber geschrieben, eleganter, als Schulte dazu je in der Lage wäre - allerdings weniger raunend als er, wenn er sich in dem Bestseller etwa auf Insider beruft, die ihm verraten haben, dass sie daran arbeiten, eine Weltregierung samt Weltwährung zu errichten. Da taucht er dann ab ins Geheime, und es wird höchste Zeit, Thorsten Schultes Verlag näher zu betrachten: Kopp, ein Familienunternehmen im schwäbischen Rottenburg, das sich auf Verschwörungstheorien aller Art spezialisiert hat.

          Entscheidung für den Kopp-Verlag

          In dem Sortiment findet sich Abscheuliches wie Abseitiges, dazu reichlich Außerirdische. Schulte kennt dieses Programm, er weiß um diesen Ruf: "Ich bin kein Freund von Ufo- oder Esoterik-Literatur, so was lese ich nicht", sagt er. Trotzdem habe er sich bewusst für Kopp entschieden, "aus Solidarität mit diesem Verlag und seinen Autoren, die ins Fadenkreuz der politischen Korrektheit geraten sind. Diesen Gesinnungsterror mache ich nicht mit." Außerdem mag eine Rolle gespielt haben, dass er dem Haus vorher schon verbunden war, mit zwei Büchern zur Geldanlage, seinem eigentlichen Metier. Schließlich hat er mal für Banken gearbeitet; am längsten für die DZ-Bank in Frankfurt, zwischendurch für die HSH Nordbank und für kurze Zeit auch als Investmentbanker in der Deutschen Bank. Die Umstände der Trennung sind nicht klar, es ging jedenfalls schnell und ganz sicher nicht im Guten. So erzählt er es selbst, darauf deutet der zweifelhafte Ruf, der ihm unter Ex-Kollegen im Konzern bis heute nachhallt. Dabei ist Schulte schon bald zehn Jahre draußen.

          Seit 2008 ist er freiberuflich unterwegs, die Profession lässt sich nur schwer eingrenzen: Vortragsredner, Finanzexperte, Publizist mit politischer Mission. "Berater" nennt er sich selbst. Welche Unternehmen er wie und warum  berät, das bleibt vage. Unter der Marke "Silberjunge" betreibt Schulte eine Homepage, auf der er einen Newsletter mit Vermögenstipps vertickt. Im Zweifel empfiehlt er darin Silber für die Zeit nach dem großen Zusammenbruch, wenn Mario Draghi mit seinem Papiergeld die Wirtschaft endgültig zugrunde gerichtet hat.

          Barreserven im Gegenwert von drei Nettogehältern, dazu ein voller Heizöltank sowie ausreichend Lebensmittelvorräte lindern für den Fall die schlimmste Not, rät Schulte, der sich sichtlich wohl fühlt in der Szene der Crash-Propheten. Wie etliche andere in dieser Riege nimmt er für sich in Anspruch, die Finanzkrise 2008 vorhergesehen zu haben. Eine Garantie, dass ihre Prognosen eintreffen, geben solche Leute nie. Auch Schulte nicht. Das käme ihn womöglich zu teuer zu stehen. Wer vor fünf Jahren an Silber nicht nur geglaubt, sondern es auch gekauft hat, hat fast die Hälfte seines Vermögens eingebüßt. Thorsten Schulte, der Silberjunge, weiß, warum, aber das ist eine andere Geschichte.

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