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Umstrittener Bestsellerautor : Der Provokateur

  • -Aktualisiert am

Marktführer Thalia sah sich daraufhin genötigt, den Umgang mit politisch anstößigen Büchern neu zu regeln: Verkauft wird alles, was nicht verboten ist, so lässt sich diese Linie grob zusammenfassen. Der Handel soll sich nicht als Oberzensor aufspielen oder gar als moralische Instanz, hat sich als Erkenntnis durchgesetzt, während Schulte ganz in seiner Rolle als Geächteter des Mainstreams aufgeht: "Mir war klar: Mit diesem Buch beginnt ein Spießrutenlaufen." Freunde hätten ihm auf Facebook die Freundschaft aufgekündigt, sagt er. Er fühle sich als Opfer einer Hetzjagd, bedroht und verfolgt.

Dabei hat er in seinem Buch keine Staatsgeheimnisse ausgeplaudert, nicht mal einen klitzekleinen Sex-Skandal enthüllt. Flüchtlinge sowie die Geldschwemme der Europäischen Zentralbank wurden in der Republik schon vorher rauf und runter debattiert. Leidenschaftlich wurde darüber geschrieben, eleganter, als Schulte dazu je in der Lage wäre - allerdings weniger raunend als er, wenn er sich in dem Bestseller etwa auf Insider beruft, die ihm verraten haben, dass sie daran arbeiten, eine Weltregierung samt Weltwährung zu errichten. Da taucht er dann ab ins Geheime, und es wird höchste Zeit, Thorsten Schultes Verlag näher zu betrachten: Kopp, ein Familienunternehmen im schwäbischen Rottenburg, das sich auf Verschwörungstheorien aller Art spezialisiert hat.

Entscheidung für den Kopp-Verlag

In dem Sortiment findet sich Abscheuliches wie Abseitiges, dazu reichlich Außerirdische. Schulte kennt dieses Programm, er weiß um diesen Ruf: "Ich bin kein Freund von Ufo- oder Esoterik-Literatur, so was lese ich nicht", sagt er. Trotzdem habe er sich bewusst für Kopp entschieden, "aus Solidarität mit diesem Verlag und seinen Autoren, die ins Fadenkreuz der politischen Korrektheit geraten sind. Diesen Gesinnungsterror mache ich nicht mit." Außerdem mag eine Rolle gespielt haben, dass er dem Haus vorher schon verbunden war, mit zwei Büchern zur Geldanlage, seinem eigentlichen Metier. Schließlich hat er mal für Banken gearbeitet; am längsten für die DZ-Bank in Frankfurt, zwischendurch für die HSH Nordbank und für kurze Zeit auch als Investmentbanker in der Deutschen Bank. Die Umstände der Trennung sind nicht klar, es ging jedenfalls schnell und ganz sicher nicht im Guten. So erzählt er es selbst, darauf deutet der zweifelhafte Ruf, der ihm unter Ex-Kollegen im Konzern bis heute nachhallt. Dabei ist Schulte schon bald zehn Jahre draußen.

Seit 2008 ist er freiberuflich unterwegs, die Profession lässt sich nur schwer eingrenzen: Vortragsredner, Finanzexperte, Publizist mit politischer Mission. "Berater" nennt er sich selbst. Welche Unternehmen er wie und warum  berät, das bleibt vage. Unter der Marke "Silberjunge" betreibt Schulte eine Homepage, auf der er einen Newsletter mit Vermögenstipps vertickt. Im Zweifel empfiehlt er darin Silber für die Zeit nach dem großen Zusammenbruch, wenn Mario Draghi mit seinem Papiergeld die Wirtschaft endgültig zugrunde gerichtet hat.

Barreserven im Gegenwert von drei Nettogehältern, dazu ein voller Heizöltank sowie ausreichend Lebensmittelvorräte lindern für den Fall die schlimmste Not, rät Schulte, der sich sichtlich wohl fühlt in der Szene der Crash-Propheten. Wie etliche andere in dieser Riege nimmt er für sich in Anspruch, die Finanzkrise 2008 vorhergesehen zu haben. Eine Garantie, dass ihre Prognosen eintreffen, geben solche Leute nie. Auch Schulte nicht. Das käme ihn womöglich zu teuer zu stehen. Wer vor fünf Jahren an Silber nicht nur geglaubt, sondern es auch gekauft hat, hat fast die Hälfte seines Vermögens eingebüßt. Thorsten Schulte, der Silberjunge, weiß, warum, aber das ist eine andere Geschichte.

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