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Umstrittener Bestsellerautor : Der Provokateur

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Wohlwollendes Interesse für die AfD

Als sich die AfD formiert, anfangs als Professoren-Club, schaut Schulte bereits mit wohlwollendem Interesse zu. 2016 gründet er schließlich mit Bernd Lucke - dem ersten AfD-Anführer, inzwischen im Europarlament an den Rand gedrückt - und anderen die Initiative "Pro Bargeld - Pro Freiheit e.V.". Rege scheint das Vereinsleben nicht, eine einzige Kundgebung vermerkt der Internetauftritt, und die ist auch schon ein Jahr her: Schulte stieg in Frankfurt auf eine Bühne mit Eurokritiker Joachim Starbatty, dem Tübinger Professor, der auf AfD-Ticket nach Brüssel reiste (und hinterher an Luckes Seite im politischen Abseits strandete). Ein weiterer Mitstreiter war an dem Tag Max Otte, der ehemalige Wormser BWL-Professor mit mittelmäßigen Geldanlagetipps und einer politischen Agenda: Im vergangenen Wahlkampf warb er, obschon ewig CDU-Mitglied, für die AfD. Thorsten Schulte wiederum unterstützt im Sommer AfD-Frontfrau Alice Weidel mit einem Youtube-Werbevideo, hilft dem Vorsitzenden Jörg Meuthen mit gemeinsamen Auftritten, um erfreut festzustellen, dass er von den beiden der schwungvollere Redner ist. Mitglied der Partei ist der ehemalige Banker nicht, noch nicht, er sondiert die Lage, so sind wohl die Andeutungen zu verstehen, die er in diese Richtung fallenlässt.

Tatsache ist: Thorsten Schulte, dieser im Privaten so lockere Typ, hat für öffentliche Auftritte den humorlosen AfD-Sound übernommen, vielleicht hält ihn dieser Sound nun auch gefangen, da er einmal bemerkt hat, wie gut es sich anfühlt, vom Volk gemocht zu werden für die Tiraden gegen die Eliten, für die pathetischen "Weckrufe" gegen ein angebliches Meinungsdiktat im Land: "Wer nicht spurt, wie die Bundeskanzlerin will, wird mundtot gemacht." Solchen Nonsens verzapft der Mann allen Ernstes. Die Wahrheit werde von den Herrschenden in Berlin "vertuscht und verheimlicht". Dagegen einzutreten ist offenbar ein einträgliches Geschäft, jedenfalls wenn es gelingt, dies mit schmalem Budget durchzuziehen. "Youtube und Facebook haben mir ermöglicht, das Schweigekartell zu durchbrechen", tönt Schulte, der es mit seinem Ein-Mann-Betrieb zum Star in den sozialen Netzwerken gebracht hat, was beweist: Man braucht keine Schmollmund-Teenies mit Schminktipps, um auf diesem Feld zu reüssieren, das Geschäft funktioniert auch mit Politik und Wirtschaft, sofern der Stoff süffig genug dargereicht wird. Oder hinreichend polemisch.

"Merkels Rechtsbruch", so heißt Schultes bislang größter Hit, Ende 2016 ins Netz gestellt, hatte bisher 1,3 Millionen Aufrufe auf Youtube: "Das Video schlug ein wie eine Bombe." Derart von sich berauscht, beschließt er im Februar: "Ich schreibe ein Buch"; eine "Leuchtfackel für die Freiheit", wie es im Klappentext dröhnt. Untertitel: "Wer uns bedroht und wie wir uns schützen". Ende Juli kam das Werk auf den Markt, inzwischen wird die siebte Auflage ausgeliefert, was zumindest sechsstellige Verkaufszahlen bedeutet, die boykottierenden Buchhändler sind schlauer geworden. "Ohne unsere übereifrige, reflexhafte Reaktion hätte dieses Buch wahrscheinlich nie diese Wirkung erzielt", bedauert eine Verkäuferin. "Wir haben die Begehrlichkeit erst geweckt, weil wir so taten, als wäre es etwas schlimm Verwerfliches", meint ein anderer Händler.

Gefühltes Opfer

Wenn immer gleich die Nazi-Keule geschwungen wird, trifft es selten die Richtigen. Das hätte man vorher wissen können. Erst der Verdacht, Schulte unterdrücken zu wollen, ließ ihn so hell leuchten als heldenhaften Kämpfer für die Meinungsfreiheit, inbrünstig verehrt von seinen Fans, die böse Briefe an die Buchhändler schreiben, ihnen Zensur und Schlimmeres vorwerfen.

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