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Alice Weidel im Porträt : Alternative zu Höcke

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Der eigene Landesverband als Gefahr

Weidel will versuchen, ihrem Wahlkampf einen eigenen, für bürgerliche Wähler attraktiven Stempel aufzudrücken. An diesem Donnerstag reißt sie in Stuttgart ihre Themen an: innere Sicherheit, Zuwanderung, Islam, Europa und Euro, Finanz- und Steuerpolitik. Am Wochenende bewirbt sie sich beim Parteitag in Sulz um den Landesvorsitz, und am 31. März soll die erste Großveranstaltung stattfinden. Es wird schwer werden, nicht nur wegen des desolaten Eindrucks der Partei in der Öffentlichkeit. Auch aus ihrem eigenen Landesverband, dem zweitgrößten hinter Nordrhein-Westfalen, droht Gefahr.

Chaotische Zustände in Baden-Württemberg: Jörg Meuthen hat die Fraktion nicht im Griff.
Chaotische Zustände in Baden-Württemberg: Jörg Meuthen hat die Fraktion nicht im Griff. : Bild: dpa

Jörg Meuthen, Oppositionsführer im Stuttgarter Landtag, galt neben Alice Weidel lange als Stimme der Vernunft innerhalb der AfD. Doch der beurlaubte Volkswirtschaftsprofessor hat nicht nur seine Fraktion nicht im Griff; mal sollen sich Abgeordnete geprügelt haben, mal wird der Holocaust folgenlos relativiert. Er nutzt heute auch noch jede Gelegenheit, um seinen „Freund Björn Höcke“ als rhetorisch allenfalls ungeschickten Normalkonservativen liebzureden. Warum? Das fragen sich nicht nur Außenstehende. Steht einer von beiden etwa auf der Payroll einer gegnerischen Partei – mit dem Auftrag, die Wahlaussichten der AfD zu torpedieren?

Weidel lächelt, jetzt nicht mehr nur ein bisschen gequält. „Alles, was in den nächsten Monaten zählt, ist Einigkeit und Disziplin“, sagt sie. Wenn der Rest der Parteiführung sich so gut auf die Zunge beißen könnte wie die Frau aus Überlingen, dann wäre der Einzug in den Bundestag sicher. Aber das können sie bei der AfD nicht. Erst am Sonntag appellierten die Landesvorsitzenden in einer öffentlichen Erklärung an alle Parteimitglieder, künftig geschlossen aufzutreten, „im gemeinsamen Kampf gegen die Altparteien“. Was man so fordert, wenn die Nerven flattern.

In drei Monaten kann viel geschehen

Die Stimmung im Wintergarten des Hotels ist nun trüb. Wie bestellt fängt es draußen wieder an zu regnen. Doch plötzlich hellt sich Alice Weidels Miene auf. Sie winkt quer durch den Raum: „Kommt her!“ Sekunden später steht ihre Lebensgefährtin am Tisch und hält den Jüngsten im Arm. Der rülpst zur Begrüßung und dämmert dann wieder weg. Dann kommt noch der Vierjährige angerannt, holt sich einen Kuss ab, fragt, ob er zwanzig Euro haben kann, und lacht sich über den gespielt fassungslosen Blick kaputt. „Ich mache gerade noch ein bisschen Politik“, sagt Weidel zu dem Jungen, dann rast er wieder davon.

„Ohne meine Familie würde ich das alles nicht packen“, sagt Weidel. Ihre Partnerin unterstütze sie voll und ganz. „Als ich 2016 überlegt habe, ob ich die Spitzenkandidatur im Landesverband übernehmen soll, hat sie sofort ja gesagt: Wenn, dann machst du das richtig.“ Auch Weidels Eltern wohnen in Überlingen und gehören zum heimischen Schutzwall. Im Freundeskreis sieht die Sache anders aus. Da hallt der politische Druck der Öffentlichkeit nach. Ein paar Freunde habe sie schon verloren, sagt Weidel. Einige hätten einfach aufgehört, sich zu melden. Andere hätten erklärt, dass sie mit jemandem, der in der „Höcke-Partei“ mitmischt, keinen Umgang haben wollen. Am schroffsten sei der Ton bei Leuten aus dem Unionslager. Fleisch vom Fleische. Das war schon immer ein Garant für böses Blut.

Die Diplomaten haben da weniger Berührungsangst, zumindest die aus Asien und zumindest gegenüber dieser Frau. Im März sei sie in die taiwanische Botschaft eingeladen, sagt Weidel, ganz offiziell. Im Mai folgt eine Reise nach China, auf Einladung der Universität in Peking. Neben einem Besuch in verschiedenen Ministerien steht eine Vorlesung auf dem Programm. Weidel soll über die Zukunft Europas und des Euros sprechen. Und über die Zukunft ihrer Partei. Wer die AfD kennt, weiß, dass es sich nicht lohnt, den Vortrag heute schon zu schreiben. In drei Monaten kann in dieser Partei so ziemlich alles passieren.

Erklärvideo : Wie die AfD immer radikaler wurde

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