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Ärztehonorare : Viel gewonnen, nichts erreicht?

  • -Aktualisiert am

Die Honorarreform ist besser als ihr Ruf. Doch wäre eine schrittweise Einführung vorzuziehen gewesen. Die Ärzte leiden unter dem Dauerreformismus, der das Gesundheitssystem in Atem hält.

          3 Min.

          Die Stimmung war euphorisch, als der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) die Einigung im Honorarstreit mit den Krankenkassen verkündete. Andreas Köhler feierte die „höchste Steigerung der Gesamtvergütung seit Bestehen der ärztlichen Selbstverwaltung“. 2009 sollten die Ärzte 2,7 Milliarden Euro mehr als 2007 bekommen. Das war Ende August 2008. Kein Jahr später sind aus 2,7 Milliarden Euro Zusatzeinnahmen 3,7 Milliarden geworden, wenn nicht gar vier.

          Doch werden der Verbandsführung keine Lorbeerkränze geflochten. Viele Ärzte sind sauer. Die Tonlage innerärztlicher Debatten wird schärfer, Verbände mit radikalen Forderungen haben Zulauf. Statt von einem Erfolg, der alle Horrorszenarien widerlegt, spricht Köhler demütig von Fehlern und unerreichten Zielen. So viel gewonnen, doch nichts erreicht? Was ist los mit den Ärzten, wenn selbst ein unerwarteter Milliardenscheck ihren Ärger nicht besänftigt?

          Viele Veränderungen

          Tatsächlich ist der Umbau des Vergütungssystems eher ge- als misslungen, auch wenn die Veränderungen ein bisschen viel auf einmal waren: Angleichen der Ost-Honorare an das West-Niveau, möglichst ohne die Zuwächse im Westen zu stark zu beschneiden; höhere Vergütungen für einzelne Arztgruppen; Ersetzen des Punktwerts durch Cent- und Eurobeträge, damit klar ist, was eine Leistung wirklich wert ist; Abkoppeln der Honorarentwicklung von der der beitragspflichtigen Einkommen, aus denen die Ärzte bezahlt werden. Eine Operation, vergleichbar einem Patienten, der nach einer Herztransplantation auf einen Marathonlauf geschickt wird. Kein Wunder, dass der stolpert.

          Mancher der 150 000 ambulanten Haus- und Fachärzte oder Psychotherapeuten, die mit einer gesetzlichen Kasse abrechnen, mag mit der neuen Abrechnungspraxis ins Straucheln geraten, aber keiner muss darüber stürzen. In den KV-Bezirken stützen die Gewinner die Verlierer. Deren Minus wird auf fünf Prozent zum Vorjahresquartal begrenzt. Auch haben die 17 Kassenärztlichen Vereinigungen untereinander einen Finanzausgleich verabredet. Der soll Bezirke mit kleineren Zuwächsen stützen. Davon dürfte vor allem Baden-Württemberg profitieren, dem wohl einzigen Bezirk, in dem die Durchschnittseinkommen geringfügig sinken.

          Auch in Bayern oder Nordrhein bleiben die Zuwächse unter dem Bundesschnitt von fast acht Prozent. Das liegt an der Systematik der Honorierung - und daran, dass bei einer bundesweiten Vereinheitlichung der Honorare die am stärksten verlieren, die am meisten bekamen. Dass der Zuwachs in Bayern nicht geringer als 3,5 Prozent ausgefallen ist, ist Ergebnis des großen Drucks, den Landesregierung und KV in Berlin entfacht haben.

          Ein Drittel bekommt weniger Honorar

          Am Ende haben die Hausärzte in der größten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren im Schnitt zehn Prozent mehr, die Fachärzte neun Prozent mehr als im Vorjahr. Aber nicht alle gewinnen: Ein Drittel der Ärzte bekommt weniger als im Vorjahr. Als echte Verlierer gelten ein Fünftel der Ärzte. Nachbesserungsbedarf gibt es bei denen, die direkt am Patienten arbeiten. Andererseits können viele Mediziner durch Zusatzleistungen Zusatzgeld verdienen. Schließlich ist der Arzt als Angehöriger eines „freien Berufs“ ein im Gesundheitsmarkt agierender Unternehmer.

          87 000 Euro verdient ein niedergelassener Arzt im Schnitt vor Steuern und Versicherung. Das ist nicht wenig, aber 18 000 Euro weniger, als ein Oberarzt in der Klinik verdient. Allerdings hat der Oberarzt keine Zusatzeinkünfte aus der Unfallversicherung, von Privatpatienten oder dem Verkauf „individueller Gesundheitsleistungen“. Der Nachholbedarf ist kleiner, als die KBV dem Publikum weismachen will. Auch gilt: Die Zahl der Ärzte steigt. Die Kosten für die ambulante Versorgung wachsen deshalb schneller als die Einkünfte je Arzt.

          Die nächste Gesundheitsreform kommt bald

          Die Honorarreform ist besser als ihr Ruf. Doch wäre eine schrittweise Einführung vorzuziehen gewesen. So wurde die Selbstverwaltung der Kassenärzte einem Belastungstest ausgesetzt, unter dessen Wucht sie fast geplatzt wäre. Gut möglich, dass die Politik diesen Kollateralschaden in Kauf genommen hätte - wie Ärztevertreter, die die Körperschaften nur als verlängerten Arm der Gesundheitsministerin sehen. Der Morbus Tunnelblick ist im Gesundheitswesen weit verbreitet.

          In der Zeit seiner größten Krise hat das KV-System den Zwangsmitgliedern seine Berechtigung vorgeführt: Es gibt mehr Geld für alle, und wo es nicht reicht, wird solidarisch umgeschichtet. Die Honorarreform ist nicht schuld an der Verunsicherung, die die Ärzteschaft quält. Dafür gibt es viele Gründe. Vor allem den Dauerreformismus, der das Gesundheitswesen seit 30 Jahren in Atem hält: Jedes Jahr eine Reform, neue Abrechnungsvorgaben, neue Versorgungsformen, die elektronische Gesundheitskarte. Oft stehen die Ärzte im Zentrum. Sie bräuchten einmal Ruhe, Verlässlichkeit, Zeit zum Atemholen. Doch so wünschenswert ein Reformstopp wäre, so naiv die Erwartung, es könnte dazu kommen. Die nächste Gesundheitsreform kommt nach der Bundestagswahl; die Gespräche über die nächste Honorarreform beginnen im August.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

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