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Zunehmende Resistenzen : Ärzte verordnen zu viele „Notnagel-Antibiotika“

Eine Labormitarbeiterin hält eine Indikatorkulturplatte zum Nachweis von resistenten Bakterien in der Hand (Symbolbild). Bild: dpa

Die Resistenzen von Bakterien gegen antibiotische Mittel nehmen zu. Das Wissenschaftliche Institut der AOK warnt, dass die Pharmaindustrie zu wenige neue Wirkstoffe entwickle.

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          Die weitverbreiteten Resistenzen gegen Antibiotika hängen auch mit dem Einsatz falscher Präparate zusammen. Viel zu häufig würden sogenannte Reserveantibiotika verordnet, die nur für schwere Ausnahmefälle vorgesehen seien und nicht für normale Infektionen wie Erkältungen, heißt es in einer neuen Erhebung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido). Die Autoren haben 2019 knapp 18 Millionen Verordnungen von Reserveantibiotika gezählt, das war mehr als jede zweite Antibiotikaverordnung. Der Anteil habe zwar leicht abgenommen, sei aber noch immer „besorgniserregend hoch“, warnte der stellvertretende Wido-Geschäftsführer Helmut Schröder.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Jeder sechste Versicherte habe 2019 mindestens einmal ein solches Medikament erhalten. Auf Englisch heißen die Reserveantibiotika „drugs of last resort“, Arzneien des letzten Auswegs oder Notnagel-Medikamente. Sie sollten eigentlich nur bei schweren Erkrankungen zum Einsatz kommen. „Je sorgloser sie verordnet werden, desto resistenter werden Bakterien“, sagte Schröder. „Die einstigen Wunderwaffen gegen Infektionskrankheiten werden durch ihren starken Einsatz zunehmend stumpfer.“

          Antibiotika spielen in der Medizin eine überragende Rolle. 2019 bezog sich jede zwanzigste ambulante Verordnung in der gesetzlichen Krankenversicherung auf ein Antibiotikum. Der Wert betrug 766 Millionen Euro. Zu den 339 Tonnen für Menschen kommen jährlich 670 Tonnen in der Tierhaltung hinzu. Teile der Wirkstoffe gelangten über die Nahrung zum Menschen, wodurch sich die Resistenzen verschärften, heißt es in der Wido-Auswertung. Von den mehr als 1000 Tonnen seien fast 380 Tonnen Reserveantibiotika. In Deutschland ist der Antibiotikaverbrauch in der Tierzucht höher als anderswo. 2017 betrug er fast 90 Milligramm je Kilogramm Nutztier, in den Niederlanden waren es 53, in Dänemark 41 Milligramm.

          Die Resistenzen bergen große Gefahren. Nach Angaben der europäischen Seuchenbehörde ECDC sterben in der EU jedes Jahr 33.000 Menschen an Infektionen mit multiresistenten Keimen, gegen welche Antibiotika machtlos sind. Um dagegen vorzugehen, müssten die Arzneien in der Human- und Tiermedizin „behutsamer“ verordnet werden, mahnte Schröder. Außerdem würden Präparate mit neuen Wirkprinzipien zur Überwindung der Resistenzen benötigt. Leider versäume die Pharmaindustrie diese Entwicklung. Unter den 316 neuen Wirkstoffen, die in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland auf den Markt kamen, seien nur acht antibiotische Wirkstoffe gewesen.

          „Die rasanten Fortschritte, etwa in der Bekämpfung von Covid-19, zeigen, dass die Kompetenz der pharmazeutischen Industrie für Forschung und Entwicklung auch für neue Antibiotikawirkstoffe vorhanden sein sollte“, so Schröder. Es fehle aber offenbar der wirtschaftliche Anreiz: „Die Pharmaindustrie fokussiert sich lieber auf Wirkstoffe, mit denen höhere Preise und höhere Umsätze erzielt werden können.“ Als positiv bewertete er, dass das Forschungsministerium für den Zeitraum von 2018 bis 2028 rund 500 Millionen Euro bereitgestellt habe, um unter anderem neue Antibiotika zu entwickeln.

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