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Ärzte : „Ich kann die Jammerei nicht verstehen“

  • -Aktualisiert am

Die Hausärztin Gisela Polzin profitiert von der Honorarreform. Ihre Einnahmen sind um 15 Prozent gestiegen. Bild: Andreas Pein

Die Ärzte verdienen in diesem Jahr deutlich mehr. Aber es gibt große Unterschiede zwischen den Fachgebieten und Regionen. Kein Wunder, dass die einen neidisch auf das Einkommen der anderen schauen.

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          Gisela Polzin ist glücklich. "Für mich ist es eine Freude, dass jetzt mehr Geld da ist", sagt die Hausärztin aus Neuruppin in Brandenburg. Im ersten Quartal dieses Jahres hat sie wie immer rund 1500 Patienten behandelt. Doch sie erhielt dafür deutlich mehr Honorar als gewohnt. Ihre Einnahmen stiegen um sage und schreibe 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

          "Das ist der größte Sprung, den ich je erlebt habe", sagt Polzin - und sie hat schon einige Jahre miterlebt. Im Jahr 1979 eröffnete sie ihre Praxis. Sie hat den Wechsel vom Sozialismus ins bundesdeutsche Gesundheitssystem überstanden und später für eine höhere Entlohnung der Ärzte in Ostdeutschland demonstriert. Nun, mit bald 63 Jahren, hat sie sie bekommen. Dank der Honorarreform, die viele ihrer Kollegen so in Rage bringt.

          Gisela Polzin kann das nicht verstehen. Sie profitiert von der Reform und findet das auch richtig so, denn jahrelang hat sie weniger verdient als ihre westdeutschen Kollegen, obwohl sie im Vergleich sehr viele Patienten behandelt. Sie gehört auch heute nicht zu den Reichen unter den Medizinern. Sie hat nur rund zwei Prozent Privatpatienten und bietet kaum Leistungen an, die die Patienten selbst bezahlen müssen. Ihr Praxisgewinn liegt deshalb immer noch unter dem Durchschnitt. Trotzdem findet die Ärztin, dass er ausreicht. Sie hat sich sogar einen neuen Wagen gegönnt, als klar war, dass die Einnahmen dieses Jahr besser werden als zuvor: einen Audi A3.

          Bild: F.A.Z.

          Durchschnittsertrag je Praxis: 142.000 Euro

          Nach neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts hat ein deutscher Arzt 2007 mit seiner Praxis im Schnitt einen Gewinn (Reinertrag) von 142.000 Euro erzielt. "Da komme ich nicht ran", sagt Polzin. Sie hofft, in diesem Jahr auf 120.000 Euro zu kommen. Davon muss sie zwar noch Steuern bezahlen und für die Rente vorsorgen. Das sei aber trotz allem kein schlechter Verdienst, findet sie. Deswegen sollten auch ihre Kollegen endlich zufrieden sein. "Ich kann nicht verstehen, wenn manche Ärzte, vor allem die im Süden, immer weiter jammern und noch mehr Geld fordern", sagt sie. Man müsse doch auch die Wirtschaftslage sehen. "Wer soll das denn alles bezahlen?"

          Derzeit verhandeln Ärzte- und Kassenfunktionäre wieder - und zwar über die neuen Honorare für 2010. Aus Verhandlungskreisen verlautete, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die oberste Vertretung der niedergelassenen Ärzte, noch einmal rund sechs Prozent mehr verlangt. Die Krankenkassen sind empört. "Weitere Erhöhungen über das jetzige Maß hinaus sind nicht vermittelbar", sagte etwa die Chefin des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherungen, Doris Pfeiffer. Sie verweist vor allem auf die schlechte wirtschaftliche Lage vieler Beitragszahler in der Krise.

          Die Zahlen des Statistischen Bundesamts unterstützen die Forderung der Kassen nach mehr Zurückhaltung seitens der Ärzte. Laut der sogenannten Kostenstrukturerhebung hat der Durchschnittsarzt nämlich schon vor der Honorarreform sein Bruttoeinkommen etwas stärker steigern können als der Durchschnittsbürger. Im Schnitt stieg der Reinertrag der Praxisärzte zwischen 2003 und 2007 um jährlich 3,03 Prozent. Zwar stammte der Großteil der Steigerung von Privatpatienten und nicht aus den gesetzlichen Kassen, doch offensichtlich ging es den Ärzten zuletzt doch deutlich besser, als es viele von ihnen glaubten oder behaupteten. Durch die Honorarreform in diesem Jahr dürften die Ärzte 2009 noch deutlich mehr hinzugewonnen haben. Nach vorläufigen Zahlen erhielten sie im ersten Quartal 2009 rund 7,4 Prozent mehr Honorar von den gesetzlichen Kassen als zuvor.

          „Jetzt wird es leichter, einen Nachfolger zu finden“

          Trotzdem gibt es immer noch Mediziner, die über ihre Entlohnung mosern. Manchmal auch zu Recht. Denn das System ist bürokratisch und willkürlich. Es wird nicht unbedingt der Arzt belohnt, der am meisten leistet, sondern die Arztgruppe, der die Politik gerade am meisten Beachtung schenkt. So hat jede Reform ihre Verlierer. Dazu gehören dieses Mal insbesondere die Orthopäden, die deutschlandweit verloren haben. Zudem sind die Mediziner in Süddeutschland erzürnt. Denn die Reform hatte das erklärte Ziel, die Honorare innerhalb Deutschlands gleicher zu verteilen. Gut für die bisher schlechter verdienenden Ärzte in Ostdeutschland. Schlecht für die alten Gutverdiener aus Bayern und Baden-Württemberg.

          Die Beschwerden aus dem Süden hält Hausärztin Gisela Polzin trotzdem für übertrieben. Als ehrenamtliches Mitglied der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg beobachtet sie das Gebaren ihrer Kollegen in Bayern und Baden-Württemberg genau. Wenn sie hört, dass einige Allgemeinärzte dort Pauschalen pro Patient von 80 Euro im Quartal fordern, kann sie nur den Kopf schütteln. "Ich bekomme 40 Euro und bin sehr zufrieden." Was sie an der Reform vor allem freut. "Jetzt wird es für mich leichter, einen Nachfolger zu finden." Mit bald 63 Jahren muss sie so langsam darüber nachdenken und hatte bisher arge Bedenken. Jetzt ist das anders. "Die jungen Leute wollen ja nicht mehr so viel arbeiten wie ich", sagt sie. "Aber mit dem neuen Honorar finden sich vielleicht auch zwei, die sich diese Praxis teilen wollen."

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