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340.000 Stellen unbesetzt : Wenn die Praxis schließt, weil die Arzthelferin fehlt

Hausarztpraxis im Ruhrgebiet Bild: picture alliance / Klaus Rose

Die Energiekrise trifft viele Branchen. Doch für Ärzte, Steuerberater oder Anwälte bleibt Personalnot das Kernproblem. Sie warnen vor einem Dominoeffekt zulasten der gesamten Wirtschaft.

          2 Min.

          In manchen Bereichen der Wirtschaft gerät durch die Folgen der Energiekrise allmählich auch die Nachfrage nach Arbeitskräften unter Druck. Doch in den freien Berufen – also etwa in Anwalts- und Steuerberatungskanzleien, Arztpraxen, Apotheken und Sachverständigenbüros – sieht es ganz anders aus: So stark wie in diesem Herbst war dort der Personalmangel kaum je zuvor.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Über alle freien Berufe hinweg sind derzeit mehr als 340.000 Stellen nicht besetzt, darunter knapp 300.000 Stellen für Fachangestellte und 46.000 Ausbildungsplätze. Unter dem Strich haben sie demnach nun 13 Prozent mehr unbesetzte Stellen als kurz vor der Corona-Pandemie. Das zeigt eine neue Fachkräfteumfrage des Bundesverbands Freie Berufe (BFB) unter seinen Mitgliedern.

          „Besorgniserregend groß“ sei der Personalbedarf vor allem in den Kernbereichen der sogenannten Vertrauensdienstleistungen – „und damit beim direkten Kontakt zu Patientinnen, Mandanten, Klientinnen und Kunden“, fasst BFB-Präsident Friedemann Schmidt die Lage zusammen. „Knapp zwei Drittel der Befragten mussten Aufträge, Behandlungen oder Mandate ablehnen.“ Fast jeder zweite Freiberufler gebe an, seine Wissensdienstleistung nur noch eingeschränkt anbieten zu können. Insgesamt sind in Deutschland bei den knapp 1,5 Millionen selbständigen Freiberuflern etwa 4,5 Millionen Menschen beschäftigt oder in Ausbildung.

          Eine Erklärung der anhaltend starken Personalnöte liegt darin, dass Konjunkturschwäche, hohe Energiekosten und erschwerte Wettbewerbsbedingungen auf dem Weltmarkt viele der freien Berufe nicht in gleicher Weise betreffen wie etwa die Industrie. Das gilt offensichtlich für Medizin- und Heilberufe. Aber auch Steuerberater weisen seit einiger Zeit regelmäßig auf ihre besonders hohe Auslastung hin: In der Corona-Krise brachte ihnen die Abwicklung von Staatshilfen für Unternehmen ein großes neues Aufgabenfeld, dann steigerte unter anderem die komplizierte Grundsteuerreform die Nachfrage nach ihren Dienstleistungen.

          Es drohe ein „Dominoeffekt“

          Schmidt stellt umso mehr die besondere Rolle der freien Berufe heraus: Fehlten ihnen Fachkräfte, so fehle in der Folge „nicht nur ein vielleicht verzichtbares Produkt im Regal, sondern eine gesellschaftlich unverzichtbare Dienstleistung“. Es drohe ein „Dominoeffekt“, der dann auch andere Branchen treffe. Wenn es zum Beispiel Sachverständigen und Anwälten an Kapazitäten mangelt, so der Gedanke, führt dies zur Verzögerung von Bau- und Investitionsprojekten – auch solchen, die etwa für den Umbau der Energieversorgung nötig sind.

          Bemerkenswert ist aber auch, was sich aus Sicht der Freiberufler politisch tun ließe, um den Personalmangel zu entschärfen. Allein 59 Prozent äußerten, dass dazu Ressourcenverbrauch durch „Misstrauensbürokratie“ – etwa Dokumentationspflichten – verringert werden sollte. Kurz gefasst: Das vorhandene Personal könnte mehr leisten, wenn es produktiver eingesetzt werden dürfte. Dieser Ansatz erhielt unter den Ratschlägen an die Politik den meisten Zuspruch, mehr noch als die Forderung nach besserer Berufsorientierung in den Schulen (57 Prozent). Jeweils gut 40 Prozent nannten als Lösungsansätze mehr Fachkräfteeinwanderung aus dem Ausland sowie eine bessere Schulbildung. 36 Prozent plädierten dafür, das Arbeiten über die reguläre Altersgrenze hinaus attraktiver zu machen.

          Insgesamt meldeten 48,5 Prozent der Freiberufler, dass sie unbesetzte Stellen haben. In den Heilberufen waren es sogar 70,5 Prozent und in den technisch-naturwissenschaftlichen Berufen 55,8 Prozent. Auf die Frage, was sie selbst zur Linderung des Mangels tun, gaben gut 50 Prozent der Freiberufler an, Fort- und Weiterbildung vorhandener Mitarbeiter zu stärken. Fast ebenso viele berichteten, dass sie Eltern mehr Teilzeitarbeit ermöglichen. 44 Prozent nahmen weniger Aufträge an.

          Einige ziehen aber noch drastischere Konsequenzen aus der Schwierigkeit, Personal zu finden: Rund 7 Prozent planen demnach, ihr Geschäft aufzugeben. Und noch einmal fast so viele wollen das Problem für sich dadurch lösen, dass sie vorzeitig in den Ruhestand gehen.

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