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Ärger über Haftpflichtkosten : Rechnen Hebammen sich ärmer als sie sind?

  • -Aktualisiert am

Aufregerthema: Wie hier in Kiel fordern viele Menschen im Land mehr Unterstützung für die Hebammen Bild: dpa

Die Hebammen klagen über steigende Prämien ihrer Haftpflichtversicherungen. Der Beruf sei vom Aussterben bedroht. Fachleute halten die Klagen für überzogen, denn die Hebammen bekommen auch mehr Geld von den Krankenkassen.

          Die Zahl der Geburten in Deutschland ist seit einigen Jahren stabil. Seit 2009 kommen jedes Jahr um die 670.000 Kinder zur Welt, 2012 waren es 673.000. Für Deutschlands Hebammen ist das kein Grund zur Freude. Viele von ihnen beklagen sich. Geburtshäuser schließen, auf Demonstrationen werden Schilder in die Luft gereckt mit Aufschriften wie „Hebammen vom Aussterben bedroht“. Vor einem „Sterben auf Raten“ warnt Martina Klenk, die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          18.500 der 21.000 Geburtshelferinnen sind in dem Verband organisiert. Zuletzt prognostizierte Klenk das „Zusammenbrechen der geburtshilflichen Versorgung, und zwar auch in den Kliniken in weiten Teilen Deutschlands“. Der Grund: steigende Versicherungsprämien für freiberufliche Hebammen. Gab es die Haftpflichtpolice im Jahr 2000 noch für 404 Euro, so kostet sie ab Juli 5091 Euro, nächstes Jahr dann 6000 Euro. Die Prämien steigen, weil die Gerichte die Ansprüche im Fehlerfall heraufschrauben. Die Attraktivität des Berufs leidet darunter offensichtlich nicht. 17.741 freiberuflichen Hebammen gab es Ende 2013, kaum weniger als 2012, aber 2500 mehr als im Jahr 2009.

          In den Medien finden die Klagen über die Kosten viel Widerhall. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), der für April einen Lagebericht angekündigt hat, weiß, dass man sich mit den Hebammen besser nicht anlegt. Im Bundestag verwies er auf die „große Sympathie, auf die die Aktionen der Hebammen bei der Bevölkerung stoßen“. Doch die Sympathie ist ungleich verteilt. Bei Fachleuten in Berlin jedenfalls wächst das Stirnrunzeln über die Lobbyistinnen.

          Mehr Geld durch mehr Geburten

          Denn während die mit Verweis auf Versicherungskosten Politik machen, sorgt das Ausgleichssystem der Kassen dafür, dass ein nicht kleiner Teil der Hebammen deshalb Extragewinne einfährt. Denn seit 2009 werden die Prämiensteigerungen von den Kassen ausgeglichen. Auch deshalb wuchsen die Hebammenvergütungen der Kassen nach deren Angaben von 2007 bis 2012 um 40 Prozent. Weitere Steigerungen und Ausgleichszahlungen sind angekündigt.

          Bei den Hebammen schlägt sich der Ausgleich mit einem Zuschlag je abgerechneter Geburt nieder. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Wer wenig Geburten abrechnet, kommt womöglich nicht auf seine Versicherungskosten. Wer dagegen überdurchschnittlich viele macht, streicht einen Extragewinn ein, weil die Summe der je Fall gezahlten Zuschläge die höheren Kosten der Haftpflichtversicherung überschreiten. „Gerade bei den Beleghebammen dürfte ein erheblicher Teil davon profitieren“, sagt ein Kenner, der anonym bleiben will.

          Der Hinweis auf die Beleghebammen macht eine Schieflage der öffentlichen Debatte deutlich. In der kommen besonders oft jene Geburtshelferinnen vor, die einer Frau helfen, ihr Kind zu Hause oder in einem Geburtshaus auf die Welt zu bringen. Dort ist gegebenenfalls nicht nur das Risiko für Kind und Frau größer, sondern die Zahl der Fälle außerordentlich klein: 97 Prozent der Kinder werden in Krankenhäusern geboren. Nach Zahlen des Hebammenverbands muss eine Hebamme aktuell 6 Geburten zu Hause, 8 in einem Geburtshaus oder 15 in einem Belegkrankenhaus beistehen, allein um die Versicherungsprämie zu verdienen.

          Man kann auch anders rechnen. Auf Basis von Zahlen des „Qualitätsbericht 2011 Außerklinische Geburtshilfe in Deutschland“ (QUAG) ergibt sich einerseits, dass nur ein Fünftel der Hebammen genügend – nämlich 10 – Hausgeburten betreuten, um die gestiegenen Versicherungsprämien auszugleichen. Hausgeburten werden zwar mit bis zu 830 Euro am besten entgolten, sind aber offenbar ein schlechtes Geschäft. In Geburtshäusern waren 14 Geburten notwendig, um das Kostenplus auszugleichen.

          Laut QUAG halfen dort 40 Prozent der Hebammen mehr als 50 Kindern im Jahr auf die Welt. Im Krankenhaus waren zwar 63 Geburten notwendig, um den Prämienanstieg 2009 bis 2013 auszugleichen. Doch auch hier vermuten Fachleute, dass rund die Hälfte der freiberuflichen Hebammen mehr als 63 Kindern im Jahr auf die Welt half und damit finanziell durch die Haftpflichtprämie keinen Schaden genommen, sondern davon profitiert haben sollte.

          Wie viele das sein könnten, weiß der Hebammenverband nicht, wohl aber, dass es „nicht viele“ seien. Die Datenlage ist offenbar schwierig. Auch bei Schadenfällen. Dem Spitzenverband der Kassen, der dazu anonymisierte Details erbat, beschied Klenk im April, die Kassen sollten ihren „Beitrag zur Lösung ausschließlich durch ein angemessenes Vergütungsangebot leisten“.

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