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Ägypten : Abschalten der Netze hält Proteste nicht auf

  • -Aktualisiert am

Protest am Pfosten: Ein Plakat in Kairo fordert, das Internet wieder anzustellen Bild: dpa

Mit dem Kappen der Kommunikationsverbindungen versucht die ägyptische Regierung, die Revolte im Land zu behindern. Am Montag hatte der letzte der vier großen Internet-Zugangsdienstleister des Landes, die Noor Group, seine Breitbandverbindungen ins Ausland gekappt.

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          „Die Netze sind überlastet, aber nicht gesperrt“, twitterte der deutsche Journalist Richard Gutjahr am Mittag aus Kairo, um Minuten später auf der Internetseite des Bilderdiensts Flickr noch seine Bildergalerie zum „Marsch der Millionen“ hochzuladen. „Ich traue mich jetzt einfach mal: Die Million ist anwesend“ lautete seine Kurznachricht auf Twitter vom zentralen Tahrir Platz in Kairo, bevor die Mobilfunknetze in Kairo offenbar weitgehend abgeschaltet wurden. Später fand er andere Wege zu twittern. Wie schon am vergangenen Wochenende hat die ägyptische Regierung versucht, mit dem Kappen der Kommunikationsverbindungen die Revolte im Land zu behindern.

          Auf der Internetseite des Fernsehsenders Al Jazeera (english.aljazeera.net) waren aber trotz der versuchten Blockade den ganzen Tag über Live-Bilder aus Kairo und Alexandria zu sehen. Dort waren auch die weiterhin abgesetzten Tweets zu lesen, die allerdings sehr spärlich ankamen. Sherine Tadros, Korrespondentin von Al Jazeera, meldete dann später per Twitter, dass zwei Millionen Menschen auf dem Tharir Platz versammelt seien und verkündeten, erst wieder zu gehen, wenn der ägyptische Präsident Husni Mubarak zurückgetreten sei. Allerdings hatte auch sie keinen direkten Zugang zum Internet, denn am Ende ihrer 140-Zeichen-Nachricht folgte der Zusatz „via friend“. Auf Twitter liefen den ganzen Tag dennoch Kurznachrichten zum Aufstand in Ägypten, die alle mit dem Kennzeichen #jan25 versehen waren, das den Beginn der Proteste am 25. Januar symbolisiert.

          So gut wie keine schnellen Datenverbindungen mehr ins Ausland

          Am Montag hatte der letzte der vier großen Internet-Zugangsdienstleister des Landes, die Noor Group, seine Breitbandverbindungen ins Ausland lahmgelegt. Zuvor hatten die Anbieter Link Egypt, Vodafone/Raya und Telecom Egypt ihre Breitband-Verbindungen ins Ausland gekappt. Vor allem Vodafone hatte wegen der Abschaltung viel Kritik einstecken müssen, unter anderem von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Das Mobilfunkunternehmen verteidigte sich, nur seine Mitarbeiter im Land schützen zu wollen. Noor war länger am Netz geblieben, da der Provider wichtige Unternehmen wie die Börse in Kairo, große Hotels und ausländische Unternehmen wie Exxon Mobile ans Internet angeschlossen hatte. Inzwischen ist Noor aber vollständig aus dem Internet verschwunden, wie das Unternehmen Renesys in seinem Unternehmensblog schreibt. Renesys hat sich auf die Überwachung des Internetverkehrs spezialisiert. Nach Angaben des Unternehmens gibt es inzwischen so gut wie keine schnellen Datenverbindungen mehr ins Ausland. Vor allem Unternehmen, die ihre Daten in Rechenzentren im Ausland, der „Cloud“ gespeichert haben, besitzen keinerlei Zugang mehr zu den dort gespeicherten Informationen.

          Viele große Unternehmen wie Microsoft oder Hewlett Packard, die - angelockt vom Werben der ägyptischen Regierung - sich in den vergangenen Jahren im ägyptischen Technologiepark Smart Village in Kairo angesiedelt haben, mussten die Arbeit einstellen. Zuvor haben die Unternehmen den Datenverkehr allerdings soweit umgeleitet, dass internationale Internetverbindungen so gut wie möglich an Ägypten vorbei gingen. Allerdings waren normale Telefonverbindungen ins Ausland weiterhin möglich. Wer Daten ins Ausland transferieren wollte, konnte daher mit einem Modem eine Internetverbindung aufbauen. Internetdaten von Analysediensten zeigen einen weiterhin sehr geringen grenzüberschreitenden Datenverkehr zwischen Ägypten und dem Ausland.

          Funktionierende Telefonverbindungen ins Ausland haben sich auch die Suchmaschine Google und Twitter zunutze gemacht, um das Twittern trotz fehlender Internetverbindungen ermöglichen. Die Unternehmen nutzen dafür die Technik, Sprachen in Texte umzuwandeln. Die Menschen in Ägypten konnten dafür drei geschaltete Telefonnummern im Ausland anrufen und ihre Botschaft aufsagen, die dann in Text umgewandelt und über das Konto „speak2tweet“ getwittert wurden. Allerdings hatte das Twitter-Konto am Dienstag lediglich gut 7000 Follower, die diesen Nachrichten folgten, während der Twitter-Account von Al Jazeera deutlich intensiver im Internet verfolgt wird.

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