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Ackermanns Abschied : Deutsche Bank vollzieht den Übergang

Wechsel: Clemens Börsig, Anshu Jain, Josef Ackermann und Jürgen Fitschen (v. l.) auf der Hauptversammlung Bild: Fricke, Helmut

Auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank verabschieden 7000 Teilnehmer den Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann. Der scheidende Aufsichtsratschef Clemens Börsig zieht Kritik auf sich.

          Mit einer zufriedenen Bilanz hat sich der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, von den Aktionären verabschiedet. Auf der mit 7000 Teilnehmern so gut wie noch nie besuchten Hauptversammlung sagte er am Donnerstag, dass die Deutsche Bank für die Zukunft gut gerüstet sei. Seine beiden Nachfolger Anshu Jain und Jürgen Fitschen, die nach der Hauptversammlung gemeinsam den Vorstandsvorsitz übernehmen, erwähnte der scheidende Vorstandschef nur am Schluss seiner Rede: Sie könnten auf dem gemeinsam Erreichten aufbauen und die traditionsreiche Geschichte dieser großartigen Bank erfolgreich fortführen. „Dabei begleiten sie meine besten Wünsche – nicht zuletzt auch als Aktionär“, sagte Ackermann, der 600.534 Deutsche-Bank-Aktien besitzt und zudem Anwartschaften auf 296.784 weitere Aktien hat.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Jain, der künftig neben dem Investmentbanking und der Transaktionsbank auch die Vermögensverwaltung verantworten dürfte, besitzt 552.697 Aktien und hat Aussicht auf 346.703 weitere Titel. Die Anwartschaften sind an die weitere Ergebnisentwicklung gekoppelt und können im Zuge einer schlechten Entwicklung verfallen. Insgesamt gibt es 929,5 Millionen Deutsche-Bank-Aktien.

          Gülle vor der Festhalle

          Die Aktionäre, die am Morgen beim Betreten der Frankfurter Festhalle mit dem beißenden Geruch von Gülle begrüßt wurden, die Globalisierungsgegner ausgeschüttet hatten, zeigten sich mit der Ära Ackermann zufrieden. Seine Rede sowie die Würdigung durch den Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Börsig wurden mit lang anhaltendem Applaus bedacht.

          Zur Zielscheibe der Kritik wurde einmal mehr Börsig. Abermals beantragten Anwälte des verstorbenen Medienunternehmers Leo Kirch seine Abwahl als Versammlungsleiter. Franz Enderle, der die Witwe Ruth Kirch vertrat, warf ihm Regelverstöße vor, unter anderem sein Interesse, im Frühjahr 2009 selbst als Nachfolger Ackermanns von der Aufsichtsrats- an die Vorstandsspitze zu wechseln.

          Börsig verkürzte nach 60 Wortmeldungen in der zweiten Fragerunde die Redezeit auf zwei Minuten. Dafür zeigte der Aktionär Michael Bohndorf, der im Zentrum der Spitzelaffäre der Deutschen Bank gestanden hatte, kein Verständnis. Zahlreichen Aktionären entzog Börsig nach Überschreiten des Zeitlimits das Wort. Gravierende Defizite in der Unternehmensführung warf Ingo Speich, Fondsmanager von Union Investment, dem Aufsichtsrat vor. Er kritisierte Börsig, weil er die Nachfolge von Ackermann nicht vernünftig geregelt habe. „Stattdessen entbrannte ein Machtkampf, der dem Ansehen der Kandidaten und der Deutschen Bank geschadet hat“, sagte Speich. Die Fondsgesellschaft der Genossenschaftsbanken, die rund 1 Prozent der Stimmrechte vertritt, lehnte die Entlastung des Aufsichtsrats ab.

          Diese verweigerte auch Hans-Christoph Hirt vom britischen Aktionärsberater Hermes. Seiner Ansicht nach hat der Aufsichtsrat in der Nachfolgersuche für Ackermann versagt und damit der Bank geschadet. Hirt vertrat verschiedene Pensionsfonds aus Großbritannien, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten mit insgesamt 6 Millionen Aktien. Börsig wurde schließlich am Abend mit nur 77,7 Prozent der Aktionärsstimmen entlastet.

          Doch Börsig erhielt auch Applaus von vielen Aktionären, als Tilman Todenhöfer, Mitglied im Präsidialausschuss des Aufsichtsrats, seine Tätigkeit würdigte. Den Aufsichtsratsvorsitz übernimmt nach der Hauptversammlung der ehemalige Finanzvorstand der Allianz, Paul Achleitner. Börsig war 2006 als Finanzvorstand an die Aufsichtsratsspitze gewechselt, nachdem Rolf-E. Breuer wegen der Kirch-Prozesse zurücktreten musste. Ackermann dankte Börsig, mit dem er, anders als in der Öffentlichkeit manchmal dargestellt, immer kollegial im Interesse der Bank zusammengearbeitet habe. Jedoch gilt das Verhältnis zwischen beiden seit der Nachfolgersuche im Frühjahr 2009, in deren Anschluss Ackermann um drei Jahre verlängert hatte, als angespannt.

          Jain und Fitschen standen nicht im Mittelpunkt

          Wie im Vorfeld der Hauptversammlung zu erwarten war, stand die künftige Doppelspitze aus Jain und Fitschen nicht im Mittelpunkt. Der Inder Jain verfolgte die Diskussion mit einem Kopfhörer, auf dem die Simultanübersetzung übertragen wurde. Nach den Worten von Börsig lernt Jain gegenwärtig Deutsch. „Aber wie sie vielleicht wissen, ist Deutsch eine schwere Sprache.“ Ackermann verteidigte in seiner Rede den Ausbau des Investmentbanking, wo die Deutsche Bank inzwischen das einzige Institut unter den führenden fünf Häusern sei, das nicht aus den Vereinigten Staaten stamme. Mit der Übernahme der Postbank sei das Privatkundengeschäft ausgebaut worden. Damit seien die Erträge besser ausbalanciert. Inzwischen stammt laut Ackermann mehr als die Hälfte des Finanzierungsbestands aus stabilen Quellen wie etwa Kundeneinlagen im Privatkundengeschäft und in der Transaktionsbank. Für den weiteren Jahresverlauf bleibt er skeptisch. Konjunkturelle Lage, Schuldensituation und mangelnder Reformwille in einigen Euroländern gäben Anlass zur Sorge. Die Aktivität an den Finanzmärkten bleibe verhalten.

          Kritisch hinterfragten einige Aktionäre die Rechtsrisiken der Bank, insbesondere in den Vereinigten Staaten. Ackermann räumte ein, dass die Bank dem Grundsatz „Kein Geschäft darf es uns wert sein, den Ruf und die Glaubwürdigkeit der Bank aufs Spiel zu setzen“ in den Jahren des Überschwangs vor der Finanzkrise nicht immer voll gerecht geworden sei. Er verwies aber darauf, dass die Deutsche Bank nicht stärker in Rechtsstreitigkeiten verwickelt sei als vergleichbare Wettbewerber.

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