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Absolventen am Arbeitsmarkt : Die Geister, die sie riefen

Bachelor-Absolventen fehlt die Lebenserfahrung der Diplom-Ingenieure alter Prägung Bild: ddp

So klang das Lamento der Wirtschaft: Deutsche Hochschulabsolventen - zu alt. Ihre Ausbildung - zu wenig Praxisbezug. Die Universitäten - ohne Kontakt zur wirklichen Welt. Deshalb riefen die Unternehmen nach den Bachelor-Studenten. Jetzt müssen sie mit ihnen leben lernen.

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          Nichts ist gefährlicher als die eigenen Wünsche - sie könnten in Erfüllung gehen. Diese unbequeme Lehre müssen zehn Jahre nach dem Beginn der europäischen Hochschulreform, die unter dem Titel Bologna-Prozess firmiert, die deutschen Wirtschaftsverbände und Unternehmen ziehen. In den neunziger Jahren gehörte es in ihnen fast schon zum guten Ton, über die deutschen Hochschulen und ihre langzeitstudierenden Absolventen zu klagen. Viel zu alt seien diese beim Eintritt in den Arbeitsmarkt, hieß es damals von allen Seiten, und viel zu gering sei der Praxisbezug in Seminaren und Vorlesungen, die Universitäten hätten den Kontakt zur wirklichen Welt schon lange verloren.

          An diesen Punkt zumindest müssen Funktionäre und Manager tatsächlich geglaubt haben, sonst wäre ihnen die Kritik kaum so leicht gefallen. Über Elfenbeintürme lässt es sich ja gerade deshalb so unbeschwert schimpfen, weil ihre Bewohner ohnehin nicht zuhören. Europas Bildungspolitiker hörten überraschenderweise aber sehr genau hin und hievten die von der Wirtschaft eingeflüsterten Stichwörter - Studienzeitverkürzung, Schlüsselqualifikationen und die hässlich-neudeutsch Employability getaufte Tauglichkeit der Absolventen für das Berufsleben - in Bologna auf den Thron. Mit den Folgen haben seitdem Tausende Professoren und Hunderttausende Studenten zu leben. Den vermeintlichen Schlendrian früherer Tage werden die Frauen und Männer, die nun an den Universitäten und Fachhochschulen ihr Studium aufnehmen, nicht mehr kennenlernen. Die Abschlüsse von damals auch nicht: Mehr als zwei Drittel von ihnen haben sich für einen Bachelor-Studiengang entschieden, der sie im Erfolgsfall nach sechs oder sieben Semestern mit einem ersten Abschlusszeugnis versorgt. Magister- und Diplomstudiengänge werden nur noch vereinzelt angeboten, allein die Staatsexamensfächer Medizin und Jura sowie das Lehramtsstudium entziehen sich der neuen Nomenklatur.

          „Bachelor willkommen“ steht nur in den Imagekampagnen

          Viele Unternehmen aber verschließen vor dieser neuen Realität immer noch die Augen. "Bachelor welcome!", versprechen die Arbeitgeber zwar pflichtschuldig in Imagekampagnen, an der Basis jedoch sind oft nur die Broschüren und Plakate angekommen. Gut vorbereitet auf die neue Generation von Hochschulabsolventen sind gerade die kleinen und mittleren Unternehmen längst noch nicht. Genauso wie die großen Konzerne müssen sie jetzt aber auslöffeln, was die Forderungen aus der Vergangenheit ihnen eingebrockt haben: So sind die Bewerber nun nicht nur deutlich jünger, sondern auch viel weniger erwachsen. Manche Personalverantwortliche können sich zum Beispiel noch daran erinnern, dass bis 1975 die Schwelle zur Volljährigkeit erst mit dem 21. Geburtstag überschritten wurde. In Ländern mit achtjährigem Gymnasium wird es künftig nicht mehr außergewöhnlich sein, wenn jemand in diesem Alter schon einen Hochschulabschluss hat.

          Dass solche Absolventen nicht über die gleiche Lebenserfahrung verfügen wie Diplom-Ingenieure alter Prägung, liegt auf der Hand. Sie werden mehr Anleitung nötig haben, ihre eigenen Ansichten vermutlich weniger fest vertreten und den Absprung womöglich schon im Blick haben, wenn sie ihren ersten Arbeitsvertrag unterschreiben. Drei Jahre Hochschule, drei Jahre Berufserfahrung, dann wieder an die Universität für ein vertiefendes Master-Studium - so sehen viele Lebensentwürfe in dieser Phase aus. Auch darauf - und auf die Frage, ob sie Bachelor- und Masterstudenten künftig unterschiedliche Einstiegsvergütungen bieten wollen - müssen sich nicht nur in den Dax-30-Unternehmen die Personalabteilungen einstellen.

          Was Arbeitgeber zu leisten haben

          Viel ist an der Bologna-Reform schon kritisiert worden, oft zu Recht - etwa dass den Studenten von allzu engen Stundenplänen die Lust am Fragen genommen wird, dass Auslandsaufenthalte im Studium entgegen der ausdrücklichen Zielsetzung der Reform seltener und kürzer geworden sind, dass sich die Zahl der Studienabbrecher in einigen großen Fächern nicht verringert hat. Diese Probleme müssen nun im Kern die Hochschulen selbst lösen.

          Den Arbeitgebern und ihren Verbänden aber stünde es gut zu Gesicht, sich währenddessen nicht im Elfenbeinturm zu verschanzen, sondern ihren Anteil zu leisten: Sie könnten aufhören, die Universitäten, von denen sie sich fachlich, sozial und persönlich hochqualifizierte Absolventen als künftige Mitarbeiter erhoffen, mit immer neuen Forderungen zu überziehen. Sie könnten stattdessen durch eine entsprechende Rekrutierungspraxis von den Studenten endlich den Wahn nehmen, dass nur ein möglichst schnell abgeschlossenes Studium ein gutes Studium ist. Und sie könnten, weil viele Studienordnungen im Zeichen der Praxistauglichkeit Pflichtpraktika vorschreiben, den Studenten solche Stellen in ausreichender Zahl anbieten - und zwar dann, wenn die Studenten sie auch annehmen können, ohne in Konflikt mit der Regelstudienzeit zu kommen, in den Semesterferien also. Kleine Schritte, zugegeben, aber allemal besser als die Klage über die Defizite von Hochschulen und Absolventen. Setzen sie die nämlich fort, klingen die deutschen Unternehmen so erbärmlich wie der Zauberlehrling aus Goethes Ballade.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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