https://www.faz.net/-gqe-7o5dw

Abschied von Amerika : Gruner + Jahr verkauft das Druckgeschäft

Im Wartebereich der Chefetage: Auswahl von Print-Produkten in der Gruner + Jahr Firmenzentrale Bild: Bode, Henning

Der Hamburger Zeitschriftenverlag findet endlich einen Käufer für die Tochtergesellschaft Brown Printing. Dadurch fließen 100 Millionen Dollar in die Kasse. So wächst der Spielraum für Investitionen in das Digitalgeschäft.

          2 Min.

          Gruner + Jahr (G+J) kappt seine letzte Verbindung nach Amerika und zieht sich vollständig aus dem Druckgeschäft zurück. Der Hamburger Zeitschriftenverlag verkauft sein amerikanisches Druckhaus Brown Printing an Quad-Graphics Inc. Der amerikanische Druckkonzern zahlt nach eigenen Angaben 100 Millionen Dollar (73 Millionen Euro) für Brown Printing und deren Druckereien in Waseca, Woodstock und East-Greenville.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Die Hamburger hatten in den vergangenen Jahren schon mehrere Anläufe unternommen, Brown Printing zu verkaufen. Im Zusammenhang mit den gescheiterten Verkaufsgesprächen hatte Gruner + Jahr den Beteiligungsansatz der Tochtergesellschaft in der Bilanz herabgesetzt. Von dieser Wertberichtigung profitiert der Verlag nun: Nach Informationen der F.A.Z. beschert der Verkauf Gruner + Jahr einen Buchgewinn in niedriger zweistelliger Millionenhöhe. Die Transaktion bedarf noch der Zustimmung der Kartellbehörden.

          In einer Mitteilung preist Gruner-Vorstandsmitglied Oliver Radtke den Verkauf als „konsequenten Schritt“, denn das Druckgeschäft gehöre nicht mehr zum strategischen Kern des Verlags. Dieser hat mit Titeln wie „Stern“, „Brigitte“ und „Geo“ im vergangenen Jahr einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro erwirtschaftet. Davon gehen nun rund 300 Millionen Euro verloren, die bisher Jahr für Jahr von Brown Printing kamen. 2011 hatte G+J bereits die Beteiligung an Prinovis, Europas größtem Tiefdruckkonzern, verkauft. Der Verlag sieht sich als „Haus der Inhalte“, das sich entlang seiner breiten Palette an Publikationen fortan auch in der digitalen Welt besser aufstellen will.

          Der Verkauf markiert eine Zäsur

          Für die dafür erforderlichen Investitionen und Akquisitionen hat Gruner + Jahr durch den Verkauf von Brown Printing an Spielraum gewonnen. Zudem fällt ein Geschäft weg, das zwar bis zuletzt Gewinne abwarf, aber kein Wachstum mehr versprach. Der amerikanische Druckmarkt ist ähnlich wie der europäische von Überkapazitäten und Preisverfall gekennzeichnet. Dieser Abwärtsspirale hofft Quad-Graphics als Nummer zwei im Markt im Wege der Konsolidierung entgegenzuwirken. Der Konzern will nach der Übernahme erhebliche Synergien heben. Mithin müssen wohl etliche der knapp 1900 Menschen, die heute noch für Brown Printing arbeiten, um ihre Stelle fürchten.

          Für Gruner + Jahr markiert die Abgabe dieser Tochtergesellschaft, die seit 1979 zur Gruppe gehört, allerdings auch eine Zäsur: Der Verlag, der mehrheitlich Bertelsmann gehört, gibt damit sein letztes Standbein in den Vereinigten Staaten auf. Aus dem amerikanischen Zeitschriftengeschäft hatte sich Gruner + Jahr bereits 2005 zurückgezogen. Brown Printing hatte also schon längst nicht mehr für die Hamburger gedruckt, sondern für Verlage wie Time, Hearst und Bauer. Letzterer Verlag, welcher der Familie Bauer gehört, hat seinen Hauptsitz ebenfalls in Hamburg und ist dank allerlei Akquisitionen im Ausland (England, Australien) inzwischen größer als der ehemalige Branchenprimus Gruner + Jahr. Die Bauer-Gruppe („InTouch“, „Closer“, „Bravo“) dürfte 2013 knapp 2,4 Milliarden Euro umgesetzt haben. Davon kamen 65 Prozent aus dem Ausland.

          Weitere Themen

          Österreichs nie genutztes Kernkraftwerk Video-Seite öffnen

          Zwentendorf : Österreichs nie genutztes Kernkraftwerk

          In Betrieb gegangen ist das einzige Atomkraftwerk Österreichs nie, da sich die Menschen in einer Volksabstimmung in den siebziger Jahren gegen die Kernkraft entschieden. Aus Wien kommt nun heftiger Widerstand gegen die Brüsseler Taxonomie-Verordnung.

          Kein Mindestlohn bei Pflichtpraktikum

          Bundesarbeitsgericht : Kein Mindestlohn bei Pflichtpraktikum

          Wer vor seinem Studium ein Praktikum absolvieren muss, hat keinen Anspruch auf den gesetzlichen Mindestlohn. Das hat das Bundesarbeitsgericht in Erfurt entschieden. Viele Arbeitgeber hätten sonst mit steigenden Lohnkosten rechnen müssen.

          Topmeldungen

          Frage der Solidarität : Wie eine Impfpflicht aussehen sollte

          Es ist höchste Zeit, über die Ausgestaltung der Impfpflicht zu sprechen. Um die Wirksamkeit sicherzustellen und den Skeptikern nicht in die Karten zu spielen, sind einige Details wichtig.