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Abgas-Skandal bei VW : Eine Vertrauenskrise und viele offene Fragen

Martin Winterkorn Bild: dpa

Der Skandal um Abgas-Manipulationen in Amerika bringt VW-Chef Winterkorn in die Bredouille. Kann es Zufall sein, dass die Vorwürfe jetzt bekannt werden? Warum macht Volkswagen so etwas? Und warum reagiert der Konzern so spät?

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          Es ist gerade zwei Wochen her, da verkündete Volkswagen den Befreiungsschlag. Der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn soll seinen Vertrag bis 2018 verlängert bekommen und damit das Erdbeben, das der wütend aus dem Amt geschiedene ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch losgetreten hatte, hinter sich lassen.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          So schnell kann sich das Blatt wenden: Seit dem Wochenende hat es Winterkorn mit einem handfesten Skandal zu tun. Man braucht kein Verschwörungstheoretiker zu sein, um nicht an Zufälle zu glauben. Die Sitzung des Aufsichtsrats, in der Winterkorns Verlängerung beschlossen werden soll, ist für diesen Freitag anberaumt. Und, wie praktisch, in Frankfurt findet gerade die bedeutendste Automesse der Welt statt, die IAA, es ist also für erhöhte Aufmerksamkeit gesorgt. Die Aktionäre haben sofort reagiert: ein Fünftel des Börsenwertes wird nicht alle Tage vernichtet.

          Seit vergangenem Freitag, 18 Uhr, weiß der Konzern nach eigenem Bekunden von den schwerwiegenden Vorwürfen aus Nordamerika, seine Techniker hätten Software an dort verkauften Autos so manipuliert, dass sie bei Kontrollen niedrigere Abgaswerte aufwiesen als im Alltagsbetrieb. Schon am Wochenende hat VW die Manipulation zugegeben. Das ist bemerkenswert. Gewöhnlich heißt es in solchen Momenten, man müsse den Sachverhalt prüfen und könne sich derlei nicht vorstellen. Aber die Führungsspitze kann sich das nicht nur vorstellen, sie ist sich sogar sicher.

          Nach allem, was bekannt ist, geht es um die besonders strenge Abgasnorm „Sulev 2“, die nur dann verpflichtend ist, wenn der Hersteller damit wirbt. Das hat VW getan. Die Vorwürfe richten sich gegen die Emission von Stickoxiden des 2-Liter-Diesels in der für den nordamerikanischen Markt entwickelten Version. Der Grenzwert liegt mit 0,02g/Meile deutlich unter dem schon rigiden europäischen. Zudem prüfen die Amerikaner mit höherer Geschwindigkeit und stärkerer Beschleunigung. Hier liegt ein Problem: Bei konstanter Fahrt lassen sich Emissionen moderner Diesel gut in Schach halten. Doch unter Beschleunigung gerät der chemische Prozess der Abgasreinigung aus der Balance. Offenbar wollte VW weder auf gute Abgaswerte noch auf gute Leistungsdaten verzichten und hat mittels Software den Katalysator vorausschauend gesteuert. Das ist kein Hexenwerk, die im amtlichen Zyklus geforderten Parameter sind bekannt. Die Zykluserkennung ist natürlich illegal, auch in Europa.

          Dubiose Messergebnisse schon 2014

          Warum VW trotz des überschaubaren Nutzens das immense Risiko eingegangen ist, entdeckt zu werden, ist ein Rätsel. Warum der Konzern nicht längst reagiert hat, ein anderes. Schon seit Mai 2014 diskutieren Aufsichtsbehörden und VW die Diskrepanz zwischen Prüfstandsergebnissen und Alltagsverhalten. Es wurden gar Fahrzeuge zurückgerufen, ohne nachhaltig Abhilfe zu schaffen. Erst als die Behörden androhten, für das Modelljahr 2016 keine Zulassung zu erteilen, gestanden die Ingenieure am 3. September 2015 ein, nicht das Problem gelöst, sondern manipulierende Software eingesetzt zu haben.

          Entweder hat das die Konzernspitze gewusst und verdeckt, oder ihr ist verborgen geblieben, dass eine Truppe ranghoher Entwickler im Geheimen illegale Entscheidungen trifft. Das eine ist so schlecht wie das andere. Volkswagen hat sich und die den „Clean Diesel“ propagierende deutsche Automobilindustrie in eine Vertrauenskrise gestürzt. Winterkorn hat womöglich höchstens bis Freitag Zeit, eine gute Erklärung zu finden.

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