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55.000 Geräte in Deutschland : Happy bargeldlos: Der Geldautomat wird 40

Geld aus dem Automaten: Seit 40 Jahren Bild: dpa

Der Geldautomat feiert in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag. Die Kreissparkasse Tübingen richtete 1968 das erste Gerät ein, damals noch mit Lochkartentechnik. Heute stehen in ganz Deutschland mehr als 55.000 Geräte - Tendenz immer noch steigend.

          Am Anfang war es mit dem Geldabheben alles andere als einfach, geschweige denn bequem. Der geneigte Kunde benötigte zu einer Zeit, als Computer noch Schränke waren: einen Doppelbartschlüssel, einen gelochten Plastikausweis sowie Auszahlungsbelege in Form von Lochkarten. Mit dieser Ausrüstung kamen dann 1000 Privilegierte auch außerhalb der Öffnungszeiten der Kreissparkasse Tübingen an bis zu 400 D-Mark pro Tag.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wir schreiben das Jahr 1968. Die gesellschaftliche Revolution ist voll im Gange. Und ausgerechnet die Finanzbranche probt ihre eigene Revolution: Geld abheben ohne Bankschalter und ohne Bedienung. Auf dem Geldautomaten steht nicht „Geldautomat“, sondern „Geldausgabe“ - und das Gerät ähnelte auch mehr einem Tresor als einem Automaten.

          Dass ausgerechnet in jener Zeit der Startschuss fiel für das Automaten-Bargeld, hatte historische Gründe. Noch in den 50-er Jahren war das Interesse an der Möglichkeit, rund um die Uhr Geld abheben zu können, eingeschränkt: Die Arbeiter erhielten ihre Löhne in bar ausgezahlt, und Ausgabeposten wie Miete oder Strom bezahlen sie selbst in bar.

          Keine lästigen Öffnungszeiten mehr

          Doch die Phase der Barzahlungen neigte sich schon bald ihrem Ende entgegen. Mehr und mehr Firmen gingen dazu über, das Gehalt auf das Girokonto des Mitarbeiters zu überweisen. Der musste also fortan zur Bank, um an sein Geld zu kommen. Und war an lästige Öffnungszeiten gebunden. Ein guter Zeitpunkt, fand man bei der Kreissparkasse in Tübingen, einen Automaten aufzustellen: Der bereicherte dann vom 27. Mai 1968 die Hauptgeschäftsstelle des regionalen Kreditinstituts.

          Das Gerät, zunächst eine komplexe technische Neuheit für eine begrenzte Kundschaft, wurde Mitte der 70-er Jahre massentauglich. Dafür sorgte die Einführung der EC-Karte als Magnetkarte - eine Karte, die alle deutschen Banken einheitlich ausgaben, die den Zugang über eine persönliche Identitätsnummer ermöglichte und die den Zugang zu einem umfangreichen Automatenpool ermöglichte.

          Für die Banken bietet der Geldautomat inzwischen weit mehr als die Möglichkeit, Personalkosten durch Automatisierung zu sparen. Vielmehr versuchen die Finanzhäuser, Kunden an sich zu binden - indem sie die Geräte kräftig aufrüsten. Bei einigen lässt sich inzwischen nicht mehr nur Geld abheben, sondern auch Geld einzahlen - interessant für Gewerbetreibende, die ihrem Umsatz rasch loswerden können.

          Eine Karriere wie das Handy

          Daneben eröffnen Mobilfunkbetreiber seit geraumer Zeit die Möglichkeit, das im voraus bezahlte Prepaid-Handy über den Geldautomaten aufzuladen. 2003 starteten die Sparkassen zusammen mit T-Mobile ein erstes entsprechendes Angebot, andere kamen dazu. Aktuell wird mit weiteren Anbietern verhandelt. Gerade in einer wichtigen Zielgruppe kommt der Service gut an: „Er wird speziell von jungen Kunden gut angenommen. Wir rechnen damit, dass wir in diesem Jahr die 18-Millionen-Grenze bei den Ladevorgängen erreichen“, resümiert Fieseler.

          In den 40 Jahren seiner Existenz hat der Geldautomat eine ähnliche Karriere gemacht wie das Handy: Vom Spezialgerät für wenige zum Produkt für die breite Masse. Heute stehen von Rügen bis in den Breisgau, von Ostfriesland bis in den Bayerischen Wald rund 55 500 Geldautomaten. Alleine in den Filialen der Sparkassen finden sich mehr als 25 700 Geräte. Mit einer Automatendichte von 155 Stück pro 1000 Quadratkilometer gehört Deutschland zu den Ländern mit der höchsten Gerätedichte in Europa. „Das ist auch gerechtfertigt“, findet Bernd Fieseler, Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands.

          Wirklich? Mancher sagt den Automaten schon das baldige Aussterben voraus. Nicht nur technikorientierte Kunden zahlen heute lieber via Internet oder direkt mit der Karte. Wer braucht da noch Bares? Die Sparkassen glauben: genügend Menschen. Die Nachfrage der Deutschen nach Bargeld sei ungebrochen, trotz der steigenden Bedeutung von Kartenzahlungen. „Wir gehen davon aus, dass die Nutzung der Geldautomaten und auch der Bedarf an zusätzlichen Automaten in Zukunft weiter steigen wird“, sagt Manager Fieseler.

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