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Abholzung und Brände : 30 Fußballfelder Wald weniger – in der Minute

Rauch steigt über dem Amazonas-Regenwald auf. Bild: Bloomberg

Der Tropenwald in Brasilien schrumpft, und auch anderswo auf der Welt sind die Verluste insbesondere ursprünglichen Regenwaldes besorgniserregend groß. Doch es gibt auch positive Nachrichten.

          12 Millionen Hektar Regenwald – eine Fläche so groß wie England – sind im vergangenen Jahr auf der ganzen Welt verloren gegangen. Das geht aus einem Bericht des Projekts Global Forest Watch (GFW) hervor, der sich auf von der amerikanischen Universität Maryland ausgewertete Satellitenbilder beruft. Die Zahl ist die vierthöchste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2001.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          In dem Bericht warnen die Forscher davor, dass die Geschwindigkeit der Zerstörung unverändert hoch sei. Minütlich verschwinde Wald von der Größe von 30 Fußballfeldern. Die Daten zeigen indes nicht nur die legale oder illegale Abholzung von Wäldern durch menschliche Hand, sondern auch die natürliche Zerstörung etwa durch Brände. Zu den Hauptverursachern der Entwaldung zählen Viehzucht und Landwirtschaft: In Asien und Afrika sorgt vor allem der Anbau von Palmöl, in Südamerika die Produktion von Getreide zur Herstellung von Biotreibstoffen für große Waldverluste.

          Frances Seymour, führende Wissenschaftlerin am World Ressources Institute in Washington, warnte: „Die Wälder der Welt sind jetzt in der Notaufnahme. Das Wohlergehen des Planeten steht auf dem Spiel.“ Mit jedem verlorenen Hektar „kommen wir dem schrecklichen Szenario eines unkontrollierbaren Klimawandels näher“, sagte Seymour.

          Großeinsatz in Brasilien

          Mit großer Sorge blicken die Autoren auf den Verlust von ursprünglichem Regenwald in den Tropen, welcher nun erstmals dokumentiert wurde: Insgesamt 3,64 Millionen Hektar von diesem Baumbestand seien verschwunden. Das birgt Gefahren nicht nur für die hochsensiblen Ökosysteme und die Biodiversität; Wälder haben auch einen großen Einfluss auf das Klima. Weltweit absorbieren die Regenwälder rund 30 Prozent des von Menschen verursachten Ausstoßes von Treibhausgasen – mehr als elf Milliarden Tonnen pro Jahr. Brandrodungen und Abholzungen zum Flächengewinn setzen klimaschädliches Kohlendioxid frei und verringern die Kapazitäten der sogenannten „grünen Lungen“ zur Aufnahme von CO2. Urwälder der ältesten Generation, die aus jahrhunderte-, teils sogar jahrtausendealten Bäumen bestehen, halten dabei besonders viel Kohlenstoff gespeichert und können – einmal abgeholzt – nicht wieder in ihren Originalzustand zurückversetzt werden.

          Im Vergleich zu den Jahren 2016 (16,95 Millionen Hektar) und 2017 (15,81 Millionen Hektar), verzeichneten die Autoren insgesamt einen leichten Rückgang in der Entwaldung. In diesem Zeitraum hatten das Wetterphänomen El Niño und großflächige Brände ungewöhnlich viel Wald vernichtet. 

          Brasilien schaffte es im vergangenen Jahr indes wieder auf einen traurigen Spitzenplatz: 1,35 Millionen Hektar an ursprünglichem Regenwald seien dort unter anderem Weideflächen zum Opfer gefallen, heißt es in dem Bericht. Zwar ist der brasilianische Regenwald durch ein Moratorium vor der Abholzung insbesondere für den Anbau für Soja geschützt. Doch umgehen Landwirte dieses, indem sie die Weideflächen ihrer Rinder zu Sojaplantagen umfunktionieren und stattdessen ihre Viehherden weiter in den Regenwald treiben. Am Donnerstag ist die brasilianische Bundespolizei mit einem Großeinsatz gegen die illegale Abholzung im Amazonas-Regenwald vorgegangen. Die Polizei hob nach eigenen Angaben ein Korruptionsnetzwerk aus, an dem sich auch Mitarbeiter staatlicher Umweltbehörden beteiligt haben sollen. 

          Positive Signale aus Indonesien 

          In einem jüngst veröffentlichten Artikel in dem Forschungsmagazin „Nature“ warnen Wissenschaftler zudem davor, dass der Handelsstreit zwischen China und Amerika über den Sojahandel die Abholzung im Amazonas-Regenwald dramatisch beschleunigen könnte. Das werde insbesondere durch den neuen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro begünstigt, der die Erschließung der Amazonasregionen durch Industrie und Landwirtschaft vorantreibt. Dabei hat er deutlich gemacht, dass Umweltschutz nicht zu seinen Prioritäten zählt. Er will keine neuen Schutzgebiete im Amazonasgebiet ausweisen und weitere Rodungen im Regenwald zulassen.

          Jüngst hat Bolsonaro verfügt, das Amt der Bemessung der Indianerländer von der Indianerbehörde auf das Landwirtschaftsministerium zu übertragen. In der brasilianischen Hauptstadt Brasília haben sich deshalb derzeit tausende Ureinwohner versammelt, um gegen die Ausbeutung ihrer angestammten Gebiete zu demonstrieren. Die Autoren des GFW-Berichts betonen zwar, dass es noch zu früh sei, um die Auswirkungen der Politik des neuen Präsidenten einschätzen zu können. Die hohen Rückgänge seien noch vor dessen Amtsantritt passiert. Doch nach Angaben von Umweltschützern und Vertretern der Demonstranten hat die Abholzung seit dem Amtsantritt des rechtsradikalen Präsidenten Jair Bolsonaro im Januar zugenommen.

          Positiv wird die Entwicklung indes in Indonesien bewertet. Dort sei der Verlust von Primärwald auf den niedrigsten Stand seit 2003 gefallen, was die Autoren auf Schutzmaßnahmen der Regierung zurückführen. Im Jahr 2018 hat sich der Waldverlust in dem südasiatischen Land um 40 Prozent gegenüber dem Zeitraum von 2002 bis 2016 verringert. Belohnt wird dieses Engagement von Norwegen, das im Februar dieses Jahres bekanntgegeben hatte, im Rahmen einer schon 2010 vereinbarten Klima-Partnerschaft Indonesien für die Senkung seines durch Abholzung verursachten CO2-Ausstoßes zu kompensieren. 

          Gleichzeitig tauchen jedoch neue Länder in der Negativliste auf: Kolumbien, die Elfenbeinküste, Ghana und die Demokratische Republik Kongo verzeichneten allesamt einen deutlichen Anstieg in der Entwaldung, unter anderem verursacht durch den illegalen Anbau von der für die Herstellung von Kokain genutzten Coca-Pflanze. 

          Während die Autoren der Studie betonen, dass sie nicht zwischen menschlicher und naturgegebener Entwaldung unterscheiden, sehen sie großen Handlungsbedarf. Nur so könne das von zahlreichen Regierungen und Unternehmen gesteckte Ziel, die Rodung von Wäldern bis zum Jahr 2020 drastisch zu reduzieren oder sogar zu stoppen, noch erreicht werden. 

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