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20 Jahre in Knechtschaft? : Unsere Schlecker-Frauen

  • -Aktualisiert am

Bleibt nur noch das Ausräumen: Schlecker-Filiale in Essen Bild: dapd

Betrogen, bespitzelt, schikaniert: Als Opfer kannten wir die Verkäuferinnen bei Schlecker. „Wir haben es gern gemacht“, sagen sie heute. Und würden am liebsten bleiben.

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          Die Schlecker-Frauen sind überall. Sie stehen in halbleeren Filialen, sie sitzen im Fernsehen, und sie sprechen, den Tränen nahe, in jede Kamera: „Schlecker war mein Leben.“ „Es bricht eine kleine Welt zusammen“, sagt Gabi Wittig, die 30 Jahre bei Schlecker war. „Ein zweites Zuhause“ sei die Drogerie-Kette für sie alle gewesen. „Ich habe es gern gemacht!! Bis zum letzten Tag!!!“, schreibt eine Filialleiterin im Schlecker-Blog.

          Sind das da im Fernsehen die gleichen Frauen, die wir all die Jahre bei Panorama, Report und den unzähligen Sozialreportagen kennengelernt haben? Die bei Frank Plasberg die Sklaven von heute und bei Maybritt Illner die Unterdrückten des Kapitals zu geben hatten? Schlecht bezahlt und ausgebeutet. Hätten diese Schlecker-Frauen, die wir kannten, nicht alles darangesetzt, so schnell wie möglich von Schlecker wegzukommen? Zum guten dm-Gründer Götz Werner oder zum Kollegen Dirk Rossmann. „Nun muss ich den Laden wieder eigenhändig schließen“, sagt die Schlecker-Frau heute. „Das hier war mein Schlecker, so etwas wie mein Baby.“

          Andrea Nahles: „Die Gesellschaft muss den Schlecker-Frauen die Hand reichen“

          Zusammengebrochen ist hier nicht nur das Imperium von Anton Schlecker. Zusammengebrochen ist auch ein Weltbild: das Bild einer Knechtschaft, die es um jeden Preis zu beseitigen gilt. An seine Stelle tritt das Bild der Schlecker-Frau, die es um jeden Preis zu retten gilt. Denn Schlecker war ja nicht nur ihr Arbeitgeber. Schlecker war ihr Leben. Deshalb sind die Kassierinnen auch keine „betroffenen Arbeitnehmerinnern“, sie sind „Schlecker–Frauen“ – unsere Schlecker-Frauen, die irgendwann auch kein Bindestrich mehr trennen wird von ihrem einstigen Patriarchen.

          Der Tyrann liegt im Staub

          „Die Gesellschaft muss den Schlecker-Frauen die Hand reichen“, sagt Andrea Nahles, SPD-Generalsekretärin: Weil sie so viele sind, weil sie fast nur Frauen sind, und weil sie so Schlimmes durchgemacht haben.

          Wie Schlecker-Frauen gelitten haben, das wusste jeder, der je über den Kauf einer Rasierklinge oder Hautcreme nachgedacht hat: Massenhaft Überstunden mussten sie leisten, endloses Werbe-Gedudel aus dem Fernseher ertragen, in düsteren, vollgestopften Filialen ackern, und zeitweise wurde, rein statistisch gesehen, jeden Tag eine überfallen. Schlecker-Frauen wurden um ihre Tariflöhne betrogen, von Detektiven bespitzelt, von Testkäufern schikaniert, von versteckten Kameras gefilmt und für die Planung von Betriebsratswahlen gefeuert. Noch 2010 geißelte die Gewerkschaft Verdi „Sozialdumping“ und „einmalige Schweinereien“ bei Schlecker, erfand Ursula von der Leyen gar eine „Lex Schlecker“ gegen Zeitarbeitsmissbrauch.

          Jetzt ist alles anders. Der Tyrann liegt im Staub, die Frauen sind frei, ausgebrochen aus der Knechtschaft. Oder nicht? Nein, so darf man nicht denken: Mit dem Albtraum sind alle Jobs verschwunden. Aber die Schlecker-Geschichte ist eben verzwickt und verwirrend. „Wir haben Schlecker besiegt“, sagt eine Betriebsrätin. Und doch fühlen sich alle 11 000 Schlecker-Frauen (wer noch nicht gekündigt wurde, zählt nicht zu dieser Gruppe) als Verlierer.

          20 Jahre in der Knechtschaft?

          Ihre Trauer wirft ein völlig neues Licht auf den Drogerie-Riesen. In diesen Tagen weiß niemand: Wurde der Öffentlichkeit vor der Insolvenz ein Zerrspiegel vorgehalten? Oder erst danach? Denn die Frauen trauern nicht etwa nur aus dem verständlichen Grund, dass ihnen Arbeitslosigkeit droht. Dieser Zustand – so er eintritt – könnte auch von kurzer Dauer sein, da sie über das ganze Land verstreut sind und im ganzen Land 25 000 Verkäuferinnen fehlen. Nein, die Schlecker-Frauen trauern um ihre Arbeit bei Anton Schlecker.

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