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20 Jahre Einheit : Geboren am 3. Oktober 1990

  • Aktualisiert am

Christin Blobel, geboren am 3. Oktober 1990 Bild: F.A.Z. - Daniel Pilar

Christin Blobel ist ein echtes Kind der deutschen Einheit. Am 3. Oktober 1990 wurde sie um 0.05 Uhr in Görlitz geboren. 20 Jahre später erzählt sie im Interview mit der Sonntagszeitung von ihrem Verhältnis zur DDR und dem unfreiwilligen Umzug in den Westen.

          5 Min.

          Christin, Sie wurden am 3. Oktober 1990 geboren, fünf Minuten nach Mitternacht. Nervt es manchmal, ein Kind der Einheit zu sein?

          Eigentlich nicht. Wenn die Leute mein Geburtsdatum hören, sagen sie meistens: „Ach, am Tag der Deutschen Einheit.“ Das war’s dann aber auch schon.

          Sprechen Sie mit Ihren Freunden noch häufig über die DDR?

          Nein, das ist gar kein Thema bei uns.

          Will man denn nicht wissen, was da vor einem war, wo man herkommt?

          Doch. Besonders um meinen Geburtstag herum kamen bei mir immer diese Fragen auf, natürlich auch durch die historische Debatte, die dann auftaucht. Dann habe ich vor allem mit meinen Eltern drüber gesprochen.

          Was erzählen Ihre Eltern denn so von der DDR?

          Mein Vater erzählt vor allem von der Arbeit. Mein Großvater besaß einen Tischlereibetrieb, aber mein Vater hat Schlosser gelernt, weil er nicht wie mein Opa schon am Anfang des Jahres genau wissen wollte, was er bis zum Jahresende bauen würde. Ab und zu kamen mal Leute mit Schnipseln aus Westkatalogen vorbei und wollten eine Schrankwand oder einen Tisch nachgebaut bekommen.

          Durfte man das denn?

          Ja, klar. Nach der Wende wurde der Volkseigene Betrieb, in dem mein Vater arbeitete, geschlossen. Er hatte dann die Idee, bei meinem Opa einzusteigen, und hat sich umschulen lassen. 2002 hat er die Tischlerei ganz übernommen.

          Und der Betrieb hat die Wende überlebt?

          Jein. Wie in vielen Gewerben ging es auch bei uns immer ein bisschen auf und ab. In diesem Jahr mussten wir leider aus wirtschaftlichen Gründen schließen, nach fast 100 Jahren in Familienbesitz. Jetzt arbeitet mein Vater in einem Hotel in Österreich, weil es in unserer Region kurzfristig keine Möglichkeit gab, einen Arbeitsplatz zu finden.

          Sie wohnen inzwischen in Niedersachsen – das heißt, die Familie ist weit verstreut.

          Ja, leider. Meine Mutti kam Mitte der achtziger Jahre wegen meines Vaters aus Gera nach Görlitz und wollte eigentlich nicht lange bleiben, sie fand alles so trist und grau. Aber inzwischen haben wir dort unser Haus, und es gefällt ihr sehr gut. Sie arbeitet als Krankenschwester auf der Intensivstation und möchte dort auch bleiben.

          Und Sie – wollten oder mussten Sie „rübermachen“?

          Erstens sagen wir bei uns nicht mehr „rübermachen“. Wenn wir „rüberfahren“, fahren wir nach Polen – nicht in den Westen. Und zweitens: Ich hatte keine große Wahl. Ich habe in Görlitz eine Ausbildung zur gestaltungstechnischen Assistentin an einer Privatschule gemacht. Aber leider gab es Probleme mit der Abschlussprüfung, so dass die gesamte Klasse durchgefallen ist. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, eine zweite Ausbildung dranzuhängen – zur Mediengestalterin.

          Und das ging in Görlitz nicht?

          Nein, in Görlitz selbst gibt es in diesem Bereich keine Karriereperspektiven. Die Prüfungsergebnisse kamen allerdings auch so spät, dass alle guten Plätze in der Umgebung und in den Großstädten schon weg waren – das Ausbildungsjahr lief schon seit zwei Monaten.

          Also letzter Ausweg Hösseringen, ein 600-Seelen-Dorf vor den Toren Uelzens – mitten in der Lüneburger Heide?

          Die Firma ist einen Ort weiter in Suderburg und wurde mir vom Arbeitsamt angeboten. Es war die richtige Entscheidung, herzukommen. Wir entwickeln hier zwei Zeitschriften, ich bekomme viel Verantwortung, durfte schon mit nach Paris zu einem Modeshooting fahren und zur Weiterbildung nach Hamburg. So gesehen, läuft es hier richtig gut.

          Wenn nur die Einöde nicht wäre?

          Vorher dachte ich immer, Görlitz wäre klein. Aber in Hösseringen gibt es wirklich fast nichts außer einem netten Dorfcafé, lärmenden Kühen und einem Testgebiet der Bundeswehr, wo ab und zu Bomben detonieren. Einmal die Woche fahre ich siebzig Kilometer Landstraße nach Braunschweig zur Berufsschule.

          Das klingt nicht nach der typischen Geschichte, in der ein Ossi sein Leben verbessert, indem er in den Westen geht.

          Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist schön hier. Aber ich bin nicht so gemacht für dieses Landleben. Ich mag noch nicht mal Pferde. An den Wochenenden fahre ich manchmal nach Görlitz. Wenn ich dann da bin, kommt es mir vor wie in einer Großstadt. Da weiß ich dann vor lauter Möglichkeiten gar nicht, was ich zuerst machen soll.

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