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WM und Wirtschaft : Auch Ballack bringt's nicht

Mit WM-Artikeln zu mehr Umsatz? Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Fußball-WM wird wie ein kleines Konjunkturprogramm wirken. Sagen Optimisten. Schön wär's. Ein statistisch meßbarer Effekt auf das Wirtschaftswachstum dürfte sich kaum einstellen - und wenn, wäre er nur kurz.

          Die Fußball-WM in Deutschland schafft Arbeitsplätze. Heißt es. Außerdem profitiert der Einzelhandel. Und ganz nebenbei sorgt sie dafür, daß künftig mehr Touristen den Weg in deutsche Gefilde finden. Alles in allem: Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wird das lahme Wirtschaftswachstum zumindest ein wenig beflügeln. Heißt es.

          Je näher das Sportereignis rückt, desto besser werden die Nachrichten und überschlagen sich in enthusiastischen Prognosen. Die Studien orientieren sich an der WM 1998 in Frankreich oder der EM 2000 in den Niederlanden und Belgien. Doch wie groß wird der Einfluß auf Wirtschaft und Tourismus in Deutschland tatsächlich sein? Während der WM gewinnen fast alle Branchen, was aber verschleiert bleibt, ist die nachhaltige Wirkung. Denn ein statistisch meßbarer Effekt auf das Wirtschaftswachstum dürfte sich kaum einstellen - und wenn, wäre er nur kurz. Berechnungen der früheren Ausrichter Japan/Korea (2002) und Frankreich (1998) zeigen kleine Ausschläge des Wirtschaftswachstums zur Mitte der Weltmeisterschaftsjahre. Aber schon wenige Monate später normalisierte sich die wirtschaftliche Aktivität wieder.

          Langfristig keine wirtschaftlichen Wirkungen

          Studien aus Amerika belegen, daß sportliche Großereignisse langfristig keine wirtschaftlichen Wirkungen zeigen. Für Deutschland sind Schätzungen eines WM-induzierten Anstiegs des Bruttoinlandsprodukts zwischen 0,3 und 0,9 Prozent im Umlauf. Selbst wenn diese Zahlen annähernd richtig sein sollten, so fassen sie doch alle wirtschaftlichen Aktivitäten rund um die Fußball-WM zusammen. Die beginnen aber mit den Aus- und Neubauten der Stadien schon Jahre vor dem eigentlichen Ereignis. Das Jahr 2006 wird den Fußballfans wohl mehr Freude bereiten als den Ökonomen.

          Deutschland will sich von seiner freunlichen Seite zeigen

          Die Bundesagentur für Arbeit erwartet durch das Großereignis rund 50000 zusätzliche Stellen in Deutschland. Davon sollen rund 20000 dauerhaft erhalten bleiben. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) rechnet damit, daß die Jobs überwiegend im Gastgewerbe entstehen. "Langfristige Jobs entstehen aber nur dort, wo sich die Struktur der Stadt ändert und diese nach der WM genutzt wird", sagt Holger Preuß, Juniorprofessor für Sportökonomie in Mainz.

          Kein Mangel an Initiativen

          An Initiativen mangelt es jedenfalls nicht. Die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) hat mit dem Organisationskomitee Deutschland der Fifa Fußball-WM einen umfassenden Aktionsplan entwickelt, der Deutschland als Reiseland so attraktiv machen soll, daß die WM-Touristen auch nach dem Sportereignis wiederkommen. Und während sich die WM für die Hotellerie wohl eher lohnen werde, gebe es bei der Gastronomie auch Verlierer, meint Stefanie Heckel vom Dehoga. "Dort werden nämlich jene gastronomischen Einrichtungen kurzfristig Kunden verlieren, die das Sportereignis nicht via Großleinwänden übertragen werden, um damit ihren Umsatz zu steigern." Beim Verkehr rechnen die Deutsche Bahn und die Deutsche Lufthansa mit Zusatzeinnahmen - und nutzen dabei vor allem den Heimvorteil. "Im Gegensatz zu anderen Fluggesellschaft haben wir ein sehr dichtes Netz an Verbindungen zwischen den einzelnen Austragungsstädten", sagt Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty. Inwiefern sich der WM-Tourismus tatsächlich auf den Umsatz niederschlagen wird, sei noch nicht vorauszusehen.

          Auch bei der Bahn wisse man noch nicht, mit wieviel Umsatz man während der WM rechnen könne. Fest steht nur, daß laut einem Bahnsprecher die komfortablen Verbindungen zwischen den Städten auch über die WM hinaus bestehenbleiben.

          Klare Gewinner

          Immerhin lassen sich auch klare Gewinner definieren: Zu ihnen werden die großen Hersteller von Sportartikeln gehören. So will der Marktführer Adidas 2006 nur durch Fußball zweistellig wachsen und einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro erreichen. Der große amerikanische Rivale Nike, mit dem sich Adidas seit Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefert, dürfte kaum zurückbleiben. Denn viele Fußballfans werden es sich nicht nehmen lassen, Trikots mit den Namen ihrer Lieblinge zu kaufen.

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