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Wirtschaftsinstitute warnen : Deutschland steht knapp vor einer Rezession

Dämmerung: Die Wirtschaftsinstitute senken ihre Wachstumsprognose Bild: dapd

Die Wirtschaftsforschungsinstitute kritisieren die Politik scharf - und senken ihre Wachstumsprognose für 2012 von 2,0 auf 0,8 Prozent.

          Die deutsche Wirtschaft steht vor einer harten Bremsung der Konjunktur. Eine Rezession könne aber knapp vermieden werden, wenn die Politik es endlich schaffe, die Schuldenkrise einzudämmen, schreiben die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten für die Bundesregierung, das am Donnerstag in Berlin offiziell vorgestellt wird. Zugleich üben die Institute scharfe Kritik an der Krisenpolitik der Regierungen und der Europäischen Zentralbank (EZB).

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die Institute senken ihrer Wachstumsprognose für das kommende Jahr von 2,0 auf 0,8 Prozent. In diesem Jahr werde die deutsche Wirtschaft noch um 2,9 Prozent wachsen, weil das erste Quartal sehr stark war. Seitdem belasteten jedoch die weltwirtschaftliche Abkühlung sowie mehr und mehr die Unsicherheit wegen der Schuldenkrise. Im gerade begonnenen Herbstquartal sei eine leicht sinkende Wirtschaftsleistung zu erwarten, im neuen Jahr werde die Konjunktur wieder leicht anziehen. Von einer Rezession sprechen Ökonomen erst, wenn die Wirtschaftsleistung in zwei aufeinander folgenden Quartalen sinkt. Der Arbeitsmarkt werde robust bleiben, sofern die Krise nicht eskaliere. Nach knapp 3 Millionen Arbeitslosen in diesem Jahr - einer Quote von 7 Prozent - könnte die Zahl nächstes Jahr im Durchschnitt auf 2,8 Millionen sinken.

          Container im Hamburger Hafen: Der Konjunktur droht ein Einbruch

          Allerdings sehen die Forscher erhebliche Risiken für einen schärferen Konjunkturabschwung. Falls es in Griechenland oder einem anderen finanziell angeschlagene Land zu einer unkontrollierten Entwicklung oder einer ungeordneten Insolvenz komme, dann käme es doch zu einer Rezession - im schlimmsten Fall sogar zu einem Einbruch ähnlich wie nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Lehman-Bank vor drei Jahren.

          Jüngste Konjunkturdaten lassen eher Hoffnung aufkommen, dass Europa ein scharfer Einbruch erspart bleibt. Im August stieg die Industrieproduktion im Euroraum um durchschnittlich 1,2 Prozent gegenüber dem Vormonat, obwohl sie in der größten Volkswirtschaft Deutschland leicht gesunken war. Überraschend waren die positiven Meldungen aus einigen Peripheriestaaten, zum Beispiel Portugal, Irland und Italien.

          Die europäischen Aktienmärkte reagierten darauf am Mittwoch mit zum Teil hohen Kursgewinnen. Zusätzlichen Auftrieb erhielten die Börsen am Nachmittag von der Aussicht darauf, dass die Slowakei doch noch der Ausweitung des Euro-Rettungsfonds EFSF zustimmt. Der Deutsche Aktienindex stieg bis zum Nachmittag um 2,3 Prozent und lag erstmals seit Mitte August wieder über 6000 Punkten.

          Auch der Weltstahlverband verbreitete gute Stimmung. Er hob seine globalen Verbrauchsprognosen an. Die Stahlnachfrage ist ein Indikator für die Weltkonjunktur. Die Chemiebranche erwartet keinen Konjunkturabsturz. „Die Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen ist in den letzten Monaten schwächer geworden, besonders in Europa. Wir rechnen aber nicht mit einem konjunkturellen Einbruch“, sagte der Chefvolkswirt des Chemieverbands, Henrik Meincke.

          Die Institute üben scharfe Kritik an der zögerlichen und widersprüchlichen Politik der europäischen Regierungen in der Euro-Schuldenkrise. Die Regierungen hätten die drohende Insolvenz Griechenlands nicht wahrhaben wollen und immer auf Zeit gespielt. Dabei seien die Probleme mit immer größeren Hilfspaketen nicht gelöst worden. Die immer höheren Haftungssummen hätten die Lage stets nur vorübergehend beruhigt. Durch die planlose Politik der Regierungen sei die Europäische Zentralbank in die Zwickmühle gekommen, kritisieren die Institute. In der Not habe sie Anleihen von Peripheriestaaten gekauft. Die Institute kritisieren, dass die EZB damit immer weitermache. Eine entscheidende Frage sei die Rekapitalisierung von Banken, schreiben die Institute. Bei einem Zahlungsausfall von Staatsanleihendrohen den Banken hohe Abschreibungen auf ihre Wertpapierbestände.

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