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Wirtschaftsforum : Asien zittert nach dem Brexit

Inzwischen machen auch Chinas Zeitungen seitenlang mit dem Brexit auf. Die vielen Artikel beantworten Fragen, was dieser für das Land bedeuten würde, was enge Wirtschaftsbeziehungen zu Großbritannien unterhält. Neben Positivem (günstigere London-Reisen durch das schwache Pfund; günstigeres Auslandsstudium der Kinder) fürchten die Medien, dass es zehn Jahre dauern könne, bis China mit Großbritannien ein neues Freihandelsabkommen ausgehandelt habe. Außer dem nichtssagenden Statement einer Außenministeriumssprecherin („signifikante Auswirkungen“) hat es aus Peking noch keine offizielle Reaktion auf das Ereignis gegeben. Am Montag könnte sich Premierminister Li Keqiang beim Weltwirtschaftsforum in Tianjin dazu äußern; Präsident Xi Jinping hat bisher keine Stellungnahme abgegeben.

Die Chinesen mögen den Brexit nicht

Klar ist: den Chinesen geht die Entscheidung der Briten gehörig gegen den Strich. Der eine oder andere Kolumnist angelsächsischer Medien hat am Wochenende zwar spekuliert, China käme ein zerstrittenes und geschwächtes Europa gelegen, da es so einen mächtigen Wettbewerber in der Wirtschaft und auf dem politischen Parkett loswerde. Für diese Interpretation spricht allerdings wenig. Ganz im Gegenteil: im Vorfeld des Referendums hatte sich Präsident Xi eindeutig für einen Verbleib Großbritanniens in der EU ausgesprochen.

„Anders als der russische Präsident Wladimir Putin bevorzugen die Chinesen in Europa Stabilität“, sagt in Tianjin der Gründer der amerikanischen Politikberatung Eurasia, Ian Bremmer. Anders als oft dargestellt habe sich die EU auch nie als „Block“ gegen die aufstrebende Nation aus Fernost positioniert. Jetzt herrsche hingegen bei den Chinesen Unsicherheit darüber, wie die politische Verfassung Europas künftig aussehen werde. Das könne sich auch negativ auf chinesische Investitionen in Großbritannien, aber auch im Rest des Kontinents auswirken. Bremmer stellt den Brexit „ausdrücklich“ auf eine Stufe mit der Krise um die Stationierung von Raketen auf Kuba, den Anschlägen auf das World Trade Center vom 11. September 2001 und dem Krieg Amerikas gegen den Irak.

Dass auf dem Weltwirtschaftsforum in China überhaupt über den Brexit gesprochen wird, war gar nicht vorgesehen. Forumsgründer Klaus Schwab selbst will sich auch erst am Montag zu den Vorgängen äußern. Im letzten Moment hat der Veranstalter für Sonntag wenigstens eine kurze Podiumsdiskussion angesetzt. Für die 60 Plätze in dem kleinen Raum standen geschätzt drei Mal so viele Forumsbesucher an; es war die mit Abstand bisher begehrteste Veranstaltung in Tianjin.

Drinnen auf der Bühne windet sich Michael Falcon, Chef des asiatischen Investmentbankings von JP Morgan, um eine Antwort auf die Frage nach der Reaktion der Märkte. „Wir sehen einen Schock, aber keine Krise“, versucht der Banker zu beruhigen. Allerdings sei im Hinblick auf die kommende Woche klar: „Die Märkte in Asien und im Rest der Welt werden sich darauf konzentrieren, was als nächstes kommt.“ Kursschwankungen würden wohl an der Tagesordnung sein: „Von nun an werden sich Gerüchte verbreiten und die Anleger emotional handeln.“

Ein Manager des britischen Telekommunikationskonzerns BT sagt auf der Bühne, in England und Europa scheine das Vertrauen zu verschwinden: „Die Menschen trauen nicht mehr der Politik, der Wirtschaft oder sonstigen Eliten.“ Auch er benutzt das Wort, das bereits Ökonom Roubini früher am Tag in den Raum gestellt hat: „Wir haben den perfekten Sturm.“

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