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Wirtschaft verliert an Fahrt : Konjunktur auf der Kippe

Bild: F.A.Z.

Der Aufschwung in Deutschland ist ins Stocken geraten. Seit Monaten deuten Frühindikatoren auf eine Abkühlung hin. Wie ein Bumerang ist die Finanzkrise zurückgekehrt. Die Staaten müssen sparen, obwohl das die Konjunktur dämpft.

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          Das deutsche Wirtschaftswachstum hat zur Jahresmitte beinahe eine Vollbremsung gemacht. Wichtige Frühindikatoren der Konjunktur sinken seit Monaten. Das weltweite Umfeld hat sich eingetrübt, die Unsicherheit nicht nur an den Finanzmärkten ist enorm. Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, spricht von der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Und Weltbank-Chef Robert Zoellick warnt, man befinde sich „am Beginn eines neuen Sturms“. Angesichts der Staatsschuldenkrise in Europa und Amerika sieht er „eine neue und gefährlichere Zeit für die Weltwirtschaft“ heraufziehen.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Noch bis vor kurzem galt Deutschland als konjunkturelle Insel der Seligen inmitten all der Industrieländer, die sich entweder nur schleppend erholen oder gar nicht aus dem Morast kommen. Deutschland kann sich immer noch über das kräftige Wachstum zum Jahresbeginn freuen, das eine gute Basis legt. Das Staatsdefizit sinkt, die hiesige Arbeitslosenquote ist um ein Drittel niedriger als in der Mehrzahl der Euroländer oder in den Vereinigten Staaten. Bislang berichten die Unternehmen ganz überwiegend noch von guten bis sehr guten Geschäften. Die Auftragsbücher sind gefüllt, doch dieses Polster kann sich als trügerisch erweisen.

          Soweit sich Volkswirte aus Instituten und Banken zu den neuen Wirtschaftszahlen geäußert haben, sehen die meisten darin nur eine vorübergehende Wachstumsschwäche. In ersten Reaktionen haben sie ihre Prognosen für Deutschland nur moderat von 3,5 auf 3 Prozent Plus gesenkt, wobei im zweiten Halbjahr eine sanfte Landung unterstellt wird. Die deutsche Wirtschaft läge damit über dem Vorkrisenniveau und käme mit einem blauen Auge durch den Sturm der Weltwirtschaft. Für das kommende Jahr müssen die Optimisten aber wohl größere Abstriche von ihren Prognosen vornehmen. Wenn sich die Weltkonjunktur, wie sich abzeichnet, stärker eintrübt, wird das in der exportorientierten deutschen Volkswirtschaft hässliche Spuren hinterlassen.

          Die Konjunkturprogramme nur kurzfristig gewirkt

          Es gibt Pessimisten, die eine harte Landung, wenn nicht gar einen Crash kommen sehen. Die krisenhafte Zuspitzung an den Finanzmärkten, die hohe Volatilität und Nervosität, wabernde Gerüchte um die Solvenz wichtiger Banken und der nicht auszuschließende Zahlungsausfall ganzer Staaten – all das zeugt von der Labilität und Verletzlichkeit der Weltwirtschaft, sagen die Pessimisten. Sie erinnern an den Herbst 2008, als der Zusammenbruch einer Investmentbank in einer Kettenreaktion die halbe Welt in den Abgrund riss. Damals griffen die Staaten ein, retteten die Banken und stützten die Realwirtschaft mit gigantischen Konjunkturpaketen. Leider haben sie nun ihr Pulver weitgehend verschossen.

          Wie ein Bumerang ist die Finanzkrise zurückgekehrt. Mit ihren keynesianischen Ausgabenprogrammen, die sich in den Vereinigten Staaten mittlerweile auf mehr als eine Billion Dollar summieren, haben die Regierungen zwar kurzfristig etwas Wachstum angeregt, aber die strukturellen Probleme sind keineswegs bereinigt. Das Grundproblem ist die übermäßige Verschuldung auf der Welt. Kreditfinanziert haben sich viele Bürger in den Vereinigten Staaten und anderswo Konsum und Häuser gegönnt – mehr, als sie dauerhaft finanzieren konnten. Erst fielen die faulen Kredite den Banken zur Last, nun drücken Schuldenberge die Finanzminister. Indem die Staaten Schulden mit Schulden bekämpften, haben sie Zeit gekauft, doch der Preis dafür in der Zukunft ist hoch.

          Sparen ist unumgänglich, auch wenn es die Konjunktur dämpft

          Die Erfahrung früherer Finanzkrisen, die von den Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff untersucht wurde, zeigt, dass der Wiederaufstieg mühsam ist und länger dauert als nach „normalen“ Rezessionen. Private Haushalte müssen ihre Verschuldung abbauen, Banken ihre Bilanzen bereinigen, die zuvor verzerrte Wirtschaftsstruktur – mit einem aufgeblähten Häuser- und Finanzsektor – muss sich neu ordnen. Gerade die Vereinigten Staaten scheuen diesen Prozess der strukturellen Anpassung, der eine längere Phase schwachen Wachstums und weniger Jobs bedeuten kann. Mit aller Macht versucht die Regierung durch kreditfinanzierte Stimuli den Karren aus dem Dreck zu ziehen, die Notenbank pumpt Unmengen billigen Geldes ins System.

          Doch diese expansive Politik ist ein Ritt auf dem Tiger, da sie leicht neue Verzerrungen und Blasen hervorrufen kann, wovor die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel warnt. Sie war auch die einzige Stimme von Rang, die die große Finanzkrise kommen sah. Niemand hat ein einfaches Rezept, um aus der Schuldenkrise herauszukommen. Den Staaten bleibt wohl oder übel nichts anderes, als jetzt zu konsolidieren, obwohl das die Konjunktur zunächst dämpft.

          Diese Therapie ist schmerzhaft, aber unumgänglich. Nur wenn die Staaten glaubhaft vermitteln, dass sie ihre Haushalte in Ordnung bringen – langfristig durch konsequente Schuldenbremsen – bleibt das Vertrauen erhalten. Bricht das Vertrauen zusammen, dann drohen Panik und eine neue Finanzkrise. Die nächste globale Rezession ist dann nicht mehr fern.

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