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Wachstumsprognose deutlich gesenkt : Deutschland vor der Rezession

  • Aktualisiert am

Düstere Aussichten: In der deutschen Wirtschaft macht sich derzeit Krisenstimmung breit. Bild: Gyarmaty, Jens

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute glauben nicht mehr an Deutschlands Wachstum. Schuld sei eine verfehlte Regierungspolitik. Aber auch die zahlreichen internationalen Krisen treffen Deutschland als Exportnation hart.

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          Führende Konjunkturforscher sind deutlich skeptischer für die deutsche Wirtschaft. Die Ökonomen erwarten für 2014 nur noch 1,3 Prozent Wachstum, wie aus dem am Donnerstag veröffentlichten Herbstgutachten für die Bundesregierung hervorgeht. Auch im nächsten Jahr werde es nur ein mageres Plus von 1,2 Prozent geben. Bisher hatten die Fachleute einen kräftigen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes um 1,9 Prozent und im nächsten Jahr von 2,0 Prozent veranschlagt. „Die deutsche Wirtschaft befindet sich mithin in einem - wenn auch nicht allzu ausgeprägten - Abschwung.“ Nach dem Schrumpfen der Wirtschaftskraft im Frühjahr habe es wohl auch im Sommer nur eine Stagnation gegeben. „Der Konjunkturmotor kommt nur schwerlich wieder auf Touren.“ Die Wirtschaftsleistung ging bereits im Frühjahr zurück, auch für das gerade beendete dritte Quartal deutet sich eine Stagnation oder sogar ein Rückgang an. Damit wäre Deutschland in der Rezession. 

          Zurückhaltung allerorten

          Als Grund für den schwindenden Optimismus nannten die Ökonomen, dass die Nachfrage nur mäßig anziehe und sich vor allem die Euro-Zone langsamer erhole als erhofft. Zudem habe sich die Stimmung der heimischen Verbraucher eingetrübt und die Unternehmen zögerten mit Investitionen. „Internationale Krisen wie der weiter schwelende russisch-ukrainische Konflikt und die kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien und im Irak trübten die wirtschaftlichen Aussichten zusätzlich ein.“


          Kaum etwas spreche dafür, dass die Firmen ihre Investitionszurückhaltung bald ablegten. Die Unternehmen würden ihre Ausgaben in Maschinen und Anlagen in diesem und im nächsten Jahr jeweils um rund vier Prozent steigern. Im Frühjahr hatten die Forscher hier noch Anstiege von knapp sechs und gut acht Prozent vorausgesagt.

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          Die schwächere Konjunktur trifft den Instituten zufolge auch den Jobmarkt. Die Zahl der Arbeitslosen werde 2014 leicht auf 2,91 Millionen sinken, allerdings 2015 wieder auf 2,96 Millionen steigen. Dennoch werde es in beiden Jahren einen Beschäftigungsrekord geben. Die Zahl der Erwerbstätigen klettere im nächsten Jahr auf 42,65 Millionen, aber langsamer als zuletzt. Grund für die Entwicklung ist, dass Arbeitslosen wegen mangelnder Qualifikation die Jobsuche immer schwerer fällt, während viele Zuwanderer eine Stelle finden.

          Die Regierung trägt eine Teilschuld

          Auch der Regierung geben sie eine Teilschuld. „Die Aussichten für die Konjunktur sind auch deshalb gedämpft, weil Gegenwind von der Wirtschaftspolitik kommt“, erklärten die Ökonomen. „Das Rentenpaket und die Einführung des flächendeckenden Mindestlohns wirken wachstumshemmend.“ So verhinderten die „Rentengeschenke der  Bundesregierung“ eine Senkung des Rentenbeitrags. Zudem nutze die große Koalition ihren Spielraum nicht, um mehr zu investieren. „All dies wirkt sich wohl negativ auf die private Investitionsneigung aus.“

          Um die Binnenkonjunktur in Schwung zu bringen, empfehlen die Institute Steuersenkungen für Unternehmen. Deren Belastung sei zwar mit der Reform 2008/09 dank geringerer Sätze merklich zurückgegangen. „Allerdings liegt Deutschland hinsichtlich der nominellen und der effektiven Steuerbelastung nach wie vor im oberen Drittel der Industrieländer und deutlich über der in den meisten Schwellenländern“, so die Fachleute. Unternehmen könnten zudem durch eine Deregulierung und Bürokratieabbau entlastet werden.

          Einem breit angelegten Investitionsprogramm des Staates erteilen die Institute allerdings eine Abfuhr. Sie sprechen sich stattdessen für eine bessere Bildung aus. „Hohe Renditen wirft beispielsweise die frühkindliche Erziehung ab, zumal eine gute Infrastruktur für die Betreuung von Kindern auch dadurch positiv auf das Arbeitsangebot wirkt, dass sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert.“

          Die „Gemeinschaftsdiagnose“ wird von vier Konsortien von Wirtschaftsforschungsinstituten erstellt, zu denen das Berliner DIW, das Münchner Ifo, das Essener RWI und das IWH aus Halle gehören. Sie dient der Bundesregierung als Grundlage für ihre eigene Prognose, auf der wiederum die Steuerschätzung fußt. Zuletzt hatten sich auch die OECD und der Internationale Währungsfonds pessimistischer zur deutschen Konjunktur geäußert.

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