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Vierteljährlicher Preisbericht : Die Kerninflationsrate bleibt deutlich positiv

Die Inflationsrate ist in Deutschland auf dem niedrigsten Stand seit 22 Jahren Bild: dpa

Die Verbraucher wird es freuen: Die Inflationsrate ist in Deutschland auf dem niedrigsten Stand seit 22 Jahren. Im Euro-Raum ist sie sogar unter die Nulllinie gesunken. Doch ohne die Energiepreise ist die Rate weiterhin deutlich höher.

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          Die Verbraucher können sich freuen: Im vergangenen Jahr haben sich die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten praktisch nicht erhöht. Die Inflationsrate in Deutschland lag zur Jahresmitte bei 0,1 Prozent. Das war der niedrigste Stand seit 22 Jahren, wie die Statistiker errechnet haben. Im Euro-Raum ist die Rate sogar unter die Nulllinie gesunken. Eurostat schätzt sie im Juni auf minus 0,1 Prozent. So kostet der Korb an Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte im statistischen Durchschnitt kaufen, derzeit etwas weniger als vor einem Jahr. Und die Inflationsrate dürfte im negativen Bereich verharren. Droht nun – nach dem Inflationsjahr 2008 – eine Deflation?

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Unter Deflation verstehen Volkswirte ein Preisniveau, das über längere Zeit und auf breiter Front sinkt. Das ist bislang nicht der Fall. Vielmehr hat besonders ein einziger Preis – der für Rohöl – die gesamte Verbraucherpreisstatistik verzerrt. Vor genau einem Jahr, Mitte Juli 2008, kletterte der Ölpreis mit 147 Dollar (damals 92 Euro) je Barrel. Das war der absolute Höhepunkt in der Geschichte. Heute kostet ein Barrel (159 Liter) knapp 70 Dollar (umgerechnet rund 50 Euro). Das Auf und Ab der Ölnotierung hat die Preise für Energieprodukte heftig schwanken lassen. Nach einer Phase starker Verteuerungen im Sommer 2008 gab es eine merkliche Korrektur. Kraftstoffe kosten heute fast 15 Prozent weniger als vor einem Jahr, Heizöl hat sich um bis zu 41 Prozent verbilligt, wogegen Gas und Strom immer noch etwas teurer sind als vor einem Jahr.

          Der Ölpreis verzerrt das gesamte Preisbild

          Die vom Ölpreis getriebene Korrektur der Energiepreise schlägt sich in der Verbraucherpreisstatistik insgesamt dämpfend nieder. Die Bundesbank und die Europäische Zentralbank (EZB) sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Disinflation“ – einer Rückbildung der vorigen Inflation einzelner Preise. Auch einige Lebensmittel wie Milch, Quark oder Gemüse, deren Preise vergangenes Jahr stark stiegen, sind nun günstiger geworden. Da Energie und Nahrungsmittel im statistischen Warenkorb rund ein Fünftel des Gesamtgewichts ausmachen, haben sie die Rate auf Jahressicht kräftig gedrückt.

          Die sogenannte Kernrate der Inflation ist dagegen viel schwächer gesunken. Dieses Maß wird ohne die schwankungsanfälligen Energie- und Nahrungspreise berechnet. Sie lag im Euro-Raum nach den jüngsten Daten noch immer bei 1,5 Prozent – also weit entfernt von einem potentiell gefährlichen deflationären Bereich. Dass die Kernrate recht stabil ist, liegt vor allem an den wenig flexiblen Preisen für viele Dienstleistungen, die im Warenkorb immerhin gut 40 Prozent ausmachen. Der Index der Dienstleistungspreise lag zuletzt im Euro-Raum noch um 2,1 Prozent, in Deutschland um 1,6 Prozent über dem Vorjahresniveau. Die Wohnungsmieten in Deutschland steigen seit Jahren im Durchschnitt mit einer Rate von nur etwas mehr als 1 Prozent, wobei es deutliche regionale Unterschiede gibt.

          Manche Beobachter beunruhigt

          Diese großen Preisblöcke haben sich auch in der Rezession nur wenig bewegt. Eine Deflation könnte nach Ansicht der meisten Ökonomen potentiell gefährlich werden, wie das Beispiel Japan gezeigt hat. Selbst wenn in den kommenden Monaten die Inflationsraten negativ wären, was wegen des Ölpreis-Effekts wahrscheinlich ist, hat die Deflationsdebatte an den Märkten weitgehend ihren Schrecken verloren. Eine importierte Deflation wäre sogar als Geschenk für die Volkswirtschaft zu sehen, da die Kaufkraft der Verbraucher gestärkt wird und so die Konsumfreude stützt. Diese wichtige Nachfragekomponente hat zuletzt die Konjunktur hierzulande leicht stabilisiert.

          Gefährlich würde es nur, wenn die äußerst schwere Rezession zu einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale der Preise und der Wirtschaftsleistung führt. Diese Gefahr sieht die Europäische Zentralbank derzeit aber nicht. Nach ihrer jüngsten Projektion wird der harmonisierte Verbraucherpreisindex im Euro-Raum im Jahresdurchschnitt 2009 um 0,1 bis 0,5 Prozent über dem Vorjahresniveau liegen. 2010 könnte die Inflationsrate leicht anziehen und im Mittel etwa 1 Prozent betragen. Auch dies ist noch deutlich unter dem von der EZB angestrebten Ziel von Preisstabilität bei knapp unter 2 Prozent.

          Solange keine kräftige wirtschaftliche Erholung in Sicht ist, bleibt der Teuerungsdruck also gering. Bleibt die monetäre Analyse – also der Blick auf das Geldmengenwachstum. Zwar war das Wachstum der weitgefassten Geldmenge M3 zuletzt stark gebremst. Im Mai lag die Rate erstmals seit dem New-Economy-Crash 2000/2001 unter 4 Prozent – vor allem, weil die Banken nur noch zögerlich neue Kredite vergeben und manche Unternehmen schon über eine Kreditklemme klagen. Angesichts der Geldfluten (zuletzt 442 Milliarden Euro für ein Jahr), die von der EZB zum Mini-Zins von 1 Prozent an den Bankensektor verliehen werden, sind manche Beobachter beunruhigt. Die Ausweitung der Geldbasis könnte, sofern sie nicht rechtzeitig wieder zurückgeführt wird, mittelfristig den Inflationsdruck erheblich steigern.

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