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Sonntagsökonom : Von Kaffeeschaum und magnetischen Nadeln

Bild: F.A.Z.

In der Sprachakrobatik hat der amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan Jean-Claude Trichet von der EZB einiges voraus. Doch in der Vermittlung der Geldpolitik schneidet die fast langweilige EZB besser ab.

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          Nein, Alan Greenspan, der Vorsitzende der amerikanischen Zentralbank Fed, ist nicht unter die Kaffeemixer gegangen. Schaum sieht er nicht auf dem Latte Macchiato, sondern seit neuestem am amerikanischen Immobilienmarkt.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Mit der ungewöhnlichen Wortwahl drückt Greenspan seine Besorgnis aus, daß der Immobilienmarkt überhitzen könnte, ohne das gefährliche Wort der Blase in den Mund zu nehmen. Nun läßt sich nicht abstreiten, daß Schaum sich aus vielen Luftblasen zusammensetzt. Und womöglich dachte Greenspan auch an den irrationalen Überschwang, den viele Amerikaner beim Genuß eines gut gebrühten Kaffees empfinden. Auf jeden Fall aber hat der Vorsitzende der Fed abermals bewiesen, daß seine Wortbilder der Finanzwelt "conundrums", Rätsel, aufgeben.

          Europäische Notenbanker sind trockener

          Seine Kollegen auf dieser Seite des Atlantiks sind für eine blumige Sprache nicht bekannt. Wim Duisenberg, der frühere Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), schrieb immerhin mit markanten Aussagen verbale Währungsgeschichte. "Ein Euro ist ein Euro", hielt er etwa Bedenkenträgern entgegen, als der Außenwert der Einheitswährung in den Keller fiel, der Binnenwert aber stabil blieb.

          Dem jetzigen Präsidenten der EZB, Jean-Claude Trichet, fehlt die sprachkünstlerische Leichtigkeit des Alan Greenspan. "Die magnetische Nadel unseres Kompasses ist Preisstabilität", kommt hölzern daher. "Es ist wie in einer Rugby-Mannschaft, ich bin der Kapitän des Teams." Das klingt nun eher wie aus einer mißglückten Imagebroschüre, als daß es die Finanzmärkte bewegen könnte. Am rätselhaftesten ist der EZB-Präsident noch, wenn er in seine Vergangenheit als französischer Notenbankpräsident eintaucht und das Hohelied der "wettbewerblichen Disinflation" anstimmt. Das ist ein guter Ansatz, mit dem Trichet verbal zu Greenspan aufschließen könnte. Vielleicht aber ist das gar nicht so wünschenswert.

          Was der Bürger erwartet

          Denn eigentlich erwartet der normale Bürger von seiner Zentralbank ja keine unterhaltsame Wortakrobatik, sondern eine stabile Währung. Dazu gehört eine gute Vermittlung der Geldpolitik, damit die Finanzmärkte nicht unnötig überrascht werden und damit das Vertrauen der Bürger in ihr Geld nicht erschüttert wird. Unbestreitbar hat die EZB in Sachen Kommunikation ein Imageproblem. Ihr hängt gerade im Vergleich zur Fed der Ruf an, sie würde ihre Geldpolitik weniger gut erklären. Tatsächlich ist das nicht der Fall.

          Die Ökonomen Michael Ehrmann und Marcel Fratzscher haben die Kommunikation und die geldpolitische Entscheidungsfindung der Fed, der Bank von England und der EZB verglichen. Dabei zeigen sich große Unterschiede. Die 19 Mitglieder des Offenmarktausschusses der Fed (FOMC) legen in Reden ihre unterschiedlichen Einschätzungen der geldpolitischen und der wirtschaftlichen Lage offen. Stimmen sie dann über die Geldpolitik ab, gibt es indes fast keine Ausreißer.

          Pflege der Unterschiede

          Die neun Mitglieder des britischen geldpolitischen Rates dagegen pflegen die Unterschiede durchgängig: In der Öffentlichkeit legen sie Meinungsunterschiede offen, und Abstimmungen über die Zinsen gehen oft sehr knapp aus. Harmonisch und fast langweilig wirkt schließlich die Kommunikation der EZB. Die 18 Mitglieder des EZB-Rats lieben die Politik des offenen Mundes: Sie sprechen in der Gesamtheit häufiger als andere Notenbanker öffentlich, vermitteln dabei aber ein weitgehend einheitliches Bild. Und Zinsentscheidungen, so hört man, trifft der EZB-Rat im Konsens.

          Wie kommen diese unterschiedlichen Arten der Kommunikation an den Finanzmärkten an? Die Reaktionen der Marktzinsen zeigt, daß Aussagen von Zentralbankern die Märkte bewegen. Die Briten bereiten die Märkte dabei am wenigsten auf geldpolitische Entscheidungen vor. Die Bank von England mit ihrer offenen Vielfalt der Meinungen überrascht in ihrer Geldpolitik häufiger als Fed oder EZB.

          Gehört wird auf Greenspan

          Erstaunlich ist, daß die Fed, deren FOMC-Mitglieder abweichende Meinungen offenlegen, ebenso gut abschneidet wie die verbal einheitlichen Europäer. Das liegt daran, daß die Finanzmärkte vor allem auf den großen Vorsitzenden Greenspan hören und nicht auf andere FOMC-Mitglieder. Im Euro-Raum dagegen werden Worte des EZB-Präsidenten und anderer Ratsmitglieder gleich stark wahrgenommen.

          Deutlich wird so ein gewichtiger Unterschied zwischen Amerika und Europa: Die gut vorhersehbare Geldpolitik der EZB und ihre einheitliche Kommunikation gründen in einer geldpolitischen Strategie und nicht in Personen. Bei der Fed hängt dagegen alles an der Klugheit und an den Wortspielen ihres Vorsitzenden. Tritt Greenspan 2006 ab, fehlt der Fed zumindest vorläufig ein strategisches Rückgrat. Deshalb verfolgt die EZB mit ihrer klaren geldpolitischen Strategie und Kommunikation einen besseren Kurs als die amerikanische Fed.

          Michael Ehrmann, Marcel Fratzscher: Communication and Decision-Making by Central Bank Committees: Different Strategies, same Effectiveness? EZB Working Paper Nr. 488, Mai 2005.

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