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Börsenturbulenzen : Die große Schwellenangst

Die Börsenturbulenzen haben auch so manchen Fachmann ratlos gemacht. Bild: Reuters

China lässt die Aktienkurse taumeln. Aber die Welt hat größere Probleme. Sie muss sich auf ein langsameres Wachstum in Asien, Afrika und Lateinamerika einstellen.

          Das Beben der Börsen hat die Wirtschaftswelt erschüttert. Im Epizentrum steht China, der taumelnde Riese. In Schanghai sind die Börsenkurse in den Keller gerauscht, die Versuche der Regierung in Peking, den Abwärtstrend aufzuhalten, sind gescheitert. Erst nach einer Zinssenkung der Zentralbank haben sich die Kurse etwas gefangen. Vorübergehend erfasste der Abwärtsstrudel auch andere Märkte: Deutschland, Japan, die Vereinigten Staaten. Und sofort stellt sich die Frage, wie robust die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft sieben Jahre nach der letzten großen Krise überhaupt sind. Droht die nächste große Rezession - oder legen China und andere schwächelnde Wachstumsmärkte nur eine Atempause ein, bevor sie neu durchstarten?

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Es wäre viel zu kurz gegriffen, die Ereignisse auf China oder die Aktienmärkte zu reduzieren. Tatsächlich schwächeln die Schwellenländer reihenweise. Seit der Jahrtausendwende haben sie die Weltwirtschaft mit zum Teil zweistelligen Wachstumsraten angeheizt - nun stößt ihr rasanter Aufstieg an Grenzen: Brasilien und Russland rutschen in die Rezession, in Indien ist der große Entwicklungssprung noch immer nicht gelungen, in China erscheint das für dieses Jahr ausgerufene Wachstumsziel von Tag zu Tag unrealistischer, und in Südafrika ist die Landeswährung auf ein Rekordtief gefallen. Einst als Wachstumstreiber gefeiert, sind diese BRICS-Staaten heute die Wackelkandidaten der Weltwirtschaft.

          Wenn China bebt, zittern die anderen Schwellenländer

          Die Gründe für diese Wende sind so unterschiedlich wie die Länder. Russland hat sich politisch und wirtschaftlich ins Abseits manövriert, Brasiliens Korruptionsskandale lähmen die Wirtschaft, in Indien fehlt eine funktionierende Infrastruktur, und China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, macht einen Strukturwandel durch. Zugleich - und das ist das Gefährliche an dieser Situation - kämpfen die Länder jedoch mit Schwierigkeiten, die sich gegenseitig verstärken.

          Wenn China bebt, zittern auch die übrigen einstigen Hoffnungsträger. Ein Musterbeispiel für diese tückische Wechselbeziehung sind die gesunkenen Preise für Öl und andere Rohstoffe. Als ein Auslöser für den Preisverfall gilt der gezügelte Energiehunger der chinesischen Industrie. Die Folge sind Einnahmeausfälle für Rohstoffexporteure wie Brasilien und Russland.

          Immenser Schuldenberg

          Solange die Preise hoch waren, lief es für alle Beteiligten rund. Der Preisverfall deckt die Defizite jetzt schonungslos auf. Weder Russland noch Brasilien haben es geschafft, ihre Wirtschaft so zu modernisieren, dass sie nicht allein von Öl, Erz oder Eisen abhängig sind. Mindestens genauso bedrohlich ist der immense Schuldenberg, der sich in den Schwellenländern auftürmt. Es gibt Berechnungen, nach denen die Verbindlichkeiten, gemessen an der Wirtschaftskraft in den betroffenen Ländern, heute um 50 Prozent höher sind als zu Beginn der Asien-Krise im Jahr 1997. Besonders verschuldet sind oft nicht die Staaten, sondern Privatleute und Unternehmen. Viele Fachleute bezeichnen die chinesische Schuldenlast als tickende Zeitbombe. Der Wirtschaftshistoriker Moritz Schularick wies kürzlich darauf hin, dass in der westlichen Welt ein Schuldenberg wie der in China nie ohne Krise abgegangen sei.

          Verschärfend kommt hinzu, dass die Schwellenländer viele Anleihen in Dollar begeben haben. Verliert die nationale Währung gegenüber der Leitwährung an Wert, wie es fast in allen Weltregionen zuletzt der Fall war, wird es immer schwieriger, die Anleihen zu bedienen. Ausgerechnet jetzt denkt die Federal Reserve in den Vereinigten Staaten über die erste Zinserhöhung seit fast einem Jahrzehnt nach. Kommt es dazu, würden noch mehr Anleger und Investoren als bisher ihr Kapital aus China und anderen Schwellenländern abziehen.

          Tiefe Rezession unwahrscheinlich

          Wie gut die Weltwirtschaft diese Entwicklungen wegstecken wird, kann niemand genau vorhersagen. Dass es zu einer tiefen Rezession kommt, halten die meisten Fachleute derzeit für unwahrscheinlich. Zu groß sind die Devisenreserven, die zum Beispiel China im Notfall einsetzen kann, um die Konjunktur zu stützen. Und zu stark entwickelt sich die Konjunktur in den Vereinigten Staaten. Wahrscheinlicher erscheint ein anderes Szenario: Die Schwellenländer stürzen nicht ab, aber sie müssen sich auf ein geringeres Wachstumstempo einstellen - und das nicht nur vorübergehend.

          Die perfekte Arbeitsteilung der globalisierten Welt wäre damit passé: Seit fünfzehn Jahren stillen die Schwellenländer ihren Hunger nach Wohlstand mit einem wirtschaftlichen Aufholprozess, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Weil davon auch die vergleichsweise saturierten Industrienationen profitierten, gab es lange nur Gewinner. Der Traum, dass das immer so weitergeht, ist nun ausgeträumt. Die Weltwirtschaft muss auf einen Zustand gefasst sein, in dem die Schwellenländer kaum schneller wachsen als die Industrienationen.

          Das wird die stark vom Export abhängige deutsche Volkswirtschaft treffen, aber nicht umwerfen. Konzerne wie Volkswagen, die jedes dritte Auto in China verkaufen, bekommen das schon jetzt zu spüren. Sie müssen ihre Pläne nicht über den Haufen werfen, aber sie müssen gegensteuern und sich auf die neue Normalität einstellen.

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