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Schwacher Dollar : „Willkommen, ihr reichen Europäer!“

Shopping in den USA: soviel die Arme tragen Bild: ASSOCIATED PRESS

Die Turbulenzen an den Finanzmärkten haben auch ein Gutes. Der starke Euro macht das Einkaufen in Amerika für Europäer billig. In manchen Geschäften werden sogar schon Euros akzeptiert und Rabattgutscheine an Ausländer vergeben.

          6 Min.

          Die Franzosen sind schuld. Billy Leroy ging im November wie schon oft zuvor auf Einkaufstour nach Paris, um auf den dortigen Flohmärkten nach Schätzen für seinen New Yorker Antiquitätenladen zu stöbern. Leroy hat sich bei seinen Trips noch nie die Mühe gemacht, Geld umzutauschen. Er zahlt in Dollar, und zwar bar auf die Hand. Aber diesmal weigerten sich die französischen Händler auf einmal, Leroys Dollar zu nehmen: „Pas des dollars! Pas des dollars! So haben die mich angeraunzt“, erzählt Leroy. Vor lauter Frust habe er gar nichts eingekauft.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Aber dann kam ihm eine Idee: Ganz offenbar ist der einst allmächtige Dollar eine Währung in freiem Fall, die zunehmend verpönt ist. Vielleicht sollte er seinen Laden in New York auf Währungen ausrichten, die auf dem aufsteigenden Ast sind - also zum Beispiel den Euro, der im Vergleich zum Dollar im Moment eine Rekordmarke nach der anderen knackt. Seither akzeptiert „Billy's Antiques & Props“ an der Houston Street Euros als Zahlungsmittel. Leroy weist auf seinen Service mit einem selbstgeschriebenen Schild hin, das inmitten des Durcheinanders von alten Möbeln und Krimskrams steht: „Euros only“ - „Nur Euros“, heißt es darauf etwas überspitzt, denn natürlich nimmt er weiterhin Dollar. „Ich habe um die 2500 Euro eingenommen, seit ich damit angefangen habe“, sagt Leroy und zeigt ein dickes Bündel von Geldscheinen her, in dem neben Dollars auch etliche 50-Euro-Noten stecken. Die Euros will er nicht umtauschen, sondern für seinen nächsten Trip nach Paris aufheben.

          Kaufkraft der Europäer ist rasant gestiegen

          Wie sich doch die Machtverhältnisse geändert haben: Die Schwäche des Dollar macht Ausländer mit ihren starken Währungen zu einem immer wichtigeren Wirtschaftsfaktor in New York. Europäer nutzen den Höhenflug des Euro (oder auch des britischen Pfunds) und stürmen die Stadt, die auf einmal zu einem Billigparadies geworden ist. New York ist auf die ausländische Klientel dringend angewiesen, weil die Einheimischen sich wegen der Krise an den Finanz- und Immobilienmärkten mit dem Geldausgeben immer mehr zurückhalten. „Die Europäer federn im Moment die Schwäche bei den Amerikanern ab“, sagt Bill Brobston, General Manager beim Nobelkaufhaus Bergdorf Goodman an der Fifth Avenue.

          Das Kaufhaus Macy´s vergibt bereits Rabattgutscheine an Ausländer
          Das Kaufhaus Macy´s vergibt bereits Rabattgutscheine an Ausländer : Bild: Associated Press

          Die Kaufkraft der Europäer ist rasant gestiegen: Mehr als 1,57 Dollar gibt es mittlerweile für einen Euro, vor einem Jahr waren es 1,32 Dollar, vor zwei Jahren 1,20 Dollar. Längst hat der Euro als neues Statussymbol Einzug in die amerikanische Popkultur gehalten. Der Rapper Jay-Z brachte vor ein paar Monaten ein Musikvideo heraus, wo bündelweise 500-Euro-Scheine zu sehen waren. Talkshow-Moderator Jay Leno ließ sich vom Niedergang des Dollar zu einem Witz über den zurückgetretenen New Yorker Gouverneur Eliot Spitzer inspirieren, der über seinen Kontakt mit Edelprostituierten gestürzt ist: „Der Dollar ist mittlerweile so schwach, dass Eliot Spitzers Prostituierte auf Bezahlung in Euro bestehen“, juxte Leno.

          „Die Leute kaufen ein wie verrückt“

          Antiquitätenhändler Leroy sagt, die Hälfte seiner Kunden seien heute Europäer. Vor einem Jahr sei es vielleicht jeder fünfte gewesen. Zu den einkaufsfreudigen Deutschen gehören Brita und Bernd Nönneke und ihre Tochter Katharina aus Hannover. „Wir sind gestern mit zwei vollen Taschen bei Abercrombie & Fitch rausgegangen“, erzählt die 21 Jahre alte Katharina von einer Einkaufstour bei der amerikanischen Kultmodekette. Morgen soll es weitergehen mit dem Shopping, die Nönnekes wollen zu einem Outlet-Center vor den Toren der Stadt fahren. Im Moment gönnen sie sich eine Verschnaufpause. Sie stehen gerade mit einem Pulk von anderen Deutschen in der Filiale der italienischen Bekleidungsmarke Prada im Stadtteil Soho - aber nicht zum Einkaufen, sondern als Station einer Touristenführung zu markanten Drehorten der Fernsehserie „Sex and the City“ in New York.

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