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Schwache Wirtschaft : Ernüchterung in Südamerika

  • -Aktualisiert am

Die Proteste gegen soziale Missstände und die Kosten der Fußball-WM in Brasilien sind letztlich auch Ausdruck der Frust über die lahmende Wirtschaft Bild: AFP

Das Wirtschaftswachstum ist schwach, die Aktien auch. In ganz Lateinamerika wurde in den Boomjahren zu viel konsumiert und zu wenig investiert.

          Durch Südamerika schwappt derzeit eine Welle der Ernüchterung. Besonders deutlich zeigten dies vor kurzem die überraschenden Massenproteste in Brasilien. Neben der Wut über Korruption und marode öffentliche Dienstleistungen äußerte sich in den Protesten nicht zuletzt der Frust über die seit drei Jahren lahmende Konjunktur in Lateinamerikas größter Volkswirtschaft. Eine auf 6,7 Prozent beschleunigte Inflation schmälert die Realeinkommen. Der Konsum auf Pump stößt angesichts der hohen Verschuldung der privaten Haushalte und der wieder steigenden Zinsen an seine Grenzen. Die Zuversicht von Verbrauchern und Unternehmen sinkt rapide, die Zustimmung der Bevölkerung zur Regierung von Staatschefin Dilma Rousseff ist innerhalb eines Monats von 54 auf 31 Prozent gesunken. Das wird es noch schwerer machen, angekündigte Haushaltskürzungen und Zinserhöhungen zur Bekämpfung der Inflation umzusetzen.

          Der Boom der vergangenen Dekade ist vorbei - nicht nur in Brasilien. Jüngsten Prognosen zufolge wird das Wirtschaftswachstum in Lateinamerika 2013 noch unter den schon schwachen 2,8 Prozent des Vorjahres bleiben. Am internationalen Finanzmarkt gehörten lateinamerikanische Aktien zuletzt zu den größten Verlierern. Auch die Währungen der Latinos sind unter Druck geraten. Die Rückschläge sind zum großen Teil eine Folge von externen Einflüssen.

          Sinkende Exporterlöse

          Schon die bloße Ankündigung der amerikanischen Notenbank, dass die Liquiditätsausweitung in den Vereinigten Staaten demnächst verringert werden soll, hat zu einem Abzug von Finanzanlagen aus Lateinamerika geführt. Von größerer Bedeutung für die Realwirtschaft ist freilich die Abschwächung des Wirtschaftswachstums in China, das in der vergangenen Dekade zum mit Abstand wichtigsten Kunden für Südamerikas Rohstoffe geworden ist. Der brasilianische Bergbaukonzern Vale verkauft in China die Hälfte seiner gesamten Erzproduktion. Die Preise von Eisenerz, Kupfer und anderen Rohstoffen, die in vielen Ländern Südamerikas mehr als zwei Drittel der Exporterlöse einbringen, sind mit Chinas Schwäche auf Talfahrt gegangen.

          Neben diesen außenwirtschaftlichen Einflüssen tragen in einigen Ländern allerdings hausgemachte Probleme zu einer Verschärfung des Abschwungs bei. So lahmt das Wachstum besonders in Venezuela und in Argentinien. Die chronische Flucht des Privatkapitals vor den dirigistischen Regierungen der beiden Länder hat zu einer akuten Devisenknappheit geführt, die das Wirtschaftswachstum stranguliert. In ganz Lateinamerika wurde in den Boomjahren zu viel konsumiert und zu wenig investiert. Der Anteil der Investitionen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist in der Region halb so hoch wie in Asien und auch niedriger als im Weltdurchschnitt. Die Engpässe in der Infrastruktur treten daher deutlicher zutage.

          Reserven Argentiniens und Venezuelas aufgebraucht

          Ein Flächenbrand von Finanzkrisen, wie sie viele Länder Lateinamerikas in den achtziger und neunziger Jahren erlebt hatten, ist derzeit indes kaum zu befürchten. Die meisten Länder der Region sind heute weniger verwundbar gegenüber außenwirtschaftlichen Schocks als etwa zur Mitte der neunziger Jahre, vor dem Ausbruch der damaligen Krisen in Asien, Russland und Lateinamerika. Die Leistungsbilanzdefizite und die Auslandsschulden sind im Verhältnis zum BIP heute deutlich geringer, die Devisenreserven deutlich höher als seinerzeit. Zudem dienen flexible Wechselkurse heute als Puffer. Auch der Ausgangspunkt im Außenhandel ist ein ganz anderer. Die laufende Korrektur der Rohstoffpreise erfolgt von historischen Höchstständen aus. Das Austauschverhältnis zwischen Export- und Importgütern ist für Südamerika heute wesentlich günstiger als in den neunziger Jahren. So konnten die Südamerikaner in den Jahren 2011/12 im Durchschnitt 57 Prozent mehr Importwaren für ihre Exporterlöse kaufen als 1996/97, errechneten Volkswirte der brasilianischen Bank Itaú.

          Schon in der globalen Krise nach dem Lehman-Zusammenbruch 2008 hatten sich Lateinamerikas Volkswirtschaften insgesamt als sehr widerstandsfähig erwiesen. Allerdings haben einige Länder ihr Pulver für eine antizyklische Politik weitgehend verschossen und in der Erholungsphase nicht mehr nachgeladen. Das gilt insbesondere für Argentinien und Venezuela, wo eine permanent expansive Geld- und Fiskalpolitik die Reserven aufgebraucht und die Inflation auf Raten von 20 bis 40 Prozent getrieben hat. In geringerem Maße gilt dies auch für Brasilien. Dagegen haben sich Länder wie Chile und Peru mit einer auf Stabilität orientierten Wirtschaftspolitik bessere Wachstumschancen erhalten, obwohl die Bergbauländer zurzeit einen besonders starken Verfall der Exportpreise zu verkraften haben.

          Immer deutlicher trennt sich in Lateinamerika die Spreu vom Weizen. Während sich die aufstrebenden Volkswirtschaften der Pazifikküste zu einer nach außen offenen Freihandelszone zusammenschließen, versteift sich der atlantische Wirtschaftsverbund Mercosur von Venezuela bis Argentinien auf die immer stärkere Abschottung seiner Märkte. Das Wirtschaftswachstum ist in der Pazifik-Allianz doppelt so hoch wie im Mercosur, und dabei wird es vorerst wohl auch bleiben.

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