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Schlüsselqualifikationen : Männlich, Vollzeit, arbeitslos

Die Arbeitnehmer im Maschinenbau bekamen die Krise deutlich zu spüren Bild: AP

Das Krisenjahr zeichnet das deutliche Bild eines Verlierers. Sein Steckbrief: Er ist männlich, häufig eine industrielle Fachkraft, besetzte bislang eine Vollzeitstelle, wohnt vornehmlich im Westen oder Südwesten der Republik - und ist seit kurzem arbeitslos.

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          Das Krisenjahr 2009 kannte nicht viele Gewinner. Der deutsche Arbeitsmarkt zählte allerdings eindeutig zu den seltenen positiven Überraschungen. In der schwersten Rezession der Nachkriegszeit stieg die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt gerade mal um rund 150 000 auf etwas mehr als 3,4 Millionen, und die Zahl der Erwerbstätigen hielt sich über der Marke von 40 Millionen.

          Am Aktienmarkt würde man in einem solchen Fall wohl von einer „tollen Performance“ sprechen. Und doch zeichnet auch diese Krise das deutliche Bild eines Verlierers. Sein Steckbrief: Er ist männlich, häufig eine industrielle Fachkraft, besetzte bislang eine Vollzeitstelle, wohnt vornehmlich im Westen oder Südwesten der Republik - und ist seit kurzem arbeitslos.

          Ausbildung bleibt wichtig

          Wie kommt das? Bekamen nicht ganze Generationen die Losung mit auf den Berufsweg, dass eine gute Ausbildung der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit ist? Ja, und an der Gültigkeit dieser Aussage wird auch die Weltwirtschaftskrise nichts ändern. Ingenieure sind beispielsweise weiterhin gesucht, wenn auch in weit geringerem Ausmaß als noch vor zwei Jahren. Mit dem Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft sinkt nun einmal der Bedarf an ungelernten Kräften. Zudem sind einfache Tätigkeiten weitaus stärker von Rationalisierung, Automatisierung und Verlagerung bedroht. Diese säkularen Trends besitzen nach wie vor Gültigkeit.

          Allerdings haben die vergangenen Monate auch deutlich gemacht, dass es keine Garantie gegen den Verlust des Arbeitsplatzes geben kann. Schon während des vergangenen Abschwungs zu Beginn des Jahrzehnts mussten diese bittere Erfahrung viele Beschäftigte in der Finanzdienstleistungsbranche machen - Mitarbeiter von Banken und Versicherungen mit einem ordentlichen Jahresgehalt, die bis dahin Existenzängste oft nur vom Hörensagen kannten. Plötzlich geriet jedoch das eigene Koordinatensystem ins Wanken, endeten Karrierewege abrupt, platzten Lebensträume.

          Metaller bekamen die Krise am stärksten zu spüren

          Seitdem ist eine ganze Berufsgruppe traumatisiert. Wer das Ringen um Sozialpläne einmal mitgemacht hat, wird diese Erfahrung nie vergessen, selbst wenn er seinen Posten behalten hat. Die Unsicherheit bleibt. Deshalb haben nach Ausbruch der jüngsten Finanzkrise schon viele Mitarbeiter in den Banktürmen wieder mit dem Schlimmsten gerechnet. Doch der Kahlschlag blieb aus. Weil viele Geldhäuser ihre personalmäßig eher kleinen Investmentabteilungen schlossen oder zurückfuhren und sich stattdessen auf das renditeschwächere, aber stabilere Privatkundengeschäft zurückbesannen, wurde vielerorts sogar noch qualifiziertes Personal gesucht.

          Die Zeche zahlten diesmal andere. Die Folgen der Krise bekamen jene Branchen zu spüren, die in den Vorjahren einen fast atemberaubenden Aufschwung erlebt hatten: das Produzierende Gewerbe, an vorderster Stelle die Metall- und Elektroindustrie, sowie die Zeitarbeit. Geradezu tragische Züge trug die Metalltarifrunde 2008, als der IG-Metall-Vorstand erstmals eine Lohnforderung basisdemokratisch erheben ließ. Das Votum der Belegschaften, die vielerorts noch Zusatzschichten schoben, als der Zusammenbruch der Lehman-Bank im Herbst die Börsen auf der Welt bereits auf Talfahrt schickte, fiel mit 8 Prozent entsprechend üppig aus. Als in der Folgezeit die Aufträge für Maschinen, Werkzeuge und Anlagen „Made in Germany“ schneller storniert wurden, als die Mitarbeiter Überstunden abfeiern konnten, war die Krise auch in der „Realwirtschaft“ angekommen.

          Nachfrage nach Dienstleistungen bleibt

          Obwohl Millionen Beschäftigte durch Kurzarbeit die Kündigung vermeiden konnten, hat die Krise in der Metallindustrie die Beschäftigungsgewinne des gesamten zurückliegenden Aufschwungs schon aufgezehrt. Zu spüren bekamen dies vor allem die industriellen Kerne der Republik in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, wo die Arbeitslosigkeit seitdem deutlich gestiegen ist.

          Andererseits gibt es aber auch Akteure am Arbeitsmarkt, die die Krise bislang gut gemeistert haben. Ihr Steckbrief: Frau, Dienstleisterin, Teilzeitbeschäftigte und häufig Ostdeutsche. Denn nach der weitgehenden Deindustrialisierung während der neunziger Jahre ist der Anteil an Dienstleistungsberufen zwischen Dresden und Schwerin heute oftmals höher als im Westen. Und das Gastgewerbe, das Gesundheits- oder das Schulwesen verzeichneten auch im Krisenjahr 2009 Beschäftigungszuwächse von bis zu 4 Prozent. Häufig werden diese Dienstleistungsberufe von Frauen auf Teilzeitbasis ausgeübt.

          Sicherheit für die Zukunft lässt sich daraus aber nicht ableiten. Wenn die Arbeitslosigkeit in diesem Jahr weiter steigt, sinkt der private Konsum, was auch den Handel und das Gastgewerbe treffen wird. Und von der Konjunktur ist noch kein Rückenwind zu erwarten. Aus jetziger Sicht wird das Wachstum in diesem Jahr noch zu schwach sein, damit zusätzlich Beschäftigung entsteht. Ohnehin werden vielerorts zunächst die Arbeitszeitkonten wieder aufgefüllt werden müssen, wird Mehrbedarf an Personal bestenfalls durch Zeitarbeiter gedeckt. Ganz gleich ob Mann, ob Frau, ob Vollzeit oder Teilzeit - 2010 wird ein schwieriges Jahr am Arbeitsmarkt.

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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