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Rohstoffe : China sucht immer aggressiver nach Öl und Gas

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Bild: F.A.Z.

Das Wachstum des Landes ist von einer umfangreichen Energieversorgung abhängig. Doch die Kohle ist von schlechter Qualität - So bleibt den Chinesen nur der Import von Öl. Und der ist so groß, daß die Preise in Rekordhöhe schnellen.

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          Was treibt Fu Chengyu an? Was treibt den erfahrenen Manager, der seit fast einem Vierteljahrhundert im Ölgeschäft ist, Risiken auf sich zu nehmen, über die selbst die eigenen Vorstandsmitglieder nur den Kopf schütteln?

          Fu, CEO von China National Offshore Oil Corporation Ltd. (CNOOC), will sich eine Zinslast von einer Milliarde Dollar jährlich aufbürden. Zudem will er fast 80 Prozent des Börsenwertes seines Hauses riskieren, um mit Unocal einen amerikanischen Wettbewerber zu übernehmen.

          Zweitgrößter Öl-Verbraucher

          Ein Teil der Erklärung für den Poker mag im Ehrgeiz von Fu liegen. Er weiß, daß der drittgrößte Ölkonzern Chinas wachsen muß, wenn er weiter eine Rolle spielen will. Wichtiger aber ist das strategische Interesse. Denn CNOOC liegt über ihrer Muttergesellschaft in staatlicher Hand. Und kaum etwas braucht China dringender als Rohöl.

          Peking benötigt ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von etwa 8 Prozent jährlich, um neue Arbeitsplätze zu schaffen, den Kollaps der Immobilienpreise und Banken zu verhindern, soziale Unruhen zu vermeiden und den Machterhalt der Partei zu sichern. Das schwarze Gold ist dafür die Voraussetzung. So hat sich das Land in nur einer Dekade vom Ölexporteur zum -importeur gewandelt. Heute ist das Reich der Mitte - nach den Vereinigten Staaten - der zweitgrößte Verbraucher von Erdöl auf der Welt.

          Hoher Importwert

          Im vergangenen Jahr nutzte es 314 Millionen Tonnen Öl, gut 14 Prozent mehr als im Vorjahr. „Wenn China sich weiter modernisiert, wird die Nachfrage nach Öl und anderen Energieträgern deutlich steigen“, heißt es bei den Analysten von Standard & Poor's. Das benötigte Wachstum aber hat China in eine Falle geführt. Denn die eigenen Ölquellen zu erschließen ist extrem teuer, da sie weit entfernt von den Industriezentren der Küste in unwirtlichen Gebieten liegen.

          Kohle, die derzeit rund 70 Prozent von Chinas Energieverbrauch deckt, hat eine schlechte Qualität. Der angekündigte Bau von 32 Atomkraftwerken bis zum Jahr 2020 dauert viel zu lange, um die Energielücke zu schließen. So bleibt nur der Import von Öl. In diesem Jahr wird China 3,3 Millionen Barrel (a 159 Liter) Öl täglich einführen, fast die Hälfte seines Verbrauchs. Dieser Importwert liegt höher als der tägliche Ausstoß Norwegens, des drittgrößten Ölexporteurs der Welt.

          Staatkonzerne stören geopolitisches Gleichgewicht

          Dies führt zu einer aggressiven Öl-Einkaufspolitik Chinas, die die Welt so noch nicht gesehen hat: Seit Jahresbeginn haben die drei staatlichen Ölkonzerne schätzungsweise 2,5 Milliarden Dollar für Ölförderung und Pipelines investiert, weitere 20 Milliarden Dollar stehen zur Verhandlung. Knapp eine Milliarde Dollar investierten sie in den vergangenen zwölf Monaten in Rußland, etwa 1,5 Milliarden Dollar in Gas- und Ölfelder in Asien. Hinzu kommen milliardenschwere Verhandlungen über Zukäufe bis hin nach Afrika.

          Die chinesische Außenpolitik ist mehr und mehr davon bestimmt, die Nähe zu Ländern mit großen Rohstoffvorkommen zu suchen. „China hat die Konkurrenz um Rohstoffe bis in unseren Hinterhof vorangetrieben“, warnt Lisa Murkowski, Senatorin für Amerikas Bundesstaat Alaska. Dabei stören die chinesischen Staatskonzerne nicht nur das geopolitische Gleichgewicht, indem sie ungeniert auch aus vom Westen boykottierten Ländern wie Burma ihre Vorteile ziehen.

          CNPC ist eher Fördergesellschaft

          Sie treiben auch einen Keil in das bislang austarierte Gleichgewicht zwischen Erdöl produzierenden Ländern und den großen, global tätigen Ölkonzernen. „Die chinesischen Staatskonzerne können Bedingungen anbieten, die die anderen Wettbewerber aus wirtschaftlichen Gründen nicht rechtfertigen können“, sagt Kang Wu, Wissenschaftler beim East-West-Zentrum auf Hawaii. „Je mehr China seine Grenzen bei der Ölgewinnung überschreitet, um so unvermeidbarer wird es in Konflikt mit den Energiestrategien anderer Länder geraten“, warnt Standard & Poor's.

          Dabei hat China seine Strategie lange geplant: Wie bei Banken, in der Automobilindustrie, der Telekommunikation oder der Luftfahrt hat Peking seine Ölindustrie zusammengefaßt: China National Petroleum Corp. (CNPC) arbeitet vor allem im Norden des Landes und ist eher Fördergesellschaft, BASF-Partner Sinopec arbeitet im Süden und dort als Raffinerie.

          Auch den Chinesen zu teuer

          Bei der Restrukturierung wurden 110 Raffinerien geschlossen, Dutzende auf die beiden Staatskonzerne verschmolzen. CNOOC, Dritter im Bunde der Staatskonzerne, ist vorrangig für die Seeaktivitäten zuständig. CNPC hat ihr Tochterunternehmen Petrochina im Jahr 2000 für 3 Milliarden Dollar an die Börsen in New York und Hongkong gebracht. Sinopec folgte Monate später für 3,5 Milliarden Dollar.

          Bis August dieses Jahres will China die Tankanlagen für seine erste strategische Ölreserve in Zhenhai fertigstellen. Mit 5,2 Millionen Kubikmetern (33 Millionen Barrel) wird sie ein Drittel der geplanten Reserve halten. Diese Reserve reicht beim derzeitigen Verbrauch etwa für einen Monat. Wann die riesigen Tanks allerdings befüllt werden, ist offen. Denn die derzeitigen - von Chinas Nachfrage mitverursachten - Preise um den Rekordstand von 60 Dollar je Barrel könnten auch den Chinesen zu teuer sein.

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