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Premiere in Amerika : Notenbankchef Bernanke redet bald

Will reden: Ben Bernanke Bild: REUTERS

Am Mittwochabend stellt sich der Chef der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, erstmals in einer Pressekonferenz Fragen von Journalisten. Die Regeln sind vorgeschrieben, doch die neue Informationspolitik ist auch riskant.

          Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve (Fed) steht an diesem Mittwoch vor einer Premiere. Zum ersten Mal in den 97 Jahren ihrer Geschichte wird der Vorsitzende der Fed, Ben Bernanke, sich in einer regulären Pressekonferenz den Fragen von Journalisten stellen. Bankvolkswirte werten den Schritt positiv. Sie erhoffen sich von den Pressekonferenzen, die viermal im Jahr stattfinden werden, ein besseres Verständnis über den Kurs der Geldpolitik (siehe Pressekonferenzen zu Geldpolitik).

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          „Das Risiko ist, dass missverständliche Antworten von Bernanke größere Schwankungen an den Märkten hervorrufen könnten“, sagt Jan Hatzius, der Chefvolkswirt von Goldman Sachs (siehe Amerika und die Schulden: „Viele der Probleme liegen hinter uns“). Die Erfahrung auch der Europäischen Zentralbank (EZB) sei aber, dass Pressekonferenzen mehr helfen als schaden würden.

          Für die verschwiegene Fed sind die regelmäßigen Pressekonferenzen der vorläufige Endpunkt auf einem Weg zu mehr Transparenz, den auch andere Zentralbanken gehen. Bis 1994 teilte die Fed noch nicht einmal mit, dass sie den Leitzins verändert hatte. Die Marktbeobachter mussten die Beschlüsse aus der Entwicklung der Zinssätze am Geldmarkt selbst erraten.

          Erfahren im Umgang mit dem Kongress

          Die Hoffnung der Marktbeobachter auf neue geldpolitische Erkenntnisse könnte dennoch enttäuscht werden: Bernanke ist zwar offener und direkter als sein Vorgänger Alan Greenspan, der in Anhörungen vor dem Kongress ein Vergnügen an mehrdeutigen Formulierungen fand und nur wenig herauslassen wollte. Doch auch Bernanke hat in vielen Kongressanhörungen Erfahrung gesammelt, wie man Fragen zur Konjunktur oder Inflation beantwortet, ohne von der offiziellen Linie des Offenmarktausschusses abzuweichen (siehe Notenbankchef Ben Bernanke: „Ein Kumpel mit Bart, der Geld drucken darf“).

          Zweimal hatte der Fed-Vorsitzende sich in den vergangenen Krisenjahren schon außer Plan Journalistenfragen gestellt, zuletzt im Februar, als er den im November beschlossenen Ankauf von Staatsanleihen für bis zu 600 Milliarden Dollar besser erklären wollte. Beide Auftritte vor dem Nationalen Presseklub liefen moderiert ab. Fragen mussten vorab eingereicht werden, und der Erkenntnisgewinn war bescheiden.

          Zugang für Journalisten genau geregelt

          Am Mittwoch aber folgt Bernanke dem Beispiel der EZB und nimmt Fragen direkt an. Um den Zugang zu regeln, lässt die Fed nur Journalisten ein, die beim Kongress akkreditiert sind, je Medium nur einen. Die Pressekonferenz wird, auch das wie bei der EZB, im Internet auf der Seite der Fed übertragen. Abweichend vom üblichen Muster veröffentlicht die Fed die reguläre Erklärung zur Zinsentscheidung schon um 18.30 Uhr deutscher Zeit. Mit Beginn der Pressekonferenz um 20.15 Uhr deutscher Zeit publiziert sie dann ihre vierteljährlichen Wirtschafts- und Inflationsprognosen. Auch das ist ein Novum, bislang mussten die Marktbeobachter drei Wochen darauf warten.

          Für den Fed-Vorsitzenden bietet die Pressekonferenz die Gelegenheit, der in den vergangenen Monaten immer wieder aufbrechenden Diskussion der Mitglieder des Offenmarktausschusses über einen Ausstieg und das Ende des Ankaufs von Staatsanleihen seinen Stempel aufzudrücken. „Bernanke hat die Möglichkeit, mehr die Richtung vorzugeben“, sagt der Chefvolkswirt der Deka-Bank, Ulrich Kater. „Die Fed wird jetzt stärker mit einer Stimme sprechen, Mr. Dollar ist nun Bernanke.“ Die öffentliche Debatte zwischen den Präsidenten der regionalen Notenbanken lieferte den Märkten zuletzt freilich wertvolle Einsichten in das geldpolitische Denken, die über die schriftlichen Erklärungen der Fed hinausgingen. In der Frühzeit der EZB beschimpften gerade angelsächsische Beobachter eine ähnliche Vielstimmigkeit noch als Kakophonie.

          Erläuterungen aus erster Hand

          Nicht nur Finanzmarktteilnehmer, auch die normalen Amerikaner dürften mit Argusaugen verfolgen, wie Bernanke mit seinem im Kern zuversichtlichen Wachstumsausblick die erwartete Konjunkturabschwächung im ersten Quartal und den Preisausblick bewerten wird. Die Inflationsrate lag zuletzt bei 2,7 Prozent, steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise treiben die Teuerung. Lebensmittel für den heimischen Verzehr kosteten im März 3,6 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Die Amerikaner merken dies schmerzhaft in ihrem Geldbeutel, zumal die Lohneinkommen kaum steigen. Der Präsident der regionalen Federal Reserve Bank von New York, William Dudley, wurde vor kurzem nach einer Rede, in der er Inflationssorgen kleinredete, von einem aufgebrachten Zuhörer gefragt, wann er zuletzt einkaufen war.

          Geldpolitisch erwarten Volkswirte von der Fed-Pressekonferenz wenig Neues. Schon zuletzt schien festzustehen, dass die Fed den Ankauf von Staatsanleihen im Sommer beenden und nicht verlängern wird. Eine Anhebung des Leitzinses, der seit 2008 bei nahe null Prozent liegt, steht angesichts der noch hohen Arbeitslosigkeit in weiter Ferne. „Nach dem Spektakel um den negativen Ausblick der Ratingagentur Standard & Poor's für die Vereinigten Staaten wird Bernanke einen Teufel tun, den Ton zu ändern“, sagt Kater. „Er muss im Gegenteil noch mehr durchscheinen lassen, dass der Ankauf von Staatsanleihen im Sommer beendet wird. Sonst tappt die Fed in dieselbe Falle wie die Europäische Zentralbank.“

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