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Preise : Die Zeiten der hohen gefühlten Inflation sind vorbei

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

In Deutschland hat sich das nach der Einführung des Euro aus dem Gleichgewicht geratene Preisgefühl der Verbraucher normalisiert. Die Hälfte der Europäer hat aber trotzdem weiterhin Probleme mit dem Euro.

          Mehr als drei Jahre nach Einführung des Euro-Bargelds sind die Zeiten der hohen gefühlten Inflation in Deutschland vorbei. Während die subjektive Einschätzung der Teuerung und die tatsächliche Inflationsrate nach der Euro-Einführung zunächst weit auseinanderklafften, gibt es heute kaum noch einen Unterschied.

          Ähnlich drastisch hat sich das Gefühl einer hohen Inflation in den zwölf Euro-Staaten nur in den Niederlanden abgebaut. Im Euro-Raum verringerte die gefühlte Inflation sich zwar deutlich. Die Verbraucher in der gesamten Währungsunion spüren aber immer noch eine höhere Teuerung, als sie tatsächlich gegeben ist.

          Inflationswahrnehmung normalisiert

          Ablesbar ist diese Entwicklung am Vergleich von Umfrageergebnissen und der Entwicklung der Inflationsrate. Die Europäische Kommission fragt im Rahmen ihrer Konjunkturumfragen jeden Monat knapp 21.000 Verbraucher im Euro-Raum, ob die Preise in den vergangenen zwölf Monaten gestiegen oder gesunken sind. Der Saldo der positiven und negativen Antworten entwickelte sich in den Jahren vor Einführung des Euro-Bargelds im engen Gleichklang mit der Inflationsrate. Diese Harmonie des Preisgefühls und der tatsächlichen Teuerung wurde durch die Einführung des Euro-Bargelds gestört: Die Inflationswahrnehmung der Verbraucher schoß in fast allen Euro-Staaten in die Höhe, während die nationalen Inflationsraten nur wenig stiegen und im Trend stabil blieben oder fielen.

          An diesem Unterschied läßt sich ablesen, wie sehr die Verbraucher unter der gefühlten Inflation leiden. In Deutschland und in den Niederlanden hat sich vom Jahr 2003 an das Preisgefühl der Verbraucher wieder normalisiert. In den meisten anderen Euro-Staaten näherten sich subjektive Preissteigerung und Inflationsrate zumindest an. Unter den großen Ländern der Währungsunion ist dies am wenigsten in Frankreich und Spanien der Fall. Für den Euro-Raum insgesamt stellte die Europäische Zentralbank (EZB) jetzt eine gewisse Annäherung fest. Die Korrektur der gefühlten Inflation dürfte sich fortsetzen, wenn die Verbraucher sich an den Euro noch mehr gewöhnten.

          Probleme im Umgang mit dem Euro

          Nach einer Umfrage der EU-Kommission vom Dezember 2004 hat noch die Hälfte der Euro-Raum-Europäer "große" oder "einige" Schwierigkeiten im Umgang mit dem Euro. Ein Viertel rechnet bei alltäglichen Einkäufen den Euro-Preis in die frühere nationale Währung um, fast ein Viertel rechnet in Euro und in Landeswährung. Bei großen Geschäften wie dem Kauf eines Autos oder eines Hauses kalkulieren 49 Prozent in alter Landeswährung und nur 19 Prozent "meistens" in Euro.

          Und noch immer halten mehr Verbraucher im Euro-Raum die Inflation für höher als Ende 2001. Dabei lag die Euro-Inflationsrate in den Jahren 2001 und 2002 mit 2,3 Prozent höher als 2004 mit 2,1 Prozent. Nach Berechnungen des EU-Statistikamts trug die Euro-Bargeldeinführung zur Inflationsrate 2002 nur zwischen 0,1 und 0,3 Prozentpunkten bei. In ähnlicher Größenordnung wird der Effekt für Deutschland beziffert.

          Euro nur in Teilen ein „Teuro“

          Offensichtlich aber wirkt bei vielen Europäern der Eindruck nach, daß viele Unternehmen die Euro-Bargeldeinführung zu drastischen Preissteigerungen genutzt hatten. Der Euro hat zu höheren Preisen geführt, glauben nach der EU-Umfrage 95 Prozent der Menschen im Euro-Raum. In Teilbereichen trifft dieses Urteil zu, wie Untersuchungen für Deutschland ergeben haben. Kino- und Friseurbesuche, der schnelle Kaffee zwischendurch und der wöchentliche Gang zur Wäscherei wurden überdurchschnittlich teurer.

          Berichte, daß Restaurants ihre Preise teilweise eins zu eins von D-Mark in Euro umrechneten, bestätigt das Statistische Bundesamt aber nur für Einzelfälle. "Fast normal" für Restaurants waren freilich Preiserhöhungen um 20 Prozent, werten die Statistiker.

          Psychologie als Erklärung der „Teuro“-Hysterie?

          Zur Verzerrung des Preisgefühls der Europäer trug auch bei, daß vor allem Güter und Dienstleistungen des täglichen Lebens im Zuge der Euro-Bargeldeinführung 2002 schlagartig teurer wurden. Diese Preiserhöhungen nahmen die Verbraucher stark wahr, obwohl sie nur einen geringen Anteil an allen Ausgaben ausmachen. Übersehen haben die Verbraucher nach EZB-Einschätzung wohl auch, daß in den Monaten um die Bargeldeinführung Energie- und Nahrungsmittelpreise unabhängig vom Euro kräftig stiegen.

          Derzeit prüfen Statistiker weitere Gründe für die mittlerweile abgeklungene "Teuro"-Hysterie. Neu im Reigen der Argumente zur Erklärung des gestörten Preisgefühls ist die Psychologie. Die feste Überzeugung schon vor der Bargeldeinführung, daß die Preise steigen würden, hatte einen nachhaltigen und signifikanten Einfluß auf die anschließende Inflationswahrnehmung, befindet die EZB. Kurz gefaßt: Der "Teuro" war für viele nur Einbildung.

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