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Neues Allzeithoch : Spritpreis knackt die 1,60-Euro-Marke

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Nach dem Rekordhoch beim Öl folgt das Rekordhoch beim Spritpreis. Ein Liter Super kostete am Freitag im Bundesdurchschnitt 1,60 Euro. Und es drohen handfeste Auswirkungen: Wirtschaftsverbände fürchten Jobverluste, der Autohersteller VW stoppt seinen Pick-up - nur die Fahrradbranche frohlockt.

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          Nachdem der Ölpreis am Donnerstag die historische Marke von 145 Dollar pro Barrel geknackt hatte, sind am Freitag wieder die hohen Benzinpreise ins Zentrum des Interesses gerückt. Der Benzinpreis in Deutschland erreichte neue Höchststände: Ein Liter Superbenzin kostete nach Angaben aus der Mineralölwirtschaft im Bundesdurchschnitt 1,60 Euro. Ein Liter Diesel kostete 1,56 Euro.

          Durch die ständigen Rekordstände beim Benzin drohen allmählich handfeste Auswirkungen. Mehrere Wirtschaftsverbände befürchten, dass durch den teuren Sprit Arbeitsplätze gefährdet sind. Der Autohersteller Volkswagen kündigte angesichts der hohen Benzinpreise an, den im Nutzfahrzeugwerk Hannover geplanten Bau eines Pick-ups für den europäischen Markt gestoppt zu haben. Die Fahrradbranche hingegen frohlockt: Hier werden Umsatzsteigerungen vermeldet.

          Verbände fürchten um Jobs

          Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sieht durch die hohen Benzinpreise Arbeitsplätze in Deutschland in Gefahr. Die Preise gefährdeten Jobs, sagte DIHK-Chefvolkswirt Volker Treier. Direkte Wirkung hätten sie etwa auf die Logistikbranche und das Taxigewerbe. Indirekt seien aber auch konsum- und verbraucherbezogene Branchen wie der Einzelhandel oder die Gastronomie betroffen, weil Verbraucher die hohen Benzinkosten an anderer Stelle einsparten. Treier wollte aber keine genaue Zahl der gefährdeten Arbeitsplätze nennen. Wegen der kaum kalkulierbaren Verbraucherreaktion lasse sich dies nicht beziffern.

          Gut, wer jetzt noch Vorräte hat
          Gut, wer jetzt noch Vorräte hat : Bild: dpa

          Die „Bild“-Zeitung hatte hingegen unter Berufung auf verschiedene Branchenverbände berichtet, dass zehntausende Arbeitsplätze durch die hohen Benzinpreise bedroht seien. Das Blatt berichtete von bis zu bis zu 140.000 gefährdeten Stellen.

          Transport- und Taxiunternehmer besorgt

          In der Transportbranche könnten nach Angaben des Bundesverbandes Güterverkehr und Logistik (BGL) schon nach der Sommerpause rund 30.000 der knapp 600.000 Arbeitsplätze wegfallen. Die Unternehmen würden aber nicht nur durch den hohen Dieselpreis belastet, sondern auch durch die geplante Erhöhung der Lkw-Maut zum 1. Januar 2009, sagte der stellvertretende BGL-Geschäftsführer Adolf Zobel am Freitag. „Die Unternehmen stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagte er. Für das erste Halbjahr gehe der Verband von doppelt so vielen Insolvenzen aus wie im Vorjahreszeitraum.

          Auch der Deutsche Taxi- und Mietwagenverband (BZP) warnte, im Taxigewerbe seien bis zu 50.000 der 200.000 Arbeitsplätze gefährdet. „Wir sind äußerst besorgt“, erklärte Verbandsgeschäftsführer Thomas Grätz. Preiserhöhungen würden Kunden nicht ohne weiteres akzeptieren. Seit zwei Monaten sei bei den Fahrgastzahlen schon eine kleine Delle“ spürbar. Der Verband fordert, Taxiunternehmen den halbierten Satz bei der Ökosteuer zu gewähren.

          Volkswagen stoppt Pick-up-Produktion

          Angesichts der hohen Spritpreise und schlechter Absatzchancen gab der Automobilhersteller Volkswagen bekannt, den im Nutzfahrzeugwerk Hannover geplanten Bau eines Pick-ups für den europäischen Markt gestoppt zu haben. Ein Sprecher von VW Nutzfahrzeuge sagte am Freitag, eine Analyse habe ergeben, dass der Markt keine ausreichende Stückzahl für das geplante schwere Fahrzeug mit großer Ladefläche hergebe.

          Mit Blick auf die hohen Benzinpreise sagte er, die Rahmenbedingungen für den geplanten geschlossenen Pick-up hätten sich „radikal verändert“. An dem im argentinischen Werk Pacheco geplanten Bau eines robusteren, offenen Pick-up - vornehmlich für Schwellenländer - halte VW aber fest.

          Fahrradbranche frohlockt

          Unterdessen gibt es Signale aus der Fahrradbranche, die darauf hindeuten, dass immer mehr Autofahrer aufgrund der hohen Benzinpreise aufs Fahrrad umsteigen. „Die Stimmung geht eindeutig in Richtung Fahrrad, langfristig erwarten wir auf jeden Fall ein deutliches Plus“, sagte der Geschäftsführer des Verbunds Selbstverwalteter Fahrradbetriebe, Albert Herresthal. Fahrradhändler wie die Kette „Bike & Outdoor“ oder auch der Quelle Versand berichten von steigenden Umsatzzahlen bei Fahrrädern.

          Und der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) zeigt sich überzeugt, dass der Trend anhält: „Man muss nur rechnen“, sagte Karsten Klama, Leiter der Marketingabteilung des Verbands. Allein für Sprit geben Verbraucher laut ADFC im Laufe ihres Lebens rund 80.000 Euro aus - Tendenz steigend. Und wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, komme auch bei Parkgebühren, Versicherungen, Steuern oder in der Werkstatt wesentlich günstiger davon. Selbst die bereits angekündigten Preissteigerungen beim Fahrradkauf von bis zu zehn Prozent zum Jahresende, können diesen Effekt laut ADFC kaum beeinflussen.

          Energieexpertin kritisiert späte Reaktion auf hohe Preise

          Die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Claudia Kemfert, warf der Politik vor, zu spät auf steigende Energiepreise reagiert zu haben. „Leider sind wir spät dran ­ aber besser spät als nie. Hätten wir vor einem Jahrzehnt angefangen, Lösungen zu erarbeiten, hätten wir heute diese Probleme nicht“, wird Kemfert in der in Hannover erscheinenden „Neuen Presse“ zitiert. Sie forderte den effizienteren Umgang mit Energie.

          Es müsse stärker auf alternative Energien gesetzt und dafür gesorgt werden, dass die Verbraucher diese auch nutzen könnten, sagte Kemfert, die zu der Expertengruppe gehört, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums die Entwicklung der Energiepreise untersuchen soll. Mit kurzfristigen Steuersenkungen oder der Einführung von Sozialtarifen würde der Verbraucher langfristig nicht entlastet werden. „Wir brauchen langfristige Lösungen, wie wir umsteuern und eine Energiewende erreichen können“, erklärte sie.

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