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Konjunkturbericht : Eine leichte Abkühlung steht bevor

Bild: F.A.Z.

Die deutsche Wirtschaft hat drei Viertel der Rezession von 2009 aufgeholt und hat das nicht länger nur dem Export zu verdanken. Dieser Erfolg ist einzigartig. Doch nach dem starken Wachstum 2010 wird sich das Tempo verlangsamen.

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          Von der winterlichen Kälte lässt sich die deutsche Wirtschaft bislang nicht bremsen – die Konjunkturbarometer zeigen vielmehr steigende Hitzegrade an. Der viel beachtete Ifo-Geschäftsklimaindex hat sogar den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung erklommen. Demnach ist wahrscheinlich, dass die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal 2010 einen Schlussspurt hinlegt. Nach dem erstaunlich hohen Wachstum im Frühjahr (2,3 Prozent zum Vorquartal) und dem gemächlicheren Tempo im Sommer (0,7 Prozent) könnten im Herbstquartal 0,7 oder 0,8 Prozent Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu verbuchen sein.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die Jahresbilanz ist eindrucksvoll: Mit einem Wachstum von geschätzt 3,7 Prozent hat die deutsche Wirtschaft schon drei Viertel der Rezession von 2009, die einen BIP-Einbruch um 4,7 Prozent brachte, wieder aufgeholt. Unter den Industrieländern steht dieser Erfolg Deutschlands ziemlich einzigartig da.

          „Konjunktureller Tempoverlust“

          Freilich dürfte im Winter 2010/2011 eine Abkühlung bevorstehen. Die Weltwirtschaft arbeitet schon mit langsamerem Tempo, wie Umfragen und Frühindikatoren zeigen. Die Bundesbank schreibt in ihrem jüngsten Monatsbericht: „Für das erste Quartal 2011 deutet sich nach den bisher vorliegenden Informationen ein spürbarer konjunktureller Tempoverlust an.“ Ein Warnsignal für die deutsche Industrie war das stärker schwankende Auftragsvolumen: Im September sanken die Order wegen weniger Großaufträgen um 4 Prozent.

          Im Oktober stieg der Auftragseingang zwar wieder, um 1,6 Prozent; doch es blieb ein hässlicher Knick in der Trendkurve. Auffällig ist, dass aus dem Euro-Raum die Bestellungen nicht mehr so zahlreich kommen. Vergleicht man den Auftragseingang hingegen mit jenem vor einem Jahr, so zeigt der Zuwachs um fast 18 Prozent, welche Erholung die Industrie 2010 durchgemacht hat.

          Starker Export

          Angeführt wurde der Wiederaufstieg vom starken Export. Nach einem Einbruch der Ausfuhr um 14,3 Prozent in der Rezession ist sie in diesem Jahr vermutlich um fast 15 Prozent gestiegen. Einen so scharfen, V-förmigen Verlauf der Ausfuhr hatte kaum jemand erwartet. Dabei zeigt sich eine markante Verschiebung der für Deutschland wichtigsten Absatzmärkte: Die bei weitem höchsten Zuwächse brachten Asiens Schwellenländer, vor allem China, aber auch Indien.

          „In den ersten drei Quartalen des Jahres 2010 übertrafen die Ausfuhren von Waren in diese Länder den Vergleichsstand vor der Krise (die ersten drei Quartale des Jahres 2007) um beinahe 45 Prozent, gegenüber einem Rückgang von mehr als 5 Prozent bei den Gesamtlieferungen in andere Weltregionen“, hat die Bundesbank errechnet. Sensationell entwickelt sich der Handel mit China, wohin die Ausfuhr seit 2007 um fast 80 Prozent erhöht wurde. Vor allem Maschinen und Autos, Chemie und elektrische Geräte verkaufen sich gut.

          Allerdings wird die Wachstumsrate der Weltwirtschaft nach fast 5 Prozent in diesem Jahr im kommenden Jahr geringer. Die Pekinger Führung versucht, das Tempo ihrer Wirtschaft, die 2010 um fast 11 Prozent gewachsen ist, zu drosseln, um einer Überhitzung und Inflation vorzubeugen. Amerikas Wirtschaft, die dieses Jahr mit einer für ihre Verhältnisse enttäuschenden Rate von geschätzt 2,8 Prozent gewachsen ist, dürfte weiter eher schleppend vorankommen. Im Euro-Raum, der trotz des herausragenden deutschen Beitrags nur um etwa 1,7 Prozent gewachsen ist, kämpfen die Peripherie-Länder mit den scharfen Konsolidierungsmaßnahmen, die ihre kurzfristigen Konjunkturaussichten belasten. Ein Großteil des Euro-Raums, in den gut 40 Prozent der deutschen Ausfuhr gehen, steckt weiter in Schwierigkeiten, so dass die Nachfrage von dort verhalten bleibt.

          Investitionen und privater Konsum

          Zum Glück ist die deutsche Wirtschaft nicht mehr allein vom Exporterfolg abhängig. Der Aufschwung hat an Breite gewonnen. Im Laufe des Jahres 2010 ist er zunehmend von der Binnennachfrage getragen worden. Kräftig zugelegt haben die Investitionen der Unternehmen. Nach dem Einbruch von 2009 um 10 Prozent haben sie 2010 immerhin um 6,4 Prozent wieder aufgeholt. Weil die Produktionskapazitäten nun wieder gut ausgelastet sind (im Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes zu rund 83 Prozent), denken immer mehr Unternehmen nicht nur über Ersatz-, sondern auch über Erweiterungsinvestitionen nach. Die Bauindustrie hat dieses Jahr von den Konjunkturpaketen profitiert. Nun sind es die im historischen Vergleich niedrigen Zinsen, die besonders dem viele Jahre nicht gerade verwöhnten Wohnungsbau zu einem Schub verhelfen werden. Zur entscheidenden Stütze der Binnenkonjunktur dürfte im kommenden Jahr der private Konsum werden, der annähernd 60 Prozent des gesamten BIP absorbiert: Nach einem Zuwachs um 0,5 Prozent in diesem Jahr wird er nach Schätzungen 2011 um 1,5 Prozent zunehmen, gestärkt durch höhere Bruttolöhne und die breitere Beschäftigung.

          Risiko der Euro-Peripherie

          Die optimistischen Szenarien für ein Wachstum von 2,3 oder 2,4 Prozent, das die meisten Konjunkturforscher für möglich halten, werden von einigen Risiken überschattet. Neben der ungewissen Entwicklung in Amerika liegt die größte Gefahr an der Euro-Peripherie. Sollte eine Staatsschuldenkrise mit voller Wucht ausbrechen, würde dies auch den deutschen Aufschwung beschädigen. „Wie schnell und schwerwiegend Vertrauensschocks den Welthandel beeinträchtigen können und wie sehr Deutschland von den Exporten abhängig ist, hat das Winterhalbjahr 2008/2009 eindrucksvoll gezeigt“, heißt es in der Bundesbank-Risikobeurteilung.

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