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Konjunkturbericht : Drei Geschwindigkeiten im Euro-Raum

Bild: F.A.Z.

Deutschland an der Spitze, im Mittelfeld Frankreich und die Benelux-Staaten, weit hinten die Euro-Peripherie: Von einer allgemeinen Erholung kann keine Rede sein. Der monatliche F.A.Z.-Konjunkturbericht.

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          „Die Wirtschaft des Euro-Währungsgebiets befindet sich seit Mitte 2009 auf Wachstumskurs“, schreibt die Europäische Zentralbank (EZB) in ihrem jüngsten Monatsbericht. Das ist richtig - und es stimmt doch nicht. Im Durchschnitt geht es zwar aufwärts, in Deutschland und den mittel- und nordeuropäischen Volkswirtschaften sogar recht kräftig. Anderswo, vor allem im Süden, ist von einem echten Wachstumskurs nichts zu sehen. „In vielen Ländern geht es nur sehr zäh aus der Krise, daher kann man momentan nicht von einer Euro-Konjunktur sprechen, sondern von zwei oder sogar drei Konjunkturen“, sagt Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Auch der Chefvolkswirt der Ratingagentur Standard & Poor’s, Jean-Michel Six, spricht von „drei Geschwindigkeiten“: Deutschland und Finnland an der Spitze, deutlich dahinter Großbritannien, Frankreich, Italien und die Benelux-Länder. Und Griechenland, Irland, Spanien und Portugal? „S&P ist der Meinung, dass sie in der Rezession verharren werden“, sagt Six. In Griechenland schrumpft die Wirtschaft nun schon das dritte Jahr in Folge; das Land befindet sich in einer schweren Abwärtsspirale.

          Trotz dieser besorgniserregenden Entwicklung der Peripherieländer scheint sich das Wachstum im Euro-Durchschnitt beschleunigt zu haben. Grund dafür dürfte die wieder anziehende Weltkonjunktur im Schlussquartal 2010 gewesen sein. Im dritten Quartal hatte das Wachstum auf nur 0,3 Prozent verlangsamt. „Für das vierte Quartal schätze ich 0,6 Prozent“, sagt Chris Williamson, der Chefvolkswirt des Finanzdatendienstes Markit. Darauf deuten die starken Stimmungsindikatoren aus den europäischen Kernländern sowie der Auftragseingang hin, der sich seit dem schwachen September besonders in Deutschland wieder verstärkt hat.

          Während die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr um 3,6 Prozent gewachsen ist und damit fast vier Fünftel des Einbruchs der vorangegangenen Rezession wieder aufgeholt hat, kam der Euro-Währungsraum insgesamt nach Schätzung der EU-Kommission 2010 nur auf 1,7 Prozent. Ohne den deutschen Beitrag läge dieser Wert nur bei knapp 1 Prozent. „Es ist tatsächlich nur noch wenig aussagekräftig, hier einen Durchschnittswert zu bilden“, meint Williamson.

          Die deutsche Wirtschaft wird nach seiner Schätzung in diesem Jahr um 2,5 bis 3 Prozent wachsen. „Deutschland wächst damit fast doppelt so schnell wie das Euro-Gebiet, das um etwa 1,5 Prozent zulegt, wobei einige Länder sogar stagnieren“, prognostiziert Williamson. Und er fragt: „Wie setzt man für so einen Währungsraum den Leitzins?“ Ein paar wenige Analysten erwarten schon im Sommer eine Zinserhöhung, die meisten aber erst Anfang 2012. Allerdings hat sich die EZB-Führung zuletzt besorgter wegen der auf 2,2 Prozent gestiegenen Inflationsrate gezeigt. Deutschland könnte eine allmähliche Straffung der Geldpolitik gut verkraften.

          Die Stimmung der hiesigen Wirtschaft liegt nahe am Boomniveau. Zum Jahresbeginn ist das Ifo-Geschäftsklima nochmals gestiegen und liegt auf dem höchsten Stand seit Beginn der gesamtdeutschen Umfrage nach der Wiedervereinigung. „Die Startrampe für den Aufschwung war der Außenhandel“, erklärt Oliver Holtemöller vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), „vor allem der Export in die Schwellenländer China, Indien und Brasilien. Doch inzwischen hat die Binnennachfrage angezogen.“ Die inländische Nachfrage wird dieses Jahr mit Abstand den größten Beitrag zum Wachstum erbringen.

          Ein großer Block sind auch die Investitionen: Angesichts einer Kapazitätsauslastung von 84 Prozent in der Industrie erweitern die Unternehmen ihre Anlagen und kaufen mehr Maschinen und Fahrzeuge. Und die niedrigen Zinsen beleben den Wohnungsbau. Zugleich dürfte der private Konsum stärker werden, die weil Beschäftigung hoch ist und die Löhne deutlich steigen dürften. In der zweiten Jahreshälfte 2011 wird vermutlich das Niveau der Wirtschaftsleistung vor der Krise wieder erreicht.

          Der Rest Europas ist davon noch ein gutes Stück entfernt. Zwar ist das Vertrauen der Unternehmer, welches die EU-Kommission in Umfragen ermittelt, im Euro-Durchschnitt zum Jahresende 2010 kräftig gestiegen und hat sich im Januar nochmals erhöht, doch basiert dieser Sprung vor allem auf dem deutschen Optimismus. Nur in Finnland sind die Unternehmer ähnlich guter Dinge. Außerhalb des Euro-Raums glänzt Schweden mit kräftigem Wachstum. Recht zuversichtlich sind die Unternehmer in Österreich und den Niederlanden. Zwar hat sich auch in Frankreich das Geschäftsklima aufgehellt. „Die Franzosen profitieren jedoch weniger vom globalen Wachstum; sie sind auf den ostasiatischen und osteuropäischen Wachstumsmärkten weniger gut vertreten als Deutschland“, gibt RWI-Ökonom Döhrn zu bedenken. Italien hat kaum etwas vom weltwirtschaftlichen Aufschwung. Seine Industriestruktur ist konsumgüterlastig; das Land leidet unter der Konkurrenz der billigen Asiaten.

          Das Gefälle der Konjunktur hat sich laut der EU-Umfragen noch weiter verschärft. So sind die Unternehmen in Portugal und Spanien pessimistisch, die griechischen Unternehmer sogar regelrecht verzweifelt, und die Verbraucher sind sehr zurückhaltend mit Einkäufen. „In der Peripherie sind die Auftragseingänge in vier der letzten fünf Monate gesunken“, berichtet Williamson von den Markit-Einkaufsmanagerumfragen. Die finanziell angeschlagenen Länder müssen hart sparen, das belastet ihre Konjunktur. Als Folge ist die Arbeitslosigkeit hoch: In Spanien stieg sie zum Jahresende über 20 Prozent, in Irland sind fast 13 Prozent arbeitslos. Aus Griechenland fehlen aktuelle Daten, doch klettert die Quote nach Schätzungen in diesem Jahr auf 15 Prozent.

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