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Konjunktur : Wachstumsschub durch Flüchtlinge?

Flüchtlinge in einer Lernwerkstatt auf dem Gelände der Bayernkaserne. Bild: dpa

Nicht jeder Flüchtling kommt als Arzt oder Ingenieur nach Deutschland. Eine gute Ausbildung und Integration in den Arbeitsmarkt ist deshalb unerlässlich. Ein Kommentar.

          1 Min.

          Wenn bis zu einer Million Asylbewerber in diesem Jahr und noch viele mehr danach kommen, wird das die Wirtschafts- und Sozialperspektiven stark verändern. Kurzfristig wird die Konjunktur davon aber kaum beeinflusst. Der Staat stellt zwar Tausende neue Leute bei Polizei, Migrationsamt, Schulen und Sozialdiensten ein. Vermutlich kostet die Versorgung der Flüchtlinge insgesamt einen zweistelligen Milliardenbetrag. Wenn die öffentliche Hand aber an anderer Stelle Ausgaben kürzt, ist der konjunkturelle Effekt gering. Allerdings werden die sozialen Effekte und Spannungen sowie die Haushaltsnöte vieler Kommunen zunehmen.

          Wie aber entwickelt sich auf längere Sicht das wirtschaftliche Potential durch die Massenmigration? Einige Ökonomen haben schon über mittelfristig günstige Perspektiven spekuliert. Die alternde deutsche Gesellschaft und der Arbeitsmarkt könnten von den überwiegend jungen und motivierten Neuankömmlingen profitieren. Es stimmt theoretisch, dass ein höheres Arbeitsangebot das Potentialwachstum erhöht. Das gilt aber nur, wenn der Massenandrang in den Arbeitsmarkt integriert werden kann. Dafür braucht es eine moderne Ausbildung. Es darf bezweifelt werden, dass ein Großteil der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und aus Afrika wirklich so qualifiziert ist, wie Migrationsoptimisten behaupten. Arbeitsministerin Andrea Nahles stellte jüngst klar, dass nur jeder zehnte Asylbewerber direkt in eine Arbeit oder Ausbildung zu vermitteln sei. Die Sprachbarriere ist hoch. Und unter den Asylbewerbern vom Balkan sind viele Roma mit sehr geringer Ausbildung. Etwa 15 Prozent der Asylbewerber, so Schätzungen aus Bayern, sind Analphabeten.

          Für sie eine Beschäftigung zu finden, wird fast aussichtslos – zumal der Mindestlohn für Unqualifizierte eine Job-Hürde darstellt. Es ist zu befürchten, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Asylbewerber künftig arbeitslos und auf Sozialtransfers angewiesen sein wird. Erstaunlich ist, dass Ökonomen und Wirtschaftsvertreter, die zuvor eine qualifizierte und gesteuerte Zuwanderung forderten, nun den völlig ungesteuerten Zustrom ebenso gutheißen. Wenn Deutschland das Signal aussendet, dass im Grunde jede Art von Zuwanderung willkommen ist, darf es sich nicht wundern, wenn sich nochmals Hunderttausende mehr auf den Weg hierher machen. Dann würden die Grenzen der Aufnahmekapazität in den Gemeinden und am Arbeitsmarkt schnell überschritten.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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