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Konjunktur : Japans Wirtschaft vor der Wende zum Guten

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt befindet sich auf Erholungskurs. Die Wirtschaft wächst, die Regierung hält an ihrer Reformpolitik fest. Japans Notenbank kündigt einen Kurswechsel in der Geldpolitik an.

          Japans Wirtschaft ist weiter auf Erholungskurs. Unternehmen wie Toyota, Canon oder Sharp peilen abermals ein Jahr mit Rekordgewinnen an. Die Konsumgüterhersteller erfreuen sich einer kauffreudigen Kundenschar in den großen Einkaufsstraßen in Tokio, Osaka und Kyoto. Internationale Luxusgüterhersteller wie Hermes, Chanel oder Lange & Söhne machen hier gute Geschäfte. Die Margen sind hoch und die Kassen voll.

          Zwar melden Statistiker nach wie vor deflationäre Tendenzen in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Auch der Finanzsektor Japans gilt noch immer als angeschlagen. Doch nach Einschätzungen von Regierung, Notenbank und privaten Konjunkturexperten könnte in diesem Fiskaljahr abermals mit einem Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von mehr als drei Prozent gerechnet werden.

          Erfolgreiche Neustrukturierung der Unternehmen

          "Im Windschatten der globalen Konjunktur hat sich Japans Wirtschaft gut erholt", hatte Notenbankgouverneur Toshihiko Fukui in der vergangenen Woche in Osaka gesagt. Gründe dafür seien die anhaltend hohen Ausfuhren, ein sich verbesserndes Klima auf den heimischen Verbrauchermärkten und die weiter rasch steigenden Investitionen vieler Unternehmen, erklärte Takehiro Sato, Volkswirt der Investmentbank Morgan Stanley.

          Die Kapitalausgaben der Firmen sind nach jüngsten Angaben der Regierung im zurückliegenden Quartal auf 9,8 Billionen Yen (74 Milliarden Euro) gestiegen, 10,7 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. In der gleichen Zeit steigerten die Großunternehmen ihre Vorsteuererträge um mehr als ein Drittel. Dies spiegle die teilweise harsche, aber erfolgreiche Neustrukturierung der Unternehmen während der vergangenen Jahre wider, meinte Sato.

          Weiterhin starkes Wachstum

          Nach Einschätzung Tetsufumi Yamakawas vom Bankhaus Goldman Sachs könnten die jüngsten Angaben zu einer deutlichen Korrektur der Wachstumszahlen der Volkswirtschaft für das zweite Quartal führen. Den bislang vorläufigen statistischen Zahlen nach hatte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) für die drei Monate zwischen April und Juni 1,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal zugelegt. Im ersten Quartal war Japans Wirtschaft noch mehr als sechs Prozent gewachsen.

          "Angesichts der jüngst guten Zahlen aus dem Unternehmenssektor können wir durchaus von einer Korrektur der BIP-Steigerung auf 3,5 Prozent ausgehen", erklärte er in seinem Report. Ende dieser Woche sollen die statistischen Korrekturen seitens der Regierung bekanntgegeben werden. Die Volkswirte von Morgan Stanley blicken aber bereits weiter. Für das dritte Quartal dieses Fiskaljahres gehen sie von einem realen BIP-Zuwachs von 4,3 Prozent aus. Auch für das vierte Quartal rechnen sie mit einem starken Anstieg.

          Fragliche Berechnungsmethoden des BIP-Deflators

          Allerdings weist Takehiro Sato darauf hin, daß das reale Wachstum sich nicht zuletzt aus den in Japan oft fraglichen Berechnungsmethoden des sogenannten BIP-Deflators erklärt. Dieser stellt das Verhältnis zwischen nominellem und realem BIP dar und dient als Indikator für allgemeine Preisveränderungen. In der Vergangenheit sei vor allem der Deflator für Kapitalinvestitionen regelmäßig überschätzt worden. Das habe dann auch das reale BIP-Wachstum überzeichnet.

          Trotzdem meint Tomoko Fujii von der Citigroup in Tokio, daß die japanischen Haushalte wieder mehr Geld ausgeben. Die private Nachfrage, die mit 55 Prozent den größten Einzelposten in der gesamtwirtschaftlichen Rechnung Japans ausmacht, galt in den zurückliegenden Jahren als das entscheidende Hemmnis für die Überwindung der Wirtschaftsflaute. Hier zeichneten sich bereits Ende vergangenen Jahres erste Lichtblicke auf den Einkaufsstraßen des Landes ab.

          Anhaltend schlechte Lage am Arbeitsmarkt

          Im Juli legten die Ausgaben der privaten Haushalte weitere 1,1 Prozent gegenüber der gleichen Zeit des Vorjahres zu. Allerdings weist Fujii auch darauf hin, daß der Spielraum nach oben beschränkt sei. Grund sei die anhaltend schlechte Lage auf dem Arbeitsmarkt, meinte die Volkswirtin der Citigroup.

          Mit derzeit 4,9 Prozent liegt die Arbeitslosenquote zwar deutlich unter der Höchstmarke von 5,5 Prozent, die Anfang vergangenen Jahres erreicht wurde. Doch für japanische Verhältnisse ist der aktuelle Wert noch immer hoch. Dies aber komme den Firmen entgegen, meint Ryoji Musha von der Deutschen Securities in Tokio.

          Zahlreiche Unternehmen haben die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt genutzt und die Löhne eingefroren. So hat es etwa für die Mitarbeiter von Toyota seit drei Jahren keine Gehaltserhöhungen gegeben. Während der gleichen Zeit fuhr Japans größter Autobauer ein Rekordergebnis nach dem anderen ein.

          Umbau überkommener Strukturen

          Auch gehen nach Ansicht der Banker viele japanische Unternehmen nun aggressiver beim Umbau überkommener Strukturen vor. Augenfällig werde dies momentan im Bankensektor. Vor den Augen der japanischen Öffentlichkeit liefern sich die Finanzgruppen von Mitsubishi-Tokio und Sumitomo-Mitsui eine Übernahmeschlacht um die UFJ Holdings, was vor wenigen Jahren noch undenkbar war, meinte Analystin Setsuko Akiba. "Japanische Unternehmen haben Krise und Deflation genutzt, um sich vollkommen neu zu orientieren, zu positionieren und zu organisieren", erklärte Musha. Das beginne sich nun auch im gesamtwirtschaftlichen Zahlenwerk widerzuspiegeln.

          Der Gouverneur der Notenbank sieht das wohl ähnlich. Ohne konkrete Zahlen zu nennen, zeigte Toshihiko Fukui sich zuversichtlich, daß die Wirtschaft den im vergangenen Jahr eingeschlagenen Wachstumskurs hält. Treibt doch die Regierung ihre wirtschaftspolitische Reformagenda mit milliardenschweren Privatisierungen, Deregulierungen und Liberalisierungen der Arbeits- und Gütermärkte voran. Vor dem Hintergrund der jüngst positiven Entwicklung denkt Fukui daher schon laut über das Ende der im März 2001 eingeschlagenen ultralockeren Geldpolitik zur Überwindung der Wachstumsschwäche nach. So stimmt er die Märkte verbal schon auf Veränderungen ein.

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