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Konjunktur : Industrie zeigt leichte Ermüdungserscheinungen

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Bild: F.A.Z.

Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags wird die deutsche Industrie 2006 stärker wachsen als die gesamte Wirtschaft, das Wachstum aber an Dynamik verlieren. Der Stellenabbau wird fortgesetzt.

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          Die deutsche Industrie wird auch im kommenden Jahr stärker wachsen als die gesamte Wirtschaft. Allerdings wird der Zuwachs geringer als in diesem Jahr ausfallen, weil die internationale Nachfrage schwächer wird und die Binnennachfrage noch nicht kräftig genug ist, den Rückgang auszugleichen.

          Per Saldo wird der Stellenabbau auch im kommenden Jahr fortgesetzt. Zu den Ergebnissen kommt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in der dieser Zeitung vorliegenden Auswertung seiner traditionellen Umfrage unter knapp 10.000 Industrieunternehmen.

          „Die deutsche Industrie bleibt auf dem Wachstumspfad“, stellte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben fest. Basis der Wettbewerbsfähigkeit seien Investitionen in neue und innovative Produkte. Deshalb sei eine gute Bildungspolitik ein wichtiges Kriterium, um bei sinkender Schulabgängerzahl den Standort zu sichern. Die Industriebeschäftigung komme jedoch „trotz zusätzlicher Investitionen nicht in Gang“. Die kurzen Wochenarbeitszeiten wirkten gerade in Westdeutschland wie eine Beschäftigungsbremse. „Eine Ausweitung der vereinbarten Arbeitszeitkorridore steht deshalb weiter ganz oben auf der Tagesordnung“, sagte Wansleben.

          Weltkonjunktur trotz hoher Ölpreise robust

          Die Angaben der Industrieunternehmen gäben insgesamt Anlaß zur konjunkturellen Zuversicht für das Jahr 2006, äußerte der Chefvolkswirt des Kammerndachverbands, Axel Nitschke. Auf Basis der Umfrage unter 9.535 Industrieunternehmen erwarte er einen Zuwachs von zwei Prozent bei der industriellen Produktion. Dies sei zwar immer noch mehr als das gesamtwirtschaftliche Wachstum, dessen Zuwachs er auf 1,5 Prozent veranschlagt, aber weniger als in diesem Jahr. Mit 2,5 Prozent dürfte die Industrieproduktion wohl alleine für das gesamtwirtschaftliche Wachstum in Deutschland verantwortlich gewesen sein, das in diesem Jahr auf ein Prozent veranschlagt wird.

          Die Geschäftserwartungen der Industrie blieben mit einem Saldo von 8 Prozentpunkten positiv. Im Vorjahr hatten die guten Erwartungen noch 13 Punkte vor den schlechten gelegen. Aktuell beurteile die Industrie ihre Lage zuversichtlich, hob Nitschke hervor. Trotz der hohen Ölpreise sei die Weltkonjunktur robust. Auch helfe die leicht belebte Inlandsnachfrage vor allem nach Investitionsgütern. Für das kommende Jahr hofften die Konsumgüterhersteller, daß die Verbraucher in Deutschland ihre Kaufzurückhaltung aufgeben.

          Dabei setzen sie darauf, daß weniger negative Nachrichten vom Arbeitsmarkt die Stimmung bessern und bisher zurückgestellte Kaufentscheidungen endlich getätigt würden. Zwar spiele bei der Einschätzung der Konsumgüterhersteller auch die zum Januar 2007 geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer eine Rolle. Doch solle der Vorzieheffekt „nicht überschätzt werden“, sagte Nitschke.

          „Die Exporthoffnungen sind deutlich positiv“

          Der Export werde auch im neuen Jahr die wichtigste Wachstumsstütze der Industrie bleiben. Allerdings sähen die im Ausfuhrgeschäft tätigen Betriebe Risiken im Verhältnis des Dollars zum Euro wie auch in einer möglichen Abflachung in wichtigen Wachstumsmärkten wie Amerika. „Die Exporthoffnungen sind aber noch immer deutlich positiv“, stelle Nitschke fest. Alles in allem habe sich die Investitionsneigung der Industrie leicht verbessert.

          Deshalb dürfe mit einem Zuwachs der Investitionsausgaben auch im Inland gerechnet werden. Teils würden Erweiterungen der Produktionskapazitäten für die Ausfuhr notwendig. Neben Ersatz- und Rationalisierungsinvestitionen gäben die Unternehmen verstärkt Geld für die Herstellung neuartiger Produkte oder Produktionsmethoden aus. Investitionshemmend wirkten sich dagegen Steuerrechtsänderungen aus, die zu einer Verbreiterung der Bemessungsgrundlage führten, wie bei der Bewertung von Vorräten.

          Pharmaunternehmen sind Spitzenreiter

          Kleine Lichtblicke macht der DIHK-Report bei der Beschäftigung aus. 11 Prozent der Unternehmen wollten ihre Stellen ausweiten. Allerdings könne damit der von 28 Prozent der Betriebe geplante Stellenabbau nicht kompensiert werden.

          Nach Branchen geordnet, zeigt der Report bei den Geschäftsaussichten ein überwiegend positives Bild. Spitzenreiter seien Pharmaunternehmen mit einem Plus von 29 Prozentpunkten. Das weicht aber - wohl wegen der unterschiedlichen Basis - von einer am Montag veröffentlichen Umfrage unter forschenden Arzneimittelherstellern ab, die sich laut ihrem Verband auf ein Jahr der Stagnation mit in Deutschland sinkenden Erträgen einstellen. Laut DIHK sind auch in der chemischen Industrie (+20) und in der Elektrotechnik (+19) die Erwartungen sehr positiv. Schlechter als im Vorjahr dürfte das Geschäft 2006 dagegen in den Betrieben ausfallen, die sich mit der Gewinnung von Steinen und Erden (-21 Punkte) befassen, die in der Glas- und Keramikverarbeitung tätig sind (-11) oder im Holzgewerbe (-10).

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