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Konjunktur in Fernost : Chinas Wirtschaft wächst nach Plan - wie lange noch?

Chinesischen Studenten absolvieren eine Taichi-Übung für das Guinnes Buch der Rekorde. Bild: Reuters

Es ist die am meisten diskutierte Frage der Weltwirtschaft: Steht die zweitgrößte Wirtschaft China vor dem Kollaps? Das wohl nicht. Der Präsident selbst zeigt sich allerdings „besorgt“ – aus guten Gründen.

          Wohl selten zuvor hat die Finanzwelt den vierteljährlichen Konjunkturdaten Chinas so entgegengefiebert wie an diesem Montag: um 6,9 Prozent wächst die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt im dritten Quartal. Das ist etwas mehr als von Ökonomen zuvor erwartet.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          6,9 Prozent – das entspricht dem offiziellen Wachstumsziel der chinesischen Regierung für das laufende Jahr, nach dem das Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum Vorjahr „um die 7 Prozent“ zulegen soll. Vergangene Woche hatte das Pekinger Statistikamt sogar wissen lassen, unter diese Spanne falle sogar ein Wachstumswert von 6,5 Prozent.

          Noch während der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in der peruanischen Hauptstadt Lima gerade erst hatte die Frage nach dem Zustand der chinesischen Wirtschaft die Gespräche dominiert: Steht Chinas Wirtschaft nicht in Wahrheit kurz vor dem Kollaps und reißt den Rest der Welt mit hinunter? Danach sieht es nicht aus. Doch dass nun alles gut wäre in China – so einfach ist es auch nicht.

          Zweifel an den Zahlen

          Mit knapp 7 Prozent fällt Chinas Wachstumstempo so langsam aus wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Das oft vorgebrachte Argument, dass China damit aber immer noch so viel schneller wachse als andere Länder und die Welt neidisch sein müsste auf das Reich der Mitte - was die chinesische Staatspropaganda exakt ebenso sieht - hilft im Fall der Volksrepublik nicht viel weiter. China ist ein Schwellenland und kein reiches Industrieland. Würde China mit 1,8 Prozent wachsen wie die deutsche, oder mit 2,5 Prozent wie die amerikanische Volkswirtschaft, wäre Massenarbeitslosigkeit die Folge und möglicherweise soziale Unruhen von einem Ausmaß, die das Land insgesamt destabilisieren könnten.

          Rutschte das chinesische Wirtschaftswachstum dauerhaft sehr weit unter 7 Prozent, warnen die Ökonomen der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften, wären zig-Millionen Wanderarbeiter ohne Stelle. Für Universitätsabsolventen ist schon heute auf dem Arbeitsmarkt der Wettbewerb in vollem Gange: 35 Bewerber kommen derzeit auf eine ausgeschriebene Position.

          Nun ist Chinas Wachstum im Rahmen der Erwartungen geblieben, sofern man den offiziellen Zahlen glauben mag. Was allerdings sogar die als „Panda-Knuddler“, als notorische China-Optimisten bekannten Analysten des Analysehauses Capital Economics nach den neuen Zahlen nicht mehr tun. „China übertreibt das Wachstumstempo weiter“, ist die Reaktion auf die BIP-Zahlen überschrieben. „Diese bleiben ein politisches Instrument“, schreibt Ökonom Julian Evans-Pritchard.

          Dennoch werden die offiziellen Statistiken Pekings die wesentlichen Daten bleiben, nach denen die Finanzmärkte sich richten. So wie es bereits in Chinas „heißem Sommer“ war, in dem Mitte Juni zunächst die zuvor völlig übertriebenen Börsenkurse abzustürzen begannen und dann im Einklang mit jeder neuen schlechten Nachricht von der Konjunkturfront weiter fielen. Nun befindet sich beispielsweise der für die Festlandbörsen richtungsweisende CSI 300-Aktienindex wieder auf dem Niveau vom Dezember des vergangenen Jahres.

          Dass Chinas Wachstum nach drei Dekaden mit durchschnittlich zweistelligen Zuwächsen langsamer wächst, ist zunächst nicht nur eine ökonomische Normalität, sondern auch eine ökologische Notwendigkeit: So heftig wie bisher dürfen die Schornsteine der Fabriken um Peking und Schanghai herum einfach nicht mehr weiter rauchen, sonst ginge China tatsächlich dem Kollaps entgegen - dem seiner Umwelt.

          Aber auch aus ökonomischer Sicht ist geboten, dass das Land sein Wirtschaftsmodell umstellt: weg von den mit Krediten finanzierten Investitionen in Infrastruktur und Schwerindustrie, hin zu mehr eigener Hochtechnologie, deren Produktion so viel an Wertschöpfung im eigenen Land belässt, dass diese Löhne zahlen kann, die einen Binnenkonsum in China schaffen, der seinen Namen verdient.

          Gelingt der Wandel schnell genug?

          Blickt man nun auf die Konjunkturdaten des dritten chinesischen Quartals, bleibt auf den ersten Blick festzustellen: der Wandel der Wirtschaft ist auf dem rechten Weg. Die Schwäche von Schwerindustrie und Häuserbau wird durch die Stärke des immer wichtiger werdenden Dienstleistungssektors zumindest teilweise ausgeglichen, der bereits heute 52 Prozent der Wirtschaft ausmacht. So legten etwa die Umsätze im Einzelhandel um mehr als 10 Prozent zu, die Industrieproduktion wuchs um 5,7 Prozent.

          Dass die chinesische Wirtschaft und die Chinesen selbst künftig weniger abhängig sind davon, wie viele Häuser und Flughäfen die Regierung bauen lässt und wie viele Waren die Welt aus dem Reich der Mitte nachfragt, ist eine gute Nachricht. Dass die Nachfrage der Chinesen nach Leistungen der Gesundheitsindustrie ebenso zunimmt wie nach Urlaubsreisen, Unterhaltungs- und Finanzprodukten, ist es ebenso.

          Die Frage ist nur, wie schnell der Wandel der 10-Billionen-Dollar-Ökonomie in eine moderne Marktwirtschaft gelingt – und ob das gigantische Experiment überhaupt erfolgreich sein wird. Chinas Finanzminister hatte im Frühjahr vor Studenten der Pekinger Tsinghua-Universität verkündet, dass er die Wahrscheinlichkeit, dass China in der so genannten „Mittlere-Einkommen-Falle“ stecken und Schwellenland bleiben werde wie etwa Brasilien, auf „mindestens 50 Prozent“ taxiert. Chinas Präsident Xi Jinping hat sich an diesem Sonntag in einem schriftlich geführten Interview „besorgt“ um den Zustand der chinesischen Wirtschaft gezeigt. Das ist verständlich: der Berg an Herausforderungen, vor denen das Land steht, könnte kaum höher sein.

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