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Konjunktur : Großbritanniens neuer Aufschwung

Die britische Wirtschaft soll in diesem Jahr um 1,5 Prozent wachsen Bild: REUTERS

Unerwartet regt sich die Konjunktur auf der Insel. Dabei war Großbritannien zuletzt nur noch ein Schatten der Vergangenheit. Die Investitionsfreude fehlt aber noch.

          In Großbritannien zeichnet sich eine erstaunliche wirtschaftliche Wende ab. Noch im Frühjahr schien Europas drittgrößte Volkswirtschaft auf der Reise durch ein „verlorenes Jahrzehnt“ wirtschaftlichen Stillstands und vergeudeter Zukunftschancen. Zwei der drei führenden Ratingagenturen entzogen Großbritannien die Bonitätsbestnote AAA - ein symbolträchtiger Abstieg des Landes aus der Liga der erstklassigen Schuldner. Nur wenige Monate später liegt auf der Insel so viel Aufschwung in der Luft wie seit einem halben Jahrzehnt nicht mehr. Die OECD erwartet, die britische Wirtschaft werde dieses Jahr um 1,5 Prozent wachsen, annähernd doppelt so stark wie noch im Mai vorhergesagt - und gut doppelt so kräftig wie die deutsche Wirtschaft.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei war das Land zuletzt nur noch ein Schatten der Vergangenheit. Nach einem goldenen Jahrzehnt mit steigenden Einkommen und dynamischem Wachstum hatte die Weltfinanzkrise im Herbst 2008 die Briten in eine tiefe Rezession gestürzt, die zur Depression zu werden drohte. Der Wohlstandsverlust war größer und die Erholung viel schleppender als in fast allen anderen großen Industrieländern. Die Krise hat den Briten den Glauben an die Überlegenheit ihres wirtschaftspolitischen Modells geraubt. Das stammte noch aus den Thatcher-Jahren: Eine probate Mischung aus freien Märkten, Konsum und Schulden war über ein Vierteljahrhundert hinweg der Treibstoff für die Volkswirtschaft. Das abrupte Ende der Party hat das nationale Selbstbewusstsein schwer angeknackst.

          Der Kreditkreislauf kommt wieder in Gang

          Das wirtschaftspolitische Modewort der Stunde lautet heute „Rebalancing“. Es bezeichnet die Suche nach einem tragfähigen neuen Geschäftsmodell für das Land. Im akuten Krisenmanagement setzte die Regierung zunächst das härteste staatliche Sparprogramm seit Generationen ins Werk, um das Staatsdefizit einzudämmen. Das machte die konjunkturelle Vollbremsung noch härter. Um die Folgen zu lindern, flutet die Notenbank das Land seither mit Geld. Der radikale Mix aus restriktiver Fiskalpolitik und ultralockerer Geldpolitik hat lange nicht recht gewirkt. Weil das Wachstum fehlte, geriet auch die Haushaltssanierung ins Stocken, die Inflation nagt zusätzlich am Wohlstand.

          Doch plötzlich ist Hoffnung auf den Aufschwung da. Es scheint, als sei über Nacht eine Welle neuer Zuversicht ins Land geschwappt. Zahlreiche Konjunkturindikatoren zeigen plötzlich aufwärts. Bester Gradmesser für die bessere Stimmung ist der Immobilienmarkt, der in Großbritannien eine nationale Obsession ist. Im Juni sind die Hauspreise so stark gestiegen wie seit knapp sieben Jahren nicht mehr.

          Begünstigt wird die Wende von drei Faktoren: Erstens hat sich im krisengeschüttelten Euroraum, dem wichtigsten Handelspartner der Briten, die Lage zumindest vorerst stabilisiert. Das ist gut für Londons Banken und andere britische Exportunternehmen. Zweitens redet Finanzminister George Osborne zwar weiter viel vom Sparen, tatsächlich aber sind die Staatsausgaben in den vergangenen vier Quartalen gestiegen. Das sorgt für zusätzliche Nachfrage. Drittens geht es den Banken besser. Es sieht so aus, als komme der lange Zeit stockende Kreditkreislauf wieder in Gang.

          Konsum auf Pump und der Staat treiben die Nachfrage

          Die Frage, wie weit der britische Aufschwung trägt, ist damit allerdings noch nicht beantwortet. Bisher wird die Erholung stark vom privaten Konsum und von wachsenden Staatsausgaben getrieben. Für eine dauerhafte Erholung müssen aber die Exporte und die Investitionen der Unternehmen zulegen. Beide lahmen weiterhin, die Investitionen sind im ersten Halbjahr sogar gefallen. Das Leistungsbilanzdefizit, also die Lücke zwischen Importen und Exporten, ist auf den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten gestiegen, obwohl das britische Pfund gegenüber den Währungen wichtiger Handelspartner in den vergangenen vier Jahren rund ein Viertel abgewertet hat. Ein Wiederaufflammen der Euro-Krise wäre Gift für die britischen Ausfuhren.

          Die Abhängigkeit Großbritanniens vom privaten Konsum und von den Staatsausgaben als Konjunkturstimulanz ist gefährlich. Die nach wie vor hochverschuldeten Bürger können bei stagnierenden Einkommen nicht immer mehr ausgeben. Auch wird der Finanzminister früher oder später wieder zurück auf Sparkurs schwenken müssen, denn das Haushaltsdefizit von rund 6 Prozent zählt weiter zu den höchsten in Europa.

          Der bisherige Verlauf der britischen Wirtschaftserholung erinnert damit fatal an das Muster der Vergangenheit: Konsum auf Pump und der Staat treiben die Nachfrage, Außenhandel und Investitionen lahmen. Mit diesem volkswirtschaftlichen Geschäftsmodell hat Großbritannien während der Weltwirtschaftskrise Schiffbruch erlitten. Aber eine andere Wahl haben die Briten auf absehbare Zeit nicht. Eine leistungsfähige Exportwirtschaft entsteht nicht über Nacht, ebenso wenig, wie sich die Konsumgewohnheiten rasch ändern werden. Die Kreditkartenwirtschaft und das Immobilienmarktroulette sind in den vergangenen Jahrzehnten Teil der nationalen DNA geworden. Großbritannien nimmt den Ballast der Vergangenheit mit in die Zukunft.

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