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Konjunktur : Großbritannien steht vor Wirtschaftsflaute

  • -Aktualisiert am

Mit Polizeischutz: Am ersten Tag des Harrods-Schlussverkaufs in London herrscht großer Andrang Bild: REUTERS

Die Briten kaufen fleißig, aber nur Schnäppchen. Der Staat kämpft mit einem steigenden Defizit nach langen Jahren der Ausgabensteigerung. Großbritannien droht eine wirtschaftliche Flaute nach dem stärksten und längsten Konjunkturaufschwung der Nachkriegszeit.

          Die Briten sind vom Winterschlussverkauf berauscht. Tausende Verbraucher stürmen in den ersten Minuten nach Öffnung die Einkaufshallen, um billigste Sonderangebote zu ergattern. Doch der Schein trügt: Der Eifer der Konsumenten, sich Schnäppchen im Schlussverkauf zu sichern, zeigt, wie scharf viele Verbraucher mittlerweile rechnen müssen.

          Das Vorweihnachtsgeschäft sei schleppend verlaufen, stöhnt der Einzelhandel. Selbst wenn der Handel im Schlussverkaufsgeschäft überrannt wurde, warnen die Unternehmer vor sinkendem Absatz. „Wir werden uns auf ein sehr hartes Jahr einstellen müssen“, sagt Simon Wolfson, der Vorstandsvorsitzende der Einzelhandelskette Next. „Wir sind vorsichtig, denn bei vielen Verbrauchern laufen die günstigen Festzinshypotheken aus. Unsere Kunden werden teuer umschulden müssen, und das schlägt auf den Konsum“, warnt Wolfson.

          Der Bank von England sind die Hände gebunden

          Die Bank von England hat zwar kürzlich ihren Leitzins gesenkt, dies aber nach fünf vorangegangenen Zinserhöhungen. Banken fordern höhere Hypothekenzinsen und haben ihre Ausleihebedingungen verschärft. Kunden müssen für eine zweijährige Hypothek auf 95 Prozent des Hauswertes einen Zins von 6,44 Prozent zahlen. Das ist eine Belastung, die neben höheren Nahrungsmittel- und Energiepreisen immer weniger Verbraucher schultern können.

          Die Bank von England schreibt in ihrem jüngsten Kreditbericht, dass die britischen Banken ihre besicherten Kredite an Privatkunden „erheblich“ zurückgenommen hätten. In den vergangenen drei Monaten hätten die Banken auch ihre Kreditvergabe an Unternehmen „deutlich“ gedrosselt. Diese Entwicklung werde sich in den kommenden Monaten fortsetzen. Die Bank von England und der Britische Industrieverband (CBI) erwarten, dass dies die Konjunkturflaute verschärfen wird. Das Wachstum werde von 3 Prozent im vergangenen Jahr auf knapp 2 Prozent in diesem Jahr sinken. Angesichts einer Inflation von 2,3 Prozent sind der Bank von England aber die Hände gebunden, mit Zinssenkungen auf die Konjunkturflaute zu reagieren.

          Am Wohnungsmarkt sinken die Preise

          Großbritannien droht eine wirtschaftliche Flaute nach dem stärksten und längsten Konjunkturaufschwung der Nachkriegszeit. Die Finanzbranche und der Immobiliensektor hatten einen Großteil des Konjunkturaufschwungs getragen. Aber nun erleben gerade diese beiden Branchen eine deutliche Korrektur. Am Wohnungsmarkt sinken die Preise schon seit zwei Monaten. Mittlerweile berichten Makler sogar in den teuersten Wohngegenden Londons von schwächerer Nachfrage. Zu stark ist dieser Markt von den Bonuszahlungen der Londoner City abhängig. Dort geht den Investmentbanken jedoch vorläufig lukratives Geschäft im Kreditmarkt verloren, Liquidität und Kapital sind knapp, Mitarbeiter werden entlassen und Bonuszahlungen gekürzt. Dies belastet nicht nur die Angestellten, sondern wird die Steuereinnahmen von Finanzminister Alistair Darling verringern.

          Das britische Schatzamt kommt jetzt seine bisherige prozyklische Ausgabenpolitik teuer zu stehen. Die Briten verweisen auf die Ausgabenpolitik der öffentlichen Hand unter dem ehemaligen Finanzminister Gordon Brown, der nach seiner Amtsübernahme 1997 die öffentlichen Ausgaben deutlich ausweitete. Dies war zum Teil gerechtfertigt, weil das britische Ausbildungs- und Gesundheitswesen in den Regierungsjahren der Konservativen Partei unter extrem knapper Ausgabenpolitik gelitten hatte. Aber Brown erhöhte die öffentlichen Ausgaben in den Jahren des stärksten Wirtschaftsaufschwungs Großbritanniens. Die öffentlichen Ausgaben des Landes machen heute 22 Prozent des Bruttoinlandproduktes aus. Das ist höher als in den meisten anderen westlichen Industrieländern.

          Die Neuverschuldung steigt

          Trotz rasanten Wirtschaftswachstums und hoher Steuereinnahmen wandelte sich der anfängliche Haushaltsüberschuss Anfang der neunziger Jahre in ein konstantes Haushaltsdefizit. Die Neuverschuldung des britischen Staates ist im vergangenen Jahr ungeachtet der kräftigen Konjunktur weiter auf 34,3 Milliarden Pfund gestiegen. Die Briten fürchten, dass der Finanzminister nicht mehr lange die selbstgesetzte Obergrenze für die Gesamtverschuldung des Staates wird einhalten können. Noch liegt sie mit 38,8 Prozent knapp unter dem Wert von 40 Prozent des Buttoinlandsproduktes. Eigentlich müsste die britische öffentliche Hand mit Blick auf die Staatsfinanzen die Ausgaben drosseln und möglicherweise die Steuern erhöhen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Das britische Schatzamt muss sich auf höhere Ausgaben und knappere Steuereinnahmen einstellen. In den Monaten September bis November lagen die Steuereinnahmen nur um 5,4 Prozent über dem Vorjahr und nicht um 6,7 Prozent wie vom Schatzamt prognostiziert. Vor allem die Einnahmen der Körperschaftsteuer liegen derzeit nicht um 4,5 Prozent über den Steuereinnahmen des Vorjahres wie von Brown angekündigt. Stattdessen haben die Unternehmen in den ersten acht Monaten dieses Fiskaljahres nicht mehr Steuern gezahlt als im vergangenen Jahr.

          Gleichzeitig gab die öffentliche Hand in Großbritannien in diesem Fiskaljahr bisher 6,7 Prozent mehr aus als im Vorjahr, eine kräftigere Ausgabensteigerung als geplant. „Das Haushaltsdefizit ist so hoch, dass es kaum noch einen Spielraum zulässt“, kritisiert Richard Lambert, der Generaldirektor des Britischen Industrieverbandes, in seiner Frühjahrsbotschaft. „Die Regierung kann gerade jetzt nichts tun, um der Konjunktur mit noch höheren Ausgaben unter die Arme zu greifen.“

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