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Konjunktur : Das R-Wort ist zurück

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Medienberichte lassen sich als Konjunkturindikator verwenden: Je häufiger Zeitungen Artikel drucken, in denen das Wort „Rezession“ vorkommt, desto näher der Abschwung. In den vergangenen Wochen ist der sogenannte „R-Wort-Indikator“ wieder kräftig gestiegen.

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          Der deutschen Wirtschaft geht es prima, und dennoch schreiben die Zeitungen wieder von der Rezession. Das ungute Wort tauchte in deutschen Medienberichten der vergangenen Monaten etwa ähnlich häufig auf wie zu Zeiten des Abschwungs 2003. Und nun im August 2011, da Amerika und Europa ihre Sorgen um die Schulden nicht abschütteln können, läuft der sogenannte „R-Wort-Indikator“ schon wieder auf einen neuen Höchststand zu. Er misst, wie häufig Zeitungen Artikel drucken, in denen das Wort Rezession vorkommt.

          In der Vergangenheit war er recht zuverlässig. Den Abschwung der Jahre 2002 und 2003 zeigte er mit Vorlauf an. Die amerikanische Version „R-word indicator“, den die Zeitschrift Economist seit Anfang der 90er Jahre berechnet, zeigte die Rezessionen 1981, 1990 und 2001 und 2008 für die Vereinigten Staaten korrekt an. Prognostiker nutzen solche alternativen Krisenindikatoren ergänzend, da herkömmliche Kennziffern wie die Auftragseingänge der Industrie oder Zinsspreads Umschwünge oft zu spät signalisieren.

          Journalisten, so die Idee des R-Wort-Indikators, verdichten Informationen und reagieren auf negative, überraschende Nachrichten. Das wird etwa an den Werten des Indikators für September 2001 deutlich: Infolge der Terroranschläge von New York griffen die Medien die Frage auf, ob die Weltwirtschaft in die Rezession stürze – der R-Wort-Index stieg von 67 Punkten im August auf 193 im September. Damit war er ein Frühindikator, für Deutschland fast zu früh, denn die Rezession (zwei aufeinanderfolgende Rückgänge des Bruttoinlandsproduktes) begann erst in der zweiten Jahreshälfte 2002.

          Wie eine Studie des Ifo-Instituts vor drei Jahren zeigte, als der Gebrauch des R-Wortes zuletzt kräftig angestiegen war, eignet sich der Indikator zur Vorhersage eines Rezessionsbeginns vergleichsweise gut. Danach aber versagt er meist. Denn den Journalisten wird es offenbar schon im Laufe der Rezession zu langweilig, von ihr zu schreiben. So war es etwa 2003.

          Erst Anfang 2008 stiegt der Wert des Indikators seitdem wieder deutlich an – vor dem Hintergrund der platzenden Immobilienblase in Amerika. Im Oktober, dem Monat, nachdem die Bank Lehman Brothers fiel und mit ihr die deutsche Wirtschaft in die Rezession, erreichte der R-Wort-Indikator einen Rekordwert von 319. Diese Rezession hatte er zeitgleich mit ihrem Eintreten, nicht aber als Frühindikator angezeigt.

          Die seit 2008 schwelende Finanzkrise scheint die Journalisten nachhaltiger zu faszinieren als vorherige. Auch während des Aufschwungs schrieben diese und andere Zeitungen viel von der Rezession, was ein neues Phänomen ist und sich mit der anhaltenden Krisenberichterstattung aus Südeuropa und Amerika erklären lässt.

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