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Konjunktur : Das deutsche Wachstum ist labil

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Bild: F.A.Z.

Das Bruttoinlandsprodukt stieg 2005 um 0,9 Prozent, stagnierte aber im vierten Quartal. Die Wirtschaft ist weiterhin vom Export abhängig. Die Binnenkonjunktur lahmt, der private Konsum stagniert.

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          Die deutsche Wirtschaft ist im vergangenen Jahr nach vorläufigen Berechnungen um 0,9Prozent gewachsen. 2004 hatten die Statistiker noch einen Zuwachs des realen, also preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,6 Prozent verzeichnet. Der Präsident des Statistischen Bundesamts, Johann Hahlen, sagte vor Journalisten in Frankfurt, die Entwicklung sei "labil und nicht stabil". Ein breit angelegtes und sich selbst tragendes Wachstum lasse sich weiterhin nicht beobachten. Er dämpfte so die Erwartung, daß die Wirtschaft vor einem deutlichen Aufschwung stünde.

          In nominaler Rechnung erwirtschafteten die Deutschen 2005 ein BIP von 2,244 Billionen Euro. Im vergangenen Jahr standen zwei Arbeitstage weniger als 2004 zur Verfügung, in dem die Zahl der Arbeitstage sehr hoch war. Bereinigt um diesen Effekt wuchs das BIP 2005 mit 1,1Prozent ebenso stark wie im Vorjahr.

          Stagnation im vierten Quartal 2005

          Nach Aussage von Hahlen ist die Wirtschaft im Jahresschlußquartal 2005 gegenüber dem dritten Vierteljahr nach den derzeitigen Berechnungen nicht mehr gewachsen. Dies widerspricht den Erwartungen von Konjunkturforschern. So hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin erst diese Woche geschätzt, daß das BIP im vierten Quartal um 0,4 Prozent gewachsen sei.

          Hahlen ließ auf Nachfrage offen, ob die Stagnation auf den Wahlausgang und die Bildung einer großen Koalition zurückzuführen sei. Der Wachstumsverlauf im vergangenen Jahr, in dem auf ein starkes immer ein sehr schwaches Quartal folgte, zeige aber, wie labil die Erholung sei. Den statistischen Überhang für 2006 bezifferten die Statistiker mit rund 0,5 Prozent. Wüchse die Wirtschaft 2006 gar nicht, stünde somit am Jahresende trotzdem ein BIP-Plus von 0,5 Prozent in den Büchern.

          Glos lobt die Exportstärke

          Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) lobte am Donnerstag die Exportstärke der Wirtschaft. Tatsächlich gründet das Wachstum 2005 in der Außenwirtschaft, während die Binnenkonjunktur abermals lahmte. Der Außenbeitrag, also Export minus Import, trug 0,7 Prozentpunkte zum Wachstum von 0,9 Prozent bei. Die inländische Verwendung stieg verlangsamt um 0,2 Prozent.

          Der private Konsum, die bedeutendste Komponente der Binnennachfrage, stagnierte. Der Staatskonsum schrumpfte um 0,3 Prozent. Die Bruttoanlageinvestitionen gingen um 0,3 Prozent zurück. Dahinter verbirgt sich eine rasante Erholung der Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen um 4 Prozent. Belastend wirkte abermals das Baugewerbe. Die Bauinvestitionen schrumpften stärker als zuvor um 3,6 Prozent.

          Diese Entwicklung zeigt auch die Entstehungsseite des BIP. Gemessen an der Bruttowertschöpfung wuchs die Erzeugung im produzierenden Gewerbe ohne Bau um 2,6 Prozent, während das Baugewerbe um 4,1 Prozent schrumpfte. Glos gab sich angesichts der höheren Ausrüstungsinvestitionen zuversichtlich, daß der Funke der Außenwirtschaft "jetzt endgültig auf die Binnenkonjunktur überspringe".

          Ausgeprägte Konsumzurückhaltung

          Seit dem Jahr 2001 herrsche eine ausgeprägte Kaufzurückhaltung vor, sagte Hahlen. Während in den neunziger Jahren der private Konsum stets stärker stieg als die verfügbaren Einkommen, war es seit 2001 immer andersherum. 2005 wuchs das verfügbare Einkommen aller privaten Haushalte in nominaler Rechnung um 1,5 Prozent; der private Konsum stieg um 1,4 Prozent. Die Sparquote stieg abermals von 10,5 auf 10,6 Prozent.

          Gründe für die Konsumschwäche zeigt eine andere Statistik: Während die Unternehmens- und Vermögenseinkommen abgeschwächt, aber immer noch kräftig um 6,1 Prozent zulegten, schrumpfte trotz des um 1,6 Prozent steigenden Volkseinkommens erstmals seit 1992 das Arbeitnehmerentgelt, und zwar um 0,5 Prozent. Dahinter verbirgt sich ein Rückgang der Zahl der Erwerbstätigen und der Arbeitnehmer um 0,3 und 0,7 Prozent auf 38,7 beziehungsweise 34,4 Millionen. Der Trend zur Teilzeitarbeit und zur geringfügigen Beschäftigung trug zur Schrumpfung des Arbeitnehmerentgeltes ebenso bei wie der geringe Lohnzuwachs.

          Steigende Wettbewerbsfähigkeit

          Die Bruttolöhne fielen insgesamt um 0,3 Prozent, die Nettolöhne - nach Steuern und Sozialabgaben - stiegen um 0,1 Prozent. Je Arbeitnehmer ergab sich ein Plus der Bruttolöhne um 0,5 und der Nettolöhne um 0,9 Prozent. Nach Abzug der Inflation von 2 Prozent fiel das Realeinkommen je Arbeitnehmer. Hahlen sagte, ohne die Steuerentlastung wäre der private Konsum noch schwächer ausgefallen. Er hätte sich besser entwickelt, wenn die Energiepreise nicht so stark gestiegen wären.

          Die deutschen Unternehmen gewannen 2005 abermals an Wettbewerbsfähigkeit. Die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigenstunde stieg preisbereinigt um 1,5 Prozent. Bei einem Lohnkostenanstieg von 0,8 Prozent je Stunde sanken die Lohnstückkosten das zweite Mal nacheinander, und zwar um 0,7 Prozent.

          Rekordergebnis im Außenhandel

          Nach den vorläufigen Daten hat Deutschland 2005 ein Rekordergebnis im Außenhandel erwirtschaftet. Der Leistungsbilanzüberschuß stieg von 109,5 auf 112,9 Milliarden Euro, das ist der höchste Wert seit der deutschen Vereinigung. Erstmals seit Jahren bezogen die Deutschen mehr Vermögens- und Kapitaleinkommen aus dem Ausland, als sie dorthin leisteten.

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