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Konjunktur : Amerikas unvollständiger Aufschwung

Amerikas Aufschwung steht in dem Verdacht, gar kein richtiger zu sein. Bild: AFP

Der amerikanische Verbraucher hat durch die Finanzkrise die Lust auf den Konsum auf Pump verloren. Was hält ihn zurück?

          Als die amerikanische Volkswirtschaft 2008 abstürzte, verhielten sich junge Leute bemerkenswert: Sie blieben bei ihren Eltern wohnen. Der Anteil der Leute zwischen 18 und 35 Jahren, die einfach nicht von zu Hause auszogen, stieg von einem Viertel auf knapp ein Drittel Ende 2013. Hotel Mama war die Zuflucht in unwirtlichen Zeiten. Seit einem Jahr aber sinkt der Anteil der Nesthocker, wie Zahlen des amerikanischen Arbeitsministeriums zeigen. Die jungen Menschen trauen sich sehr langsam in die kalte Welt zurück. Die Wirtschaft habe offenbar wieder etwas zu bieten, lautet eine hoffnungsvolle Begründung.

          Solche ungewöhnlichen Statistiken finden auch die Aufmerksamkeit verunsicherter Ökonomen, die sich mit der Bewertung der amerikanischen Konjunktur derzeit schwertun. Denn diese sendet ziemlich verwirrende Signale aus. Präsident Barack Obama weist darauf hin, dass die Vereinigten Staaten 2014 sensationelle drei Millionen Arbeitsplätze geschaffen haben in einer Volkswirtschaft, die in diesem Jahr überdurchschnittlich gewachsen ist und sogar zulegen könnte. Die Weltbank erwartet für 2015 ein kräftiges Plus von 3,2 Prozent. In diesen Zahlen sieht Amerikas Aufschwung also höchst respektabel aus. Trotzdem steht er unter dem Verdacht, gar kein richtiger zu sein.

          Die Welt hätte Amerika gerne in der Rolle des Großeinkäufers

          Das könnte dem deutschen Leser gleichgültig sein, wäre da nicht jene Wirkungskette, die die Welt zur Schicksalsgemeinschaft macht. An der amerikanischen Volkswirtschaft hängt eine Menge, denn China wächst jedes Jahr weniger schnell, Russland und Brasilien stürzen ab, und die Eurozone stagniert. Deswegen hätte die Welt Amerika gerade jetzt gerne wieder in der Rolle des Großeinkäufers, die das Land bis zum Ausbruch der Krise ausgefüllt hatte. Damals bescherten vor allem die amerikanischen Konsumenten mit ihrer unverwüstlichen Kauflaune (und ihrer Vermögensillusion, was Immobilien betrifft) dem eigenen Land und den Exportländern gute Zeiten.

          Könnte es nicht wieder so werden, könnte der amerikanische Konsument nicht zu einer Kraftnatur werden? Heute, bei einer Arbeitslosigkeit von 5,6 Prozent – per Definition ist das fast Vollbeschäftigung – müsste das doch wiederholbar sein. Wer Arbeit hat, hat schließlich Geld für den Konsum.

          Doch diesmal verweigert sich der amerikanische Verbraucher: Im Dezember hat er die Welt erschreckt, weil er weniger Geld ausgab, als ökonometrische Modelle ihm vorgegeben hatten. Die Einzelhandelsverkäufe sanken vom November bis zum Dezember spürbar. Das hatten die Fachleute nicht erwartet. Einige revidierten darauf die Wachstumsprognosen nach unten, die Kapitalmärkte regierten ihrem Naturell entsprechend höchst erregt. Die Episode illustriert: Man traut dem Braten nicht. Was hält den Verbraucher zurück? Eine Antwort lautet: Gut verdient er immer noch nicht. Der private Sektor Amerikas schafft zwar seit 58 Monaten ununterbrochen Arbeitsplätze, seit elf Monaten in Folge jeweils mehr als 200000 Stellen. Aber die Löhne stagnieren, im Dezember sanken sie sogar.

          Bisher galt, dass auf einem Arbeitsmarkt nahe der Vollbeschäftigung die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer groß ist. Ihr Wunsch nach mehr Geld wird entweder erfüllt, oder sie wechseln zu einem Unternehmen, das bessere Konditionen anbietet. Wird das zum Massenphänomen, steigen das Lohnniveau, die Kaufkraft, die Kauflust und dann das Bruttosozialprodukt – theoretisch.

          Unbekümmertheit gegenüber dem Konsum auf Pump verloren

          In der Praxis verstärken sich die Hinweise, dass sich der Arbeitsmarkt zunehmend polarisiert. Ingenieure, Betriebswirte und andere höher Qualifizierte verdienen deutlich mehr als vor fünf Jahren, während die schlechter ausgebildeten Arbeitnehmer im Dienstleistungsgewerbe sogar reale Lohneinbußen hinnehmen mussten. In diesem unterdurchschnittlich bezahlten Sektor ist jedoch das Gros der neuen Jobs entstanden. Viele dieser Arbeitnehmer müssen sich zudem mit einer Teilzeitstelle begnügen, obwohl sie gerne länger arbeiten würden. Echte Vollbeschäftigung ist das nicht.

          In der Finanzkrise ging die Lust der Verbraucher auf Konsum zurück.

          Noch ein Faktor dürfte die amerikanischen Verbraucher vorsichtig machen: Sie haben in der Finanzkrise ihre Unbekümmertheit gegenüber dem Konsum auf Pump verloren. Meldungen über Millionen Familien, die in der Krise ihre Häuser aufgeben mussten, ernüchtern die Amerikaner. Jetzt sind auch Banken zurückhaltender geworden mit der Vergabe von Krediten an Konsumenten. Das muss keine schlechte Nachricht sein.

          Sie bedeutet aber auch, dass der amerikanische Durchschnittsverbraucher, an dem die Weltwirtschaft hängt, noch nicht wieder der alte ist: Er hat einen schlechteren Job als in den goldenen Jahren, zumindest was die Entlohnung betrifft. Er tilgt womöglich noch alte Schulden, und er ist nicht mehr so konsumfreudig.

          Die Geschichte ist damit nicht zu Ende. Die amerikanische Volkswirtschaft hat gute Wachstumsjahre vor sich, vor allem gespeist durch niedrige Energiepreise und niedrige Zinsen, die auch nach der für Mitte des Jahres erwarteten Erhöhung durch die amerikanische Zentralbank niedrig bleiben werden. Aber im Moment ist der Aufschwung unvollkommen.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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