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Kommentar : Pekings Angst

Chinas Wirtschaft wächst langsamer. Für die Stabilität des autokratischen Regimes ist das bedrohlich.

          Die zweitgrößte Wirtschaft der Erde wächst so langsam wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Wie von der Regierung vorhergesagt und von Fachleuten erwartet, hat das Bruttoinlandsprodukt Chinas im vergangenen Jahr nach offizieller Darstellung nur noch um knapp sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr an Größe zugelegt. Das wirkt im Vergleich mit der Konjunktur in Deutschland oder den Vereinigten Staaten immer noch dynamisch. Doch selbst von der Glaubensfrage abgesehen, ob Chinas Statistik geschönt ist oder nicht, künden die amtlichen Zahlen von einem gewaltigen Abstand zu der Prosperität früherer Jahre. Das wird nicht ohne Folgen bleiben.

          Im Gegensatz zu den entwickelten Ökonomien des Westens ist China nach wie vor ein Schwellenland: In der Milliardennation, die ein Fünftel der Menschheit beherbergt, beträgt die Wirtschaftsleistung pro Kopf nur ein Drittel der eines Deutschen oder Amerikaners. Für die Stabilität eines autokratischen Regimes, das seine Legitimation allein aus dem Versprechen ableitet, das Volk in den kommenden fünf Jahren zu „moderatem Wohlstand“ und danach an die Weltspitze zu führen, ist das bedrohlich.

          Nahezu täglich gelobt die chinesische Führung, das Wirtschaftsmodell umzubauen, in dem bisher vor allem Investitionen in Immobilien und Infrastruktur für stets wachsende Beschäftigung und steigende Einkommen gesorgt haben. Heute tragen die Staatskonzerne schwer an Schulden und Überkapazitäten, die Bürger leiden unter der Umweltverschmutzung. Künftig soll eine innovative Dienstleistungsökonomie sauberere Wachstumsquellen erschließen und wettbewerbsfähigere Produkte herstellen, die eine höhere Wertschöpfung ermöglichen.

          Dafür müsste Peking allerdings stärker auf den freien Austausch von Kapital, Ideen und Personen setzen sowie die Kontrolle über die staatsgelenkte Wirtschaft abgeben. In ihren Reden bekunden die Kader dann und wann den Willen, vieles besser zu machen. Die Eingriffe in die Finanzmärkte zeugen hingegen von Angst. Sollten im laufenden Jahr marode Staatsbetriebe Massen von Beschäftigten entlassen, könnte Peking die Konjunktur nach altem Muster mit neuen Milliarden stützen und die Chance zu dringend nötigen Reformen verpassen. Für die Weltwirtschaft, vor allem aber für China selbst, sind das ungewisse Aussichten.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

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